Okkupationswirtschaft

Aus MARJORIE-WIKI
Wechseln zu: Navigation, Suche

Okkupationswirtschaft ist eine Wirtschaftsform, die primär auf der Nutzung herrenloser Naturressourcen beruht. Sie war die ökonomische Grundlage für die Ausbreitung des Menschen über die Erde.

Anthropologische Bedeutung[Bearbeiten]

Die im Paläolithikum als Jäger und Sammler in Horden umherstreifenden Menschen hatten in ihren Streifgebieten nur zeitweise feste Lagerplätze und Siedlungen. Der Agrarwissenschaftler Bernd Andreae schreibt dazu:

„Am Anfang der Entwicklung steht nach allen kulturhistorischen Entwicklungstheorien eine reine Okkupationswirtschaft, die fast immer mit einer nomadischen oder halbnomadischen Lebensweise gekoppelt ist. Je nach den von der Natur gebotenen Nahrungsquellen handelt es sich um eine Sammelwirtschaft wie in allen drei Entwicklungsverlaufsformen Eduard Hahns oder um Jagd und Fischfang wie in der Dreistufentheorie Richard Krzymowskis oder aber um Kombinationsformen. Von einer planmäßigen Landbewirtschaftung kann noch keine Rede sein.“[1][2]

Bis zum ausgehenden Jungpaläolithikum waren die Menschen bei ihren Beutezügen an die jeweiligen Naturgegebenheiten in ihren Revieren gebunden. Mit „nomadisierender Lebensweise und vorwiegender Okkupationswirtschaft[3][4] gewannen sie die notwendigen Nahrungsmittel, Handwerkzeuge und Arbeitsmaterialien ausschließlich oder überwiegend durch unmittelbare gemeinschaftliche Aneignung und Verteilung der Naturreichtümer und erkundeten dabei neue Territorien. Waren die Jagd- und Fischgründe erschöpft, die Wildfrüchte abgeerntet, zog die Horde auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen weiter und ließ sich in regelmäßig wechselnden oder auch neu entdeckten Gebieten nieder. Auf diese Weise besiedelten die Jäger und Sammler mit Ausnahme der Antarktis alle Kontinente. Dabei passten sie sich immer wieder an die Umweltbedingungen in unterschiedlichen Klimazonen an und mussten vielfach neue Arbeitsmethoden zur Aneignung und Verwertung der natürlichen Ressourcen entwickeln . Dies betraf nicht nur die organisierte Vorbereitung und Durchführung gemeinschaftlicher Unternehmungen, sondern auch die Verwendung des Feuers, die Herstellung und Nutzung neuartiger oder verbesserter Kleidung, Werkzeuge, Jagd- und Kampfwaffen, Vorrats- und Transportbehältnisse oder die Errichtung befestigter Lagerplätze und Behausungen. Über „Jahrhunderttausende“[5] „okkupierten“ Menschen auf der Suche nach Nahrungsmitteln, Werkstoffen und sonstigen natürlichen Reichtümern neue Lebensräume.

Übergang von der Okkupations- zur Agrarwirtschaft[Bearbeiten]

Die unmittelbare Aneignung der Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände aus der frei zugänglichen Natur änderte sich erst allmählich im Verlauf der neolithischen Revolution. Ab etwa dem 9. Jahrtausend v. u. Z. entwickelten die Menschen neue Subsistenzstrategien und begannen sich durch Domestizierung nützlicher Tiere und Pflanzen und Herden begleitende Viehwirtschaft von rein extraktiven Wirtschaftsformen auf agrikulturelle Produktionsmethoden umzustellen.

„Diese Revolution, meint Toynbee, bedeutete, dass die Menschheit nicht länger nur ein Schmarotzer der Natur war […] Die Menschen hingen nicht länger von den Unwägbarkeiten der Wanderungen der Tiere und der zufälligen Verteilung der Pflanzen ab, sondern begannen die Nahrung zu produzieren, anstatt sie einfach zu sammeln. Produzieren bedeutet Planung […] weit in die Zukunft hinein und den Abschied vom impulsiven Von-Tag-zu Tag-Leben.“

Baden Eunson: Betriebspsychologie. 1990[6]

Die vorherrschende Lebens- und Wirtschaftsweise der Menschen beruhte solange auf „aneignenden Produktionszweigen“[7] und fortschreitender Okkupation, bis es ihnen gelang, die Natur nach und nach ihren Lebensbedürfnissen durch die Entwicklung und Anwendung agrikultureller Produktionsmethoden anzupassen und die notwendigen Lebensmittel in festen Siedlungen ausreichend selbst zu erzeugen.[8]

Mit dem Sesshaftwerden entwickelte sich in der frühen Agrargesellschaft wahrscheinlich nach und nach die gesellschaftsverändernde Idee des Grundeigentums und des privaten Besitzes an Nutztieren. „Das neue Eigentumskonzept zu etablieren […] bedurfte eines enormen intellektuellen Aufwandes, der Idee, dass es nun Dinge geben sollte, die Einzelnen gehörten, in einer Gemeinschaft Geltung zu verschaffen. […] Mit dem Sesshaftwerden wurde eines der fundamentalen Gesetze menschlichen Zusammenlebens ausgehebelt, eines, das eine halbe Ewigkeit lang ein alltägliches Gebot gewesen war: Nahrung muss geteilt werden! Die Idee des Eigentums unterläuft die urmenschliche Solidarität. Plötzlich wird ein Allgemeingut – das Nahrungsangebot der Natur – monopolisiert. […] Hier wird eine alltägliche, lebensnotwendige Handlung – das Sammeln von Früchten – nicht nur untersagt; sie wird kriminalisiert. […] Das Sesshaftwerden setzte Prozesse in Gang, die das Wesen menschlicher Gesellschaft radikal veränderten. Weil es den Jägern und Sammlern nicht möglich gewesen war, Vorräte anzulegen, hatten sie in soziale Beziehungen investieren müssen, damit sie Notsituationen mit Hilfe gegenseitiger Unterstützung überleben konnten. Kooperation war alles gewesen, Solidarität eine Lebensversicherung. Das kehrte sich jetzt um: Die Privatisierung der Ressourcen machte die Bauern von den Nachbarn unabhängig.“[9]

Begriffsverwendung in der Gegenwart[Bearbeiten]

Volkswirtschaftliche Bedeutung[Bearbeiten]

Der Begriff Okkupationswirtschaft wird in der Volkswirtschaftslehre und den Agrarwissenschaften als Terminus technicus verwendet und bezeichnet bestimmte, heute noch existierende Arbeitsweisen im Rahmen traditioneller Wirtschaftsformen und des Neo-Extraktivismus, der in Entwicklungs- und Schwellenländern verbreitet ist. Im Weltwirtschaftssystem gibt es vielfältige Relikte der ursprünglichen Okkupationswirtschaft bei der traditionellen Aufsuchung und Gewinnung von Naturprodukten und Bodenschätzen. Seit der Regierung Jair Bolsonaros leidet beispielsweise das Amazonasgebiet unter [...] zunehmender Aneignung von Land, vermehrter Okkupationswirtschaft und einer Lockerung der Umweltschutzgesetze[10]. Im realen, durchaus konfliktreichen Gegensatz zur Produktion in der eigentumsbasierten Agrargesellschaft oder industrialisierten Marktwirtschaft erfordern okkupierende Tätigkeiten in der herrenlosen[11], frei zugänglichen Natur keine Institutionen zur Planung und Organisation der gemeinschaftlichen Arbeit und außerdem weniger hierarchisierte „vertikale Arbeitsteilung“[12]. Formen der Okkupationswirtschaft werden nicht nur von Naturvölkern ausgeübt. „Die San sind hier nur eines von vielen Beispielen.“[13] Auch in eigentums- bzw. besitzfreien Nischen entwickelter Zivilisationen sind Elemente der Okkupationswirtschaft originär vorhanden, zum Beispiel zur Selbstversorgung oder im anarchischen, nicht gewerblichen Nebenerwerb. Vor allem in Entwicklungsländern existieren noch immer volkswirtschaftlich relevante Anteile der Okkupationswirtschaft. Diese spielen mehr oder weniger unter Beachtung staatlicher Konzessionen eine Rolle bei der Nutzung der „Wälder[14], der „Gewässer[15], des Bodens für Aussaaten und Pflanzungen“ im Wanderfeldbau[16] oder für Grabungen zur Gewinnung von Bodenschätzen in Form des „Wanderbergbaus“.

Übertragung des Begriffs[Bearbeiten]

Der Begriff Okkupationswirtschaft wird heute oft auch mit Bezug auf militärische Eroberungs- und Raubzüge der jüngeren Geschichte verwendet, beispielsweise für die vom deutschen Nationalsozialismus betriebene Okkupation[17] wirtschaftlicher Ressourcen und Erzeugnisse in Verbindung mit der „Eroberung neuen Lebensraums im Osten“. Dabei steht Okkupationswirtschaft nicht für eine Wirtschaftsform oder besondere Produktionsweise im Sinne der Volkswirtschaftslehre oder Agrarwissenschaften, sondern für den planmäßigen, völkerrechtswidrigen Raub und die Plünderung erbeuteter (okkupierter) Ressourcen, Unternehmen und Produkte im Verlauf militärisch geführter Okkupatioskriege.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Irmgard Sellnow: Grundprinzipien einer Periodisierung der Urgeschichte. Ein Beitrag auf Grundlage ethnographischen Materials (= Völkerkundliche Forschungen. Band 4). Akademie-Verlag Berlin, Berlin 1961.
  • Karl Hermann Tjaden: Soziales System und sozialer Wandel. Untersuchungen zur Geschichte und Bedeutung zweier Begriffe, Stuttgart: Enke, 1969 (Habilitationsschrift Universität Marburg), auch als gekürzte Taschenbuchausgabe, München: Deutscher Taschenbuch-Verlag, 1972, ISBN 3-423-04127-7
  • Arnold J. Toynbee: A Study of History. Oxford University Press, Oxford 1972.

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Bernd Andreae: Die epochale Abfolge landwirtschaftlicher Betriebsformen in Steppen und Trockensavannen. (=Schriften der Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften des Lanbaues e. V., Band 14), Landwirtschaftsverlag, Münster-Hiltrup 1977, S. 349-352
  2. Bernd Andreae: Agrargeographie. Strukturzonen und Betriebsformen in der Weltlandwirtschaft. De Gruyter, Berlin/New York 1977, ISBN 9783110085594, S. 69 ff. und 295 f.
  3. Werner Sombart: Die Ordnung des Wirtschaftslebens. Nachdruck von 1927. Springer, Heidelberg/Wiesbaden 2007, S. 20–26, ISBN 978-3-540-72253-3.
  4. Bernd Andreae: Weltwirtschaftspflanzen im Wettbewerb: Ökonomischer Spielraum in ökologischen Grenzen. Eine produktbezogene Nutzpflanzengeographie. De Gruyter, Berlin 2016, S. 67, ISBN 978-3-11-083977-7.
  5. Walter Markov, Alfred Anderle (Hrsg.): Kleine Enzyklopädie Weltgeschichte. (2. durchgesehene Auflage) Band 1, VEB Bibliographisches Institut, Leipzig 1981, S. 16.
  6. Baden Eunson: Betriebspsychologie. McGraw-Hill, Hamburg u. a. 1990, ISBN 3-89028-227-X, S. 5 (englisch 1987: Behaving – Managing Yourself and Others).
  7. Walter Markov, Alfred Anderle (Hrsg.): Kleine Enzyklopädie Weltgeschichte. (2. durchgesehene Auflage) Band 1, VEB Bibliographisches Institut, Leipzig 1981, S. 21.
  8. Klaus Holzkamp: Grundlegung der Psychologie. Neuauflage. Campus, Frankfurt 2003, ISBN 3-593-33572-7, S. 181–184: Kapitel 5.3.5 Von der Okkupations- zur Produktionswirtschaft: Dominanz „innergesellschaftlicher“ Entwicklungsgesetze, hier S. 182 (erstveröffentlicht 1983).
  9. Carel van Schaik, Kai Michel: Das Tagebuch der Menschheit. Was die Bibel über unsere Evolution verrät. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2016, S. 64 ff, ISBN 978-3-498-06216-3.
  10. Vgl. Die ernste Bedrohung des Amazonas wird durch Agrarplünderungen und Missionierung verschärft., ÖRK-News vom 27. August 2020 (zuletzt abgerufen am 24. März 2021).
  11. Herrenlos steht hier für Naturressourcen, die kein Privateigentum sind und die ohne Beachtung besonderer privater Besitzrechte genutzt werden.
  12. Rudolf Bahro: Die Alternative. Zur Kritik des real existierenden Sozialismus. Europäische Verlagsanstalt, Köln/Frankfurt am Main 1977, S. 176 ff, ISBN 3-434-00353-3.
  13. Gerd Spittler: Anthropologie der Arbeit. Ein ethnographischer Vergleich. Springer VS, Wiesbaden 2016, S. 161 ff, ISBN 978-3-658-10433-7.
  14. Siehe z. B. Franz Schmithüsen: Untersuchung über forstliche Konzessionen. Ein Beitrag zur Förderung der Forstwirtschaft in Entwicklungsländern. Dissertation ETH Zürich 1969
  15. Vgl. Diana Altner: Die Verkleinerung der Yakhautboote. Fischerkulturen in Zentral- und Südtibet im sozioökonomischen Wandel des modernen China. Harrassowitz, Wiesbaden 2009, S. 124, ISBN 978-3-447-05903-9
  16. Friedrich Aereboe: Allgemeine landwirtschaftliche Betriebslehre. Verlag Paul Parey, Berlin 1920, S. 485
  17. Dietrich Eichholtz: Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939-1945. Verlag De Gruyter Saur, München 2013, S. 409 f, ISBN 978-3-11-096489-9.
Info Sign.svg Dieser Wikipedia-Artikel wurde, gemäß GFDL, CC-by-sa mit der kompletten History importiert.