Kritik am Wirtschaftswachstum

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. In allen derzeitigen Wirtschaftstheorien werden für eine stabile Wirtschaftsentwicklung möglichst gleichbleibende Wachstumsraten vorausgesetzt. Verschiedene Ökonomen, Philosophen, Politologen, Globalisierungsgegner, Umweltschützer, Freiwirtschaftler und Wissenschaftler anderer Fachbereiche äußern Kritik am Wirtschaftswachstum, insbesondere an einem exponentiellen Wachstum, da gleichbleibende prozentuale Raten mathematisch betrachtet zu einer immer steiler ansteigenden Wachstumskurve führen. Unter dem Einfluss der Finanzkrise ab 2007 waren erstmals auch einige namhafte Politiker wie z.B. Kurt Biedenkopf, Horst Köhler oder Nicolas Sarkozy unter den Kritikern.[1]

Es werden unterschiedlich gewichtete Gründe für den destruktiven Zwang zu stetigem Wirtschaftswachstum angeführt: Der Rationalisierungsprozess, die unvollständigen Wirtschaftstheorien, die Kopplung von Wachstums- und Zinsrate, mathematischen Zinseffekte sowie politische und sozialpsychologische Faktoren.

Diese verschiedenen Kritikpunkte (s.u.) finden sich bei allen Autoren, allerdings mit unterschiedlichen Gewichtungen. Der grundlegende Anlass ist die Feststellung, dass jegliches Wachstum physikalisch begrenzt ist und unbegrenzte, insbesondere exponentielle Steigerungen automatisch zur Destabilisierung von Systemen führen, da nichts grenzenlos wachsen kann und sowohl die Märkte als auch die Ressourcen begrenzt sind. Dieser Umstand würde an verschiedenen Stellen von Wirtschaft und Gesellschaft zu unlösbaren Problemen führen, wenn das Wachstum an seine natürlichen Grenzen stößt.

Die Kritiker verweisen insbesondere darauf, dass es sich bei den Wirtschaftstheorien nur um Modelle handelt und nicht um die Wirklichkeit. Die meisten Autoren schlagen daher verschiedene Anpassungen der Modelle an die reale Wachstumsentwicklung vor. Wenige – insbesondere die Anhänger der Freiwirtschaftslehre – treten für vollkommen neue Modelle ein.

Die Grenzen des Wachstums[Bearbeiten]

Hauptartikel: Die Grenzen des Wachstums

Die erste und bislang bekannteste Veröffentlichung ist die Studie ’’Die Grenzen des Wachstums’’, die 1972 als Bericht an den Club of Rome erschien. Sie zeigt die möglichen Folgen eines unbeschränkten Wirtschaftswachstums für Ökologie und Gesellschaft auf, die eine Folge der begrenzten Ressourcen und der Übernutzung der vorhandenen Naturschätze sind. Nach der Überarbeitung von 2004 ergab sich in den meisten errechneten Szenarien der Studie ein wirtschaftlicher Kollaps zwischen 2030 und 2100. Die Studie hatte entscheidenden Einfluss auf die ökologische Bewegung. Politik und Wirtschaft reagierten vor allem mit strengeren Umweltgesetzen, freiwilligen Verpflichtungen der Industrie und insbesondere der Entwicklung immer besserer Technologien zur Erschließung neuer und effizienterer Ausnutzung vorhandener Ressourcen. Die Studie veranlasste allerdings nur sehr Wenige, das Wachstum als „Motor der Wirtschaft" grundsätzlich in Frage zu stellen.

Generelle Kritik[Bearbeiten]

Wachstumskurven: Exponentielle oder lineare Wirklichkeit?

Etwa seit Beginn des 21. Jahrhunderts richtet sich die Kritik zunehmend gegen das Wachstumsparadigma an sich und geht damit weit über die ökologischen Folgen hinaus. Dies stößt häufig auf Unverständnis, da das Wirtschaftswachstum in der Regel als einziger Weg zum Wohlstand angesehen wird.[1][2] Tatsächlich ist das Wirtschaftssystem im derzeitigen System auf permanentes Wachstum angewiesen, so dass die Verantwortlichen auch aus Sicht der Kritiker zweckrational handeln, wenn sie das Wachstum ankurbeln möchten.[3]

Um in der Öffentlichkeit Akzeptanz zu finden versuchen viele Autoren, an der leicht zu belegenden Unmöglichkeit grenzenlosen Wachstums anzusetzen. Dr. Hans Diefenbacher, wissenschaftlicher Referent für Ökonomie an der Forschungsstätte der Ev. Studiengemeinschaft in Heidelberg stellt zum Beispiel folgende Rechnung auf: „Ein Wachstum von nur 1% bedeutet bereits eine Verdoppelung der Wirtschaftsleistung in nur 72 Jahren; ein Wachstum von 4% (wie es in den 1970er und 80er Jahren vorkam) bewirkt eine Verdoppelung in nur 18 Jahren. Ein regelmäßiges Wachstum in dieser Höhe würde nach sieben Generationen das 1000-fache des Ausgangsbetrages ergeben!"[2]

Seit der internationalen Finanzkrise wird erstmalig ernsthaft diskutiert, ob eine Wirtschaft „ganz ohne Wachstum funktionieren und zugleich Lebensqualität bringen kann".[1]

Hintergrund[Bearbeiten]

Hauptartikel: Wirtschaftswachstum

Einkommen und Güterangebot sind begrenzt. Bedürfnisse jedoch können „unbegrenzt“ sein. Ziel des Wirtschaftens ist es, die Knappheit von Einkommen und Gütern zu „überwinden“. Wenn durch Wirtschaftswachstum mehr Güter und Dienstleistungen zur Verfügung gestellt werden, dann steigt nach den klassischen Wirtschaftstheorien der Wohlstand. Das Wachstum erfüllt dabei drei Funktionen: Die Verbesserung der Güterversorgung, die Sicherung und Steigerung des Arbeitsplatzangebotes trotz arbeitsplatzsparenden technischen Fortschrittes und eine soziale Verteilung von Einkommen und Vermögen. Diese Lehrmeinungen erklären allerdings nicht die Realität; sie sind nur theoretische Modelle, die immer wieder an die realen Bedingungen angepasst werden müssten.[4]

Kritikpunkte[Bearbeiten]

Im Folgenden werden die verschiedenen Kritikpunkte aufgeführt, die bei allen Kritikern zu finden sind, jedoch unterschiedlich stark gewichtet werden.

Wirtschaftstheorien[Bearbeiten]

Die herrschenden ökonomischen Theorien der kapitalistischen Marktwirtschaften nehmen einen Zwang zum Wachstum als selbstverständlich oder zumindest als unvermeidbar hin.[3] Nach dem Schweizer Ökonomen Hans Christoph Binswanger liegt die Ursache dafür in der fehlenden Modernisierung des „neoklassischen Gleichgewichts-Modelles", das als Grundlage der konventionellen Wirtschaftswissenschaft bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts zur Grundlage der modernen Wirtschaftswissenschaft geworden ist. Es erklärt die Wirtschaft auf der Grundlage einer traditionellen Bauernwirtschaft.[5] Darüber hinaus wird immer wieder die Unvollständigkeit der Theorien kritisiert, die weder die enormen Leistung der Hausfrauen und der Schwarzarbeit berücksichtigen, noch den tatsächlichen Wertverlust zerstörter Natur oder die unmenschliche Tatsache, dass Kriege und Katastrophen sich positiv auf das Wachstum auswirken können.[1]

Systemimmanente Faktoren[Bearbeiten]

Die herrschenden Wirtschaftstheorien werden grundsätzlich kritisiert, da ihre Modelle exponentielles - immer schneller ansteigendes - Wachstum voraussetzen, das jedoch über längere Zeit gesehen physikalisch unmöglich ist und daher in der Realität so nicht auftritt. Die Kritiker ziehen Vergleiche zu natürlichen Wachstumsvorgängen, die dadurch gekennzeichnet sind, dass sie anfangs relativ schnell ablaufen, sich dann aber immer weiter abflachen, um sich schließlich einem bestimmten Sättigungswert anzunähern. In der Natur findet sich exponentielles Wachstum typischerweise beim Wachstum von Bakterienkulturen oder bei Tumoren, sprich bei primitiven bzw. krankhaften Prozessen, die schließlich durch die Zerstörung ihrer eigenen Lebensgrundlage zum Stillstand kommen und somit an ihrer eigenen Dynamik zu Grunde gehen.[3] Die Abweichung zwischen Modellen und Realität wird z.B. mit der Entwicklung des Bruttosozialproduktes der Bundesrepublik belegt, dass seit 1950 nicht - wie gefordert - exponentiell, sondern tatsächlich nur linear gewachsen ist. Dies wiederum ist gleichbedeutend mit prozentual gesunkenen Wachstumsraten. Das Absinken der Wachstumsraten ist daher „weder konjunktur- noch politikbedingt, sondern systemimmanent".[6]

Zusammenfassend wird kritisiert, dass das Wirtschaften heute nicht mehr vorrangig der Bedürfnisbefriedigung dient, sondern der Erfüllung der Systemzwänge.

Kopplung von Wachstums- und Zinsrate[Bearbeiten]

Die Ökonomie postuliert im langfristigen Trend eine ebenfalls gleichbleibende Zinsrate, die etwas unter der Wachstumsrate liegen soll und an diese gekoppelt ist. Von 1950 bis 1980 folgte die tatsächliche Entwicklung dieser Prognose. Seit 1980 jedoch blieb die Zinsrate trotz real sinkender Wachstumsrate etwa konstant und ist seither höher (inverses Zins-Wachstumsratendifferential nach Stefan Schulmeister). Dies ist nach Auffassung wachstumskritischer Ökonomen eine systemimmanente Folge der Unmöglichkeit exponentiellen Wachstums, die auf der anderen Seite allerdings zu exponentiell wachsenden Geldvermögen und Zinsströmen führt. Wenn die Zinsraten höher als die Wachstumsrate sind, ist es rentabler, mit Geld zu spekulieren statt damit real zu investieren, so dass diese Gelder dem realen Geldkreislauf entzogen werden. Dieser Zusammenhang führte in die Finanzmarktkrise ab 2007.[6]

Zinseszinseffekt[Bearbeiten]

Beispiel für exponentielles Zinswachstum

„Jetzt endlich habe ich erkannt, dass nicht das Wirtschaftswachstum den Zinseswahnsinn erzeugt, sondern dass der Zins die einzige wahre und wirkliche Ursache dafür ist, dass die Welt dem Wahnsinn des ewigen Wachstums verfallen ist." (Konrad Lorenz, österr. Verhaltensforscher, Medizin-Nobelpreis 1973)

Lorenz erkennt hier einen leicht nachvollziehbaren Faktor, der heute vor allem von der Freiwirtschaftslehre in Zusammenhang mit einer weitreichenden Kritik am Kapitalismus angeführt wird: den Zinseszinseffekt. Er führt zwangsläufig zu einem exponentiellen Wachstum der Schulden auf der einen Seite und der verzinslichen Guthaben auf der anderen Seite. Die Wirtschaft steht allein dadurch unter permanentem Wachstumgszwang, denn aus der erwirtschafteten Leistung muss die Zinslast gezahlt werden können.[7] Andere Kritiker verweisen auf diesen Effekt mit unterschiedlichen Gewichtungen, da er durch vielerlei andere Wirkungsmechanismen gemildert werde.[3][4] Zum Verständnis dieses systemimmanenten, mathematisch bedingten Faktors wird gern das Gedankenexperiment vom „Josephspfennig" genannt; wohl „dem" klassischen Beispiel für exponentielles Wachstum:

„Nehmen wir an, wir hätten einen Euro im Jahr von Christi Geburt zu einem jährlichen Zinssatz von 3% anlegen können. Nach dem ersten Jahr steigt das Kapital auf 1,03 Euro. Am Ende des zweiten Jahres stehen nicht nur 1,06 Euro zu Buche, sondern rechnerisch bereits 1,0609 Euro, da die Verzinsung sich immer auf das neue Kapital am Jahresanfang bezieht, bei dem die aufgelaufenen Zinsen kapitalisiert wurden. Dieser scheinbar winzige Effekt führt im Laufe der Zeit zu gigantischen Steigerungen. Im Jahr 468 wären nach dem Gesagten bereits 1.000.000 Euro entstanden, im Jahre 1169 ungefähr 1 Billiarde Euro und im Jahre 2002 schließlich ein Betrag, der dem Wert von über 5 Quattrillionen Tonnen Gold entspräche; eine -unmögliche- Goldkugel von 17.000 km Durchmesser!"

Dass eine solche Steigerung unmöglich ist, liegt auf der Hand. Ebenso ist leicht nachvollziehbar, dass die exponentiell wachsenden Schuldzinsen die gewerblichen Kreditnehmer zu einem ebenso steigenden Wachstum nötigen. Da der Zins genauso wie das Wachstum als Grundlage der Geldwirtschaft anerkannt wird, wird der Zusammenhang bisher jedoch kaum öffentlich diskutiert.[1]

Politik[Bearbeiten]

Die große Mehrzahl der wirtschaftspolitischen Ansätze zur Lösung der beschriebenen Probleme basiert auf einer weiteren Steigerung des Wirtschaftswachstums. Auch die Kritiker wissen, dass dies in einer globalisierten Wirtschaft ein Sachzwang ist, dem man nur sehr schwer ausweichen kann. So formuliert z.B. Dr. Glötzl von der Universität Graz: „... denn letztlich muß jedes Land die gleiche Politik verfolgen, um nicht unterzugehen. In diesem Fall neutralisieren sich die Vorteile gegenseitig, was bleibt ist der Wachstumszwang, der in die ökologische Krise führen kann und der Sozialabbau, der in die soziale Krise führen kann."[6] Alle sind sich jedoch einig, dass das Thema unbedingt öffentlich diskutiert werden müsste.

Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit am Beispiel Deutschland

Einige Autoren sehen die Hauptursache des Wachstumszwanges im preislichen Missverhältnis zwischen den Faktoren Energie und Arbeit. Der von Politikern imme wieder hergestellte Zusammenhang zwischen Wachstumszwang und Arbeitslosenrate basiert auf der fortlaufenden Automatisierung und Rationalisierung, die zur Freisetzung von Arbeitskräften führt. Dieser Prozess wiederum würde vor allem durch den verlockenden Ersatz des teuren Produktionsfaktor Arbeit durch den etwa 15 mal preiswerteren Faktor Energie begünstigt. Die Arbeitslosen könnten nur dann an anderer Stelle unterkommen, wenn die Volkswirtschaft insgesamt schnell genug expandieren würde. Dafür werden nach Berechnungen der Ökonomen 2,5% bis 3% Wachstum benötigt, um die Arbeitslosigkeit wenigstens konstant zu halten - und noch mehr, um sie allmählich abzubauen. Dieser Wachstumswert liegt damit über der sog. Beschäftigungsschwelle".[3] Diese Erkenntnis hat in Deutschland zum Stabilitätsgesetz von 1967 geführt, welches ein „stetiges und angemessenes Wirtschaftswachstum" gar als Ziel (nicht etwa nur als Mittel) der Wirtschaftspolitik nennt, um die Stabilität des Wirtschaftssystems zu gewährleisten. Bei deutlich höheren Energiepreisen würde die Beschäftigungsschwelle sinken und somit den Wachstumszwang reduzieren. Auch andere Kritiker verweisen in unterschiedlicher Art und Gewichtung auf diese Zusammenhänge.

Insbesondere die Freiwirtschaftler sehen es als Aufgabe der Politik, die „Rechte" des Faktors Arbeit gegenüber dem Faktor Kapital zu stärken, denn der Anspruch auf die Vergütung des Kapitales (Zinsen) kann in unserer Gesellschaft vertraglich längerfristig bindend festgelegt werden als die Vergütung des Faktors Arbeit (Löhne und Gehälter, Tarifverträge). Die Entlohnung der Arbeit müsse im Rahmen der Konjunktur immer neu verhandelt werden, während die Verzinsung viel unabhängiger von der tatsächlichen Wirtschaftsleistung sei.[7] Die Wirkung des Zinseszinseffektes auf das Wachstum wurde bereits dargestellt.

Sozialpsychologische Faktoren[Bearbeiten]

Prof. Eva Lang von der Bundeswehruniversität München stellt die These auf, dass die kapitalistische Wachstumsgesellschaft zugleich eine „Angstgesellschaft" sei, bei der die früher herrschende Angst vor materieller Not durch die Angst vor sozialer Armut, sozialem Abstieg und dem Verlust der sozialen Einbindung ersetzt wurde. Diese Ängste würden eine nüchterne Analyse der Situation erheblich erschweren.[4]

Einige Autoren wie Al Gore oder der Mathematiker Jürgen Grahl verweisen zudem auf die Funktion eines hemmungslosen Konsums als Ersatzbefriedigung für ungestillte immaterielle Bedürfnisse des modernen Zivilisationsmenschen, wie es bereits von dem Philosophen Erich Fromm in „Haben oder Sein" formuliert wurden. Auch solche sozialpsychologischen Faktoren führen den Kritikern zufolge zu einer Verstärkung des Wachstumszwanges.[3] Karl Georg Zinn sieht diesen Zusammenhang vor allem im nahezu grenzenlosen Wachstum künstlich geweckter Bedürfnisse. Sie würden durch Konsum nicht befriedigt, sondern teilweise durch manipulative Werbung oder politische Propaganda weiter verstärkt.[8]

Folgen[Bearbeiten]

Die Folgen unbegrenzt wachsender Wirtschaften haben sich deutlich verschärft, seit China, Indien, Russland und das Baltikum in die Marktwirtschaft eingetreten sind.[1] Zu einen Satz zusammengefasst, droht durch den derzeitigen Wachstumskurs entweder der ökologische Kollaps durch immer mehr Wachstum oder der soziale Kollaps durch immer weniger Wachstum.[7]

Ökonomische Folgen[Bearbeiten]

Die wirtschaftliche Globalisierung wird durch den Wachstumszwang als Ausgleich für die schwindenden Wachstumsmöglichkeiten der nationalen Märkte forciert. Dadurch ensteht eine international immer größere Systemabhängigkeit, die es erheblich erschwert, gegenzusteuern.

Der Wachstumszwang führt zwar ständig zu neuen Innovationen und effizienterer Technologie, jedoch ebenso zu negativen Entwicklungen wie immer größerer Risikobereitschaft, verstärktem Konkurrenzdruck, fortschreitender Monopolisierung, sinkender Produktqualität, sinkenden Löhnen, zunehmender Verschuldung, Ausbeutung natürlicher und gesellschaftlicher Ressourcen oder zur Erzeugung zweifelhafter neuer Bedürfnisse.[2]

Darüber hinaus führt die Abkopplung des Geldmengenwachstum vom Wirtschaftswachstum - wie es seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts zu beobachten ist (siehe Diagramm „Wachstumskurven in Deutschland") - zu einer erheblichen Verzerrung des Wertverhältnisses zwischen der Geldmenge und der Summe aller weltweit produzierten Waren und Dienstleistungen. Dies lässt sich durch die rasanten Steigerungen bei den Devisenmärkten belegen, wo heute ein Vielfaches mehr verdient wird als im produzierenden Gewerbe, jedoch ganz ohne tatsächliche Gegenwerte.[9]

Wird das exponentielle Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum der letzten 100 Jahre bei gleichbleibender sozio-ökonomischer Struktur auf der Erde fortgesetzt, so wird die Weltwirtschaft um das Jahr 2050 wegen fehlender Ressourcen kollabieren.[10]

Ökologische Folgen[Bearbeiten]

Exponentielles Wachstum führt zwangsläufig zu exponentiell zunehmender Ausbeutung der knapper werdenden Rohstoff- und Energievorräte mit einer immer stärkeren Belastung von Natur und Umwelt. Insofern steht das Wirtschaftswachstum in krassem Gegensatz zum nachhaltigen Wirtschaften, dessen Ziel es ist, die natürlichen Ressourcen möglichst schonend zu nutzen, um sie für die nachkommenden Generationen zu bewahren. Bestes Beispiel dafür ist der bislang unzureichende Klimaschutz, dessen notwendige Ziele durch den Wachstumszwang konterkariert werden.

Soziale Folgen[Bearbeiten]

Während Güter, die über die Grundbedürfnisse hinausgingen, früher in Maßen konsumiert wurden, müssen sie in alternden Volkswirtschaften in Massen konsumiert werden, um das Wachstum in Gang zu halten. Die Kritiker postulieren daher, dass der Zusammenhang zwischen Wachstum und Wohlstand nicht mehr besteht, da die Wohlfahrtswirkungen weiteren Wirtschaftswachstums abnehmen würden.[1][3][4] In einem Spiegel-Bericht von 2009 wird so ausgedrückt: „Ist es wirklich notwendig, dass Verbraucher, die schon alles haben, jedes Jahr mehr konsumieren - und wegwerfen?"[1] Auch in einer Ausgabe der Zeit von 2009 steht zu lesen, dass „der Glaube an diesen Zusammenhang ... in diesen Tagen durch eine Reihe neuer Forschungsergebnisse erschüttert (wird)."[11] Simon Kuznets, Wachstums-Ökonom und Erfinder des Bruttosozialprodukts erkannte schon 1934: „Der Wohlstand einer Nation kann schwerlich von der Höhe des Volkseinkommens abgeleitet werden."[1]

Die Auswirkungen der weiter oben genannten ökonomischen Folgen bedingt den Kritikern zufolge im Sozialsystem zwangsläufig ab einem bestimmten Zeitpunkt einen Rückgang der Einkommen, steigende Arbeitslosenzahlen, zunehmende Armut, Instabilität des Systems und soziale Krise.

Lösungsansätze[Bearbeiten]

Zur Lösung der Konflikte werden verschiedene Strategien vorgeschlagen:

Gingen die Autoren der „Grenzen des Wachstums" noch davon aus, dass einschneidende Maßnahmen zur Stabilisierung der Weltbevölkerung, zur Reduzierung des relativen Rohstoffverbrauchs und zur Minderung der Umweltverschmutzung ausreichen, um die negativen Folgen des exponentiellen Wirtschaftswachstums zu verhindern[10], so werden seit der Jahrtausendwende Vorschläge gemacht, die auf eine Abkehr vom bisherigen Wachstumszwang oder zumindest von deutlichen Korrekturen von Wirtschaftstheorien und -politik aufbauen. Wie es US-Ökonom Paul Romer ausdrückt: „Die Basis für gesundes Wachstum sind bessere Rezepte und nicht immer größere Mengen derselben Zutaten."[1]

Die „system-strukturellen" Lösungsansätze kann man folgendermaßen zusammenfassen:

In der öffentlichen Diskussion steht indess mehr die Frage, ob es andere, nicht auf das pure Wirtschaftswachstum ausgerichtete Kriterien für eine Definition von Wohlstand gibt; wie z.B. Gesundheitsversorgung, Vermögensverteilung, Bildungsstand, Nachhaltigkeit, Umweltzustand, Ehrenamtliches Engagement, Hausarbeit, Kriminalität, Ressourcenverbrauch, subjektive Einschätzungen der Lebensqualität u.ä..[1] In dieser Richtung gibt es einige Ansätze wie z.B. der „Nationalen Wohlfahrtsindex" des Ökonomen Hans Diefenbacher[12] oder den „Index of Sustainable Economic Welfare" (ISEW).

Die völlige Abkehr vom Wirtschaftswachstum propagieren insbesondere die Freiwirtschaftler, aber auch andere, keiner bestimmten Strömung zuzurechnende Autoren.

Eine wirksame und dauerhafte Verhinderung der negativen Folgen des Wachstumszwanges für Umwelt und Gesellschaft ist nach dem deutschen Freiwirtschaftler Helmut Creutz nur möglich, wenn Wachstums- und Zinsrate gegen Null tendieren würden. Creutz plädiert für eine sog. „Umlaufsicherung", die die Hortung von Geld durch einen negativen Zins unattraktiv machen soll, so dass es im realen Geld- und Wirtschaftskreislauf verbleibt. Diese Maßnahme, aber zumindest eine Anpassung der Zinssätze an das reale Wachstum, würde Investitionen in die Realwirtschaft wieder lukrativer machen und käme der gesamten Bevölkerung zu Gute und nicht nur den großen Kapitalbesitzern.[7]

Andere Kritiker empfehlen die Erarbeitung von Strategien, wie sich das System so modifizieren lässt, dass es ohne Wachstum funktioniert. Aus Sicht der Arbeitslosigkeit kann der Wachstumszwang nur unterbrochen werden, wenn Arbeit billiger und Energie teurer gemacht wird, wie es zum Beispiel durch eine konsequente ökologische Steuerreform erreicht werden könnte.[3][6][8][9]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. 1,00 1,01 1,02 1,03 1,04 1,05 1,06 1,07 1,08 1,09 1,10 Jung, Alexander: „Der Kult ums BIP" sowie „Brust oder Flasche?", Der Spiegel 39/2009, Seite 78 - 82
  2. 2,0 2,1 2,2 Hans Diefenbacher, aus „initiativ – Rundbrief der Ökumenischen Initiative Eine Welt", Juni 2004
  3. 3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 3,5 3,6 3,7 Dr. Jürgen Grahl, Mathematisches Institut der Universität Würzburg
  4. 4,0 4,1 4,2 4,3 4,4 [1] Lang, Eva: „Die sozialen und ökologischen Grenzen des Wachstums", Begleitmaterial zum Seminar Frühjahrstrimester 2008 der Bundeswehruniversität München
  5. Binswanger, Hans Christoph: Die Wachstumsspirale. Geld, Energie und Imagination in der Dynamik des Marktprozesses. Metropolis, Marburg 2006, ISBN 3-89518-554-X
  6. 6,0 6,1 6,2 6,3 [2] Glötzl, Dr. Erhard: „Arbeitslosigkeit - Über die kapitalismusbedingte Arbeitslosigkeit in alternden Volkswirtschaften und warum Keynes recht hatte und doch irrte", Erweiterte Fassung eines Vortrages vom 11. Oktober 1997 im Rahmes eines Projektes des Institutes für Internationales Management der Universität Graz
  7. 7,0 7,1 7,2 7,3 Creutz, Helmut: "Wachstum, Wachstum... über alles! Artikel in der Zeitschrift „Politische Ökologie", Nr. 89/2004, Seiten 78 - 79
  8. 8,0 8,1 Zinn, Karl Georg: „Wie unververträglich sind unsere Bedürfnisse", in: Daeke, Sigmund (Hg): „Ökonomie contra Ökologie?", 1995, S.34
  9. 9,0 9,1 Lietaer, Bernard. Das Geld der Zukunft. Über die destruktive Wirkung des existierenden Geldsystems und die Entwicklung von Komplementärwährungen. Riemann, München 1999, ISBN 3-570-50008-X
  10. 10,0 10,1 Meadows, Donella und Dennis L., Randers, Jørgen, Behrens, William W.: Die Grenzen des Wachstums – Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1972, ISBN 3-421-02633-5
  11. Vorholz, Fritz auf zeit-online.de vom 28.03.2009
  12. Hans Diefenbacher, Roland Zieschank: „Wohlfahrtsmessung in Deutschland: Ein Vorschlag für einen neuen Wohlfahrtsindex", Heidelberg/Berlin 2008

Literatur[Bearbeiten]

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