Wilhelm Scheidt

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Wilhelm Heinrich Scheidt[1](* 28. August 1912 in Krefeld; † 13. Januar 1954 in Bonn) war ein deutscher Offizier, der beim Oberkommando der Wehrmacht (OKW) in der kriegsgeschichtlichen Abteilung ab 1941 tätig war. Am 1. September 1939 gelang ihm die erste Gefangennahme eines gegnerischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg.[2]

Schule und Studium[Bearbeiten]

Als Sohn des Chemikers Peter Wilhelm Scheidt und seiner Ehefrau Gertrud Carolin Müller besuchte er drei Jahre eine Volksschule. Danach ging er neun Jahre auf das humanistische Gymnasium in Stuttgart-Bad Canstatt und bestand im Jahre 1931 um die Osterzeit die Abiturprüfung. Danach studierte er an den Universitäten von Freiburg im Breisgau, Frankfurt am Main und Berlin. Am 28. April 1937 erlangte er die Promotion über das Thema Von der Weisheit Goethes über und für die Geschichte an der Friedrich-Wilhelm-Universität zu Berlin.

Militärzeit[Bearbeiten]

Im Jahre 1938 diente er als Leutnant d. R. bei der Aufklärungsabteilung 6, um dann ab 1941 beim OKW unter Generalmajor Walter Scherff (1898-1945) in der kriegsgeschichtlichen Abteilung[3]zu dienen[4]. Diese Tätigkeit übte er bis zum Kriegsende aus. Als sein Chef Scherff verwundet wurde, nahm Scheidt an seiner Stelle an den Lagebesprechungen mit Adolf Hitler teil. Dabei wurde er Zeuge von bestimmten Aussagen Hitlers. Diese Kenntnisse gab er als Zeuge beim Nürnberger Prozess in Verhören wieder[5], wo er eine Aussage von Alfred Jodl erhärten konnte.

Gerüchte über Agententätigkeit[Bearbeiten]

Nach 1945 tauchten Gerüchte auf, Scheidt wäre der Agent Werther gewesen, wobei auf sich auf seine Dissertation über Goethe bezogen wurde. Der Deckname "Werther" wurde bei bestimmten Funksprüchen während des Zweiten Weltkriegs verwendet. Alexander Rado hat später bhauptet, der Deckname sei von ihm eingeführt wordena[6].

Percy E. Schramm, der das Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht von 1943 bis 1945 führte, hat auf die zeitliche Unmöglichkeit hingwiesen, dass Scheidt überhaupt nicht in der Lage war, zeitnahe Meldungen über das Frontgeschehen abzugeben.[7]Zahlreiche andere Autoren konstruierten ohne die genaueren Umstände seiner Tätigkeiten zu kennen, Verdachtsmomente gegen Scheidt.[8]

Nachkriegstätigkeit[Bearbeiten]

Nach Kriegsende nahm er eine Tätigkeit bei den US-Amerikanern auf. Danach war er bei der Zeitung Christ und Welt beschäftigt, um dann bei der von Harry Schulze-Wilde herausgegebenen Zeitung Echo der Woche in München zeitweise Chefredakteur zu sein. Danach wurde er beim Bayern-Kurier Chefredakteur und Pressereferent bei der CSU. Als die CSU-Faktion im Bundestag Ende/Anfang 1952 einen Wehrpolitischen Arbeistkreis bildete, konnte Scheidt die Arbeistgruppe 5 Wehrpsychologie und -propaganda leiten[9]. Franz Josef Strauss und der Staatssekretär Otto Lenz trafen sich am 6. Dezember 1951 mit Scheidt, um die Besetzuung eines Referats im Bundespresseamt durch Scheidt zu besprechen, wobei Scheidt die Betreuung der Soldatenverbände und die Propaganda für den Wehrbeitrag der Bundesrepublik Deutschland übernehmen sollte[10]

Aufstieg und Fall[Bearbeiten]

Im Januar 1952 übernahm Scheidt im Bundespresseamt ein neu eingerichtetes Referat für Wehrfragen eingerichtet in der Inlandsabteilung[11].[12]Am 22. Februar 1952 wurde Scheidt als Abteilungsleiter im Bundespresseamt bestätigt[13].

Unter dem Pseudonym "Jacob Wahrer" schrieb er Artikel in der Zeitschrift Deutscher Weg[14]die sich kritisch mit der Westpolitik der Bundesregierung im Zusammenhang mit der Deutschlandfrage befassten. [15]Diese Tätigkeit wurde aber erst im Laufe des Jahres bekannt. Am 7. August 1952 wurde durch eine Mitteilung im Informationsdienst behauptet, dass Scheidt Verbindungen zur DDR unterhalten würde. Durch eine Überprüfung des Bundesverfassungsschutzes wurde durch einen Beauftragten des Präsidenten Otto John dem Staatssekretär Otto Lenz am 1. September 1952 mitgeteilt, dass diese Vorwürfe zutreffen könnten[16]. Lenz hatte durch weitere Untersuchungen am 30. September 1952 die Bestätigung erhalten, dass Scheidt in der DDR-Zeitschrift Der Neue Weg, die von der Ost-CDU in den Bezirken Halle(Saale), Magdeburg und Zeitz herausgegeben wurde, vor und während seiner Tätigkeit als Referent im Bundespresseamt Artikel gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland geschrieben hatte. Daraufhin teilte Lenz Scheidt mit, dass eine weitere Tätigkeit im Bundespresseamt nicht mehr möglich sei.[17]

Exkurs: Otto John und Wolfgang Hoefer[Bearbeiten]

Otto John beurteilte Scheidt als anständig, aber es sei ein Fall von Schizophrenie, weil er einerseits die Wiederbewaffnung im Bundespressamt vertreten sollte, er aber andererseits in Zeitschriften den entgegengesetzten Standpunkt einnahm[18]. Am 19. Juli 1954, einen Tag vor dem Übertritt in die DDR, hatte John mit dem US-Offizier im US-Geheimdienst CIC Wolfgang Hoefer über Scheidt ein Gespräch geführt[19] Kurz nach dieser Besprechung nahm sich Hoefer am 23. Juli 1954 in Berlin das Leben. Hans Frederik, der sich als Agent der DDR betätigte[20][21], gab die beabsichtigte Tätigkeit von Hoefer als einen Auftrag an, Dr. Lehr und Dr. Gobke zu bespitzeln.[22]. Diese Wortwahl stimmt sichtlich mit einer von der ADN-Presseagentur der DDR vom 30. Juli 1954 herausgegebenen Mitteilung überein, die auf einer von John unterzeichneten Erklärung zum Selbstmord von Hoefer beruhte[23]. Darin wurde behauptet, Scheidt sei Agent von Hoefer gewesen, und tatsächlich auch Dr. Lenz und Dr. Globke bespitzelt hat. Wegen dieser Erklärung wurden gegen John später schwere Vorwürfe erhoben, da offensichtlich war, wie die eigentliche Verhältnisse durch eine Desinformation verfälscht wurden.

Schriften[Bearbeiten]

  • Von der Weisheit Goethes über und für die Geschichte, Berlin 1937
  • Gespräche mit Hitler, in: Echo der Woche, 7. Oktober 1949, S. 5

Literaturquellen[Bearbeiten]

  • Helmut Heiber (Hrsg.), Hitlers Lagebesprechungen - Die Protokollfragmente seiner militärischen Konferenzen, Stuttgart 1962
  • Bernd Ruland, Die Augen Moskaus - Fernschreibzentrale der Wehrmacht in Berlin, Zwei Mädchen gegen Hitler, Zürich 1973
  • Hans Frederik, Franz Josef Strauss - Das Lebensbild eines Politikers, München, 2. durchgesehene und erweiterte Auflage, 1966
  • Hugo Beer, Moskaus As im Kampf der Geheimdienste - Die Rolle Martin Bormanns in der deutschen Führungsspitze, Pähl 1983
  • Arnulf Baring, Im Anfang war Adenauer: die Entstehung der Kanzlerdemokratie, München 1984
  • Hans Edgar Jahn, An Adenauers Seite: sein Berater erinnert sich, München 1987
  • Hans Booms et al., Die Kabinettsprotokolle der Bundesregierung 5 1952, Boppardt, 1989
  • Günter Bohnsack, Herbert Bremer, Auftrag Irreführung - Wie die Stasi Politik im Westen machte, Hamburg 1992
  • George Bailey, Sergej A. Kondraschow, David E. Murphy, Die unsichtbare Front - Der Krieg der Geheimdienste im geteilten Berlin, Berlin 1997

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Nicht zu verwechseln mit Hans-Wilhelm Scheidt, geboren 1907 in Moskau
  2. Bernd Ruland, Die Augen Moskaus, Zürich 1973, S. 57
  3. diese Abteilung wurde 1942 in Beauftragter des Führers für die militärische Geschichtsschreibung umbenannt. siehe: Bernd Ruland, Die Augen Moskaus, Zürich 1973, S. 57
  4. Helmut Heiber (Hrsg.), Hitlers Lagebesprechungen - Die Protokollfragmente seiner militärischen Konferenzen, Stuttgart 1962, S. 39-40
  5. Gerald Reitlinger, Die SS, Tragödie einer deutschen Epoche, Wien 1956, S. 364
  6. Hans Rudolf Kurz, Nachrichtenzentrum Schweiz - Die Schweiz im Nachrichtendienst de zweitenWeltkriegs, Frauenfeld 1972, S. 113, FN 30
  7. siehe: Der Spiegel, Nr. 4, 1967, S. 44, zitiert in: Bernd Ruland, Die Augen Moskaus, Zürich 1973, S. 57
  8. beispielhaft: Hugo Beer, Moskaus As im Kampf der Geheimdienste, Pähl 1983, S. 173-174 - Beer rpräsentiert gleich zwei große Verdächtige: neben Scheidt auch Martin Borman!
  9. Lutz Kölner et al., Die EVG-Phase, München 1990, S. 303 FN 15
  10. Klaus Gotto et al., Im Zentrum der Macht - Das Tagebuch von Staatssekretär Lenz 1851 - 1953, Düsseldorf 1989, S. 187
  11. Hans Edgar Jahn, An Adenauers Seite: sein Berater erinnert sich, München 1987, S. 290
  12. Arnulf Baring, Im Anfang war Adenauer: die Entstehung der Kanzlerdemokratie, München 1984, S. 33 FN 43
  13. Hans Booms et al., Die Kabinettsprotokolle der Bundesregierung 5 1952, Boppardt, 1989, S. 120 FN 8
  14. Karl-Heinz Janßen, Ein Hauch von Spionage, in: Die Zeit vom 11. November 1966
  15. Hans Frederik, Franz Josef Strauss - Das Lebensbild eines Politikers, München 1966, 2. durchgesehene und erweiterte Auflage, S. 71-73
  16. Klaus Gotto, ebenda, S. 421
  17. Klaus Gotto, ebenda, S. 432
  18. Margret Boveri, Der Verrat im 20. Jahrhundert II - Für und gegen die Nation - Das unsichtbare Geschehen, Hamburg 1956, S. 129
  19. Wolfgang Hoefer war ein Schulfreund von John in Wiesbaden, bevor Hoefer wegen seiner jüdischen Herkunft in die USA in die Emigration ging. Bei der Unterredung im Juli 1954 bat er John, ihm eine andere berufliche Tätigeit in Deutschland zu ermöglichen, weil er in Bonn John im Auftrage des CIC observieren sollte, was er aber nicht ertragen könne, siehe: Margret Boveri, Verrat im 20. Jahrhundert II, ebenda, S. 129.
  20. George Bailey et al., Die unsichtbare Front - Der Krieg der Geheimdienste im geteilten Berlin, Berlin 1997, S. 235
  21. Günter Bohnsack, Auftarg Irreführung, Hamburg 1992, S.196
  22. siehe: Hans Frederik, München 1966, S. 73
  23. siehe: John zum Selbstmord Wolfgang Hoefers, in: Dokumentation der Zeit, 1954, Spalte 5396/5397

Weblinks[Bearbeiten]

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