Ratzinger-Exegese

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Die Ratzinger-Exegese ist eine neuartige Bibelauslegung von Papst Benedikt XVI., des früheren Deutschen Theologieprofessors Joseph Ratzinger, welche zwei ganz unterschiedlichen Weisen von Hermeneutik miteinander verbindet und in eine ganzheitliche Exegese zusammenfügt. Die Synthese der gegensätzlich gehaltenen christologisch-theologischen und historisch-kritischen Auslegungen basiert an der exegetisch-methodischen Grundsätzen des II. Zweiten Vatikanischen Konzils (1965) sowie an deren Weiterentwicklung durch die Päpstlichen Bibelkommission (1993), welche damals von Ratzinger konzipiert wurde. Bereits in seinem Grundsatzwerk Einführung in das Christentum (1968) wird die hermeneutische Basis dieser Exegese ersichtlich, die in seinem Buch Jesus von Nazareth über die Gestalt und Botschaft Christi (2007–2012) voll entfaltet wird.

Grundlage[Bearbeiten]

Die Ratzinger-Exegese basiert vor allem auf zwei wichtigen theologischen Dokumente des Vatikans:

  • Dei Verbum (Gottes Wort), Dogmatische Konstitution vom Vaticanum II über die göttliche Offenbarung, die unter Mitwirkung von Joseph Ratzinger als Konzilstheologe formuliert wurde. Diese betont die Ganzheit der Bibelkanon und deren göttlichen Urheberschaft (Inspiration), betrachtet die Erforschung der Aussageabsichten der Evangelisten notwendig für das Verstehen der göttlichen Mitteilung und hält die wissenschaftlichen Methoden nützlich zur Analyse des geschichtlichen Umfeldes und des Textes der Evangelien.[1] Ratzinger würdigte damals diesen Schritt so: „... er ist ein Synthese von großer Bedeutung: der Text verbindet die Treue zur kirchlichen Überlieferung mit dem Ja zur kritischen Wissenschaft und eröffnet damit neu dem Glauben den Weg ins Heute“[2] und hebt die Geschichtlichkeit der 4 kanonischen Evangellien hervor.
  • Die Interpretation der Bibel in der Kirche, Dokument der Päpstlichen Bibelkommission von Johannes Paul II., die damals von Kardinal Ratzinger präsidiert wurde. Die von ihm konzipierte und mitverfasste Hermeneutik-Studie beschreibt alle wichtigen Methoden und Zugänge der Bibelauslegung und würdigt sie aus der Sicht der Kirche.

Das Dokument bezeichnet die historisch-kritische Methode explizit als erforderliches wissenschaftliches Instrument für ein echtes Bibelverständnis, soweit diese objektiver Weise angewendet wird: „Die historisch-kritische Methode ist die unerläßliche Methode für die wissenschaftliche Erforschung des Sinnes alter Texte. Da die Heilige Schrift, als „Wort Gottes in menschlicher Sprache“, in all ihren Teilen und Quellen von menschlichen Autoren verfasst wurde, lässt ihr echtes Verständnis diese Methode nicht nur als legitim zu, sondern es erfordert auch ihre Anwendung.“ und „Zusammen mit anderen Methoden und Zugängen öffnet sie so dem modernen Leser den Zugang zum Verständnis der Bibeltexte, wie sie heute vorliegen.“ Das Dokument erwähnt die Möglichkeit, sie mit dem Kanonischen Zugang – eine theologische Interpretationsmethode, die sich auf die Bibel als Ganzes stützt – zu kombinieren: „Jeder biblische Text wird demgemäß im Lichte des Kanons der Heiligen Schrift interpretiert [...] Die Methode sucht jeden Text innerhalb des einzigen Planes Gottes zu situieren, um eine Aktualisierung der Heiligen Schrift für unsere Zeit anzustreben. Dadurch soll die historisch-kritische Methode nicht ersetzt, sondern ergänzt werden.“

Methoden-Synthese[Bearbeiten]

Die Verbindung der kanonischen und der historisch-kritischen Auslegung mit ihren ganz unterschiedlichen Weisen von Hermeneutik wurde erstmals in vollem Unfang von Papst Benedikt XVI. realisiert, in seinem Jesus-Buch, in dem auch die Eigenschaften und die Technik siener Exegese dargelegt werden. Die Möglichkeit der Synthese basiert auf der Erkenntnis, dass die historisch-kritische Methode, die nur das Erscheinende, Belegbare und Nachprüfbare erfassen und die Schriften dementsprechend nur als vergangenheitsbezogenes Menschenwort verstehen kann, gegenüber theologischen Auslegungen nicht ganz abgegrenzt ist, solange die hermeneutischen Optionen der wissenschaftlichen Methode kein Apriori enthalten, also nicht tendenziös sind (z.B. positivistische Ausschliessung von Transzendenz oder Wunder): „Wenn diese Methode auf objektive Weise angewendet wird, schließt sie kein Apriori in sich. Wenn solche Apriori ihre Anwendung bestimmen, so kommt dies nicht von der Methode her, sondern von hermeneutischen Optionen, die die Auslegung bestimmen und tendenziös sein können.“(Interpretation der Bibel in der Kirche)

Exegese-Technik[Bearbeiten]

Die Ratzinger-Exegese liest die Bibeltexte von der Theologie des apostolischen Glaubensbekenntnisses (Credo) her mit historisch-kritischer Methode, deren Grenze aber auf eine theologische Auslegung hin überschreitet wird. Dies passiert mittels Deutung des göttlich inspirierten „inneren Mehrwerts des Wortes“, das dabei auch für Gegenwart und Zukunft bezogen wird. Die historisch-kritische Methode wird so zu einer eigentlichen Theologie organisch weitergeführt. Die Exegese von Papst Benedikt XVI., die neben historischen auch politische, philosophische, psychologische, pädagogische und naturwissenschaftliche Diskussionen einbindet wird so aus philologischen und historischen Gründen zu einer exegetischen Theologie.[3]

Exegetische Theologie[Bearbeiten]

Diese interdisziplinär breit vernetzte hermeneutische Spirale (Theologie → Exegese → exegetische Theologie) lässt neue Erkenntnisse aus der Heiligen Schrift wachsen, welche die postscriptuelle Schriftwerdung bereichern. Dabei vermittelt Papst Benedikt XVI. ein ganzheitliches Glaubensverständnis, bei dem Glaube (Empfangen der göttlichen Offenbarung über die nicht sichtbare Wirklichkeit mittels Worte der Bibel) und Geschichte (in Zeit und Raum beschreibbares menschliches Tun) durch ihre gegenseitigen Verbindungen – unter Primat des Empfangens – organisch zusammengehören.

Bereits in seinem Grundsatzwerk Einführung in das Christentum, das 1968 kurz nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil erschien, definierte Joseph Ratzinger seine Auslegungsrichtung zwischen beiden von ihm falsch gehaltenen Wege der modernen Bibelexegese: Christologie auf Historie zu transponieren/reduzieren bzw. die Geschichte in der Theologie zu ignorieren. Dabei wird die hermeneutische Basis seiner neuartigen Exegese bereits ersichtlich, die im Jesus-Buch entfaltet wird. Die Ratzinger-Exegese entwickelt eine empfindliche Annäherung zu ihrer programmatischen Frage, „was der heilige Verfasser in seiner Schrift aussagen wollte“ (Dei Verbum), gerade auch dadurch, dass ihre postkritische kanonische Auslegung – ähnlicher Weise wie die Evangelien – Glaube und Geschichte quer durch die biblischen Schriften miteinander verbindet.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hochspringen Dei Verbum, Punkt 12: „Da Gott in der Heiligen Schrift durch Menschen nach Menschenart gesprochen hat, muß der Schrifterklärer, um zu erfassen, was Gott uns mitteilen wollte, sorgfältig erforschen, was die heiligen Schriftsteller wirklich zu sagen beabsichtigten und was Gott mit ihren Worten kundtun wollte. Um die Aussageabsicht der Hagiographen zu ermitteln, ist neben anderem auf die literarischen Gattungen zu achten. Denn die Wahrheit wird je anders dargelegt und ausgedrückt in Texten von in verschiedenem Sinn geschichtlicher, prophetischer oder dichterischer Art, oder in anderen Redegattungen. Weiterhin hat der Erklärer nach dem Sinn zu forschen, wie ihn aus einer gegebenen Situation heraus der Hagiograph den Bedingungen seiner Zeit und Kultur entsprechend - mit Hilfe der damals üblichen literarischen Gattungen - hat ausdrücken wollen und wirklich zum Ausdruck gebracht hat. Will man richtig verstehen, was der heilige Verfasser in seiner Schrift aussagen wollte, so muß man schließlich genau auf die vorgegebenen umweltbedingten Denk-, Sprach- und Erzählformen achten, die zur Zeit des Verfassers herrschten, wie auf die Formen, die damals im menschlichen Alltagsverkehr üblich waren. Da die Heilige Schrift in dem Geist gelesen und ausgelegt werden muß, in dem sie geschrieben wurde, erfordert die rechte Ermittlung des Sinnes der heiligen Texte, daß man mit nicht geringerer Sorgfalt auf den Inhalt und die Einheit der ganzen Schrift achtet, unter Berücksichtigung der lebendigen Überlieferung der Gesamtkirche und der Analogie des Glaubens. Aufgabe der Exegeten ist es, nach diesen Regeln auf eine tiefere Erfassung und Auslegung des Sinnes der Heiligen Schrift hinzuarbeiten, damit so gleichsam auf Grund wissenschaftlicher Vorarbeit das Urteil der Kirche reift. Alles, was die Art der Schrifterklärung betrifft, untersteht letztlich dem Urteil der Kirche, deren gottergebener Auftrag und Dienst es ist, das Wort Gottes zu bewahren und auszulegen“.
  2. Hochspringen Einleitung und Kommentar zum Prooemium, zu Kapitel I, II und VI der Offenbarungskonstitution »Dei Verbum«, Lexikon für Theologie und Kirche, Ergänzungsband 2, Freiburg, 1967.
  3. Hochspringen Thomas Söding (Hrsg), Tod und Auferstehung Jesu – Theologische Antworten auf das Buch des Papstes, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau, 2011, ISBN 978-3-451-30511-5