Lernendes Energieeffizienz-Netzwerk

Aus MARJORIE-WIKI
Wechseln zu: Navigation, Suche

Ein Lernendes Energieeffizienz-Netzwerk (Eigenschreibweise: LEEN-Netzwerke, vollständig Lernende Energieeffizienz-Netzwerke) ist ein Zusammenschluss von 10 bis 15 Unternehmen zu einem Netzwerk mit dem Ziel voneinander zu lernen und Erfahrungen auszutauschen, um dadurch eine Steigerung der Energieeffizienz, Reduktion der Energiekosten und Einsparung von CO2-Emissionen zu erreichen. Im Zentrum dieses Ansatzes steht der Wissenstransfer, der sowohl zum Klimaschutz als auch zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie beiträgt.[1]

Kernidee[Bearbeiten]

In der mittelständischen Wirtschaft sind zahlreiche wirtschaftliche Energieeffizienzpotenziale vorhanden, die aufgrund von vielfältigen Hemmnissen und Marktversagen teilweise nicht realisiert werden. Hierbei spielen beispielsweise mangelnde Kenntnisse über verfügbare Technologien, fehlender Marktüberblick, relativ hohe Such- und Entscheidungskosten (Transaktionskosten) sowie Entscheidungsroutinen bei Investitionen und beim Einkauf in den Unternehmen eine erhebliche Rolle.[2]

Ein Netzwerkkonzept für 10 bis 15 Unternehmen auf örtlicher oder regionaler Basis mit klar definierten Arbeitsschritten überwindet in der Praxis viele dieser Hemmnisse und führt, wie empirische Forschungsergebnisse zeigen, zu einer Verdopplung des Effizienzfortschritts im Vergleich zum Durchschnitt der Industrie insgesamt.[3] Themenschwerpunkte der Netzwerke sind die Querschnittstechnologien wie z. B. Druckluft, Kälte- und Wärmeerzeugung, Elektroantriebe, Pumpen, Lüftung, Klimatisierung, Gebäudetechnik, Beleuchtung, Wärmerückgewinnung und Abwärmenutzung sowie organisatorische Maßnahmen wie z. B. Energiemanagement, Mitarbeiter-Motivation, Hinweise für den Einkauf und Wirtschaftlichkeitsberechnungen sowie Messtechnik.[4]

Es geht bei lernenden Energieeffizienz-Netzwerken um mehr Kooperation und Selbstorganisation zwischen Unternehmen in einer Region oder einer Stadt. Es ist zudem ein aussichtsreicher Beitrag zur und zugleich Konkretisierung der klimapolitischen Maxime: „Global denken, lokal handeln“.[5] Auch sozialpsychologische Zusammenhänge (z. B. die Anerkennung in der regionalen Öffentlichkeit oder in der Branche, Imageverbesserungen mit entsprechenden Marketingeffekten) und das steigende Interesse von Kunden an Themen wie Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung spielen eine Rolle.[6]

Entstehung[Bearbeiten]

Bereits Ende der 1980er Jahren wurden in der Schweiz die ersten Erfahrungen mit lernenden Energieeffizienz-Netzwerken gesammelt.[7] Es stellte sich heraus, dass Unternehmen durch gegenseitigen Erfahrungsaustausch, ihre Energieeffizienz um den Faktor 2-3 schneller steigern als ein Unternehmen alleine.[8]

Professor Eberhard Jochem, ETH Zürich und Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung ISI Karlsruhe, brachte 2002 die Idee aus der Schweiz mit nach Baden-Württemberg und testete mit insgesamt 17 Unternehmen und der Wirtschaftsplattform Modell Hohenlohe e.V.[9] als Netzwerkträger die Systematik der lernenden Energieeffizienz-Netzwerke. Es zeigte sich, dass lernende Energieeffizienz-Netzwerke als ein neues klima- und energiepolitisches Instrument in der mittelständischen Wirtschaft zu verstehen ist, das die bisher brachliegenden rentablen Effizienzpotentiale in den Unternehmen realisieren kann.[10]

Im Anschluss daran wurde von 2006–2008 das LEEN Managementsystem als Qualitätsstandard für den Aufbau und die Durchführung eines lernenden Energieeffizienz-Netzwerkes im Rahmen eines Förderprojekts der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) sowie der Länder Baden-Württemberg und Hessen entwickelt.

Mit diesem DBU Projekt wurde das Methodenwissen der Projektpartner in die Entwicklung eines Qualitäts- und Projektmanagementsystems eingebracht. Während der Entwicklung der Tools, Arbeitshilfen und Regeln wurden diese in fünf aktiven Energieeffizienz-Netzwerken auf ihre Praxistauglichkeit getestet, weiterentwickelt und zusammengeführt.[11] Gegen Ende der Entwicklungsphase wurde ein bundesweites Demonstrationsvorhaben mit etwa zwei Netzwerken je Bundesland vorbereitet. Dies wurde durch das seitens des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) geförderte Projekt 30 Pilot-Netzwerke ohne Zeitverlust auch ermöglicht, in welchem sich 360 Unternehmen in 30 Netzwerken beteiligten.[12]

Projektablauf[Bearbeiten]

Aus den Erfahrungen der zahlreichen Forschungsprojekte mit deutschen Netzwerken leitet sich ein standardisierter Ablauf der lernenden Energieeffizienz-Netzwerke ab, der sich in drei Phasen gliedert (vgl. Abbildung) und basierend auf den Ergebnissen der Forschungsprojekte in ein standardisiertes LEEN Managementsystem integriert wurde.[13]

Die Initiierung eines Energieeffizienz-Netzwerkes[Bearbeiten]

Die Initiierungsphase (Phase 0) umfasst die Zeit von der Entscheidung des Netzwerkträgers, ein lernendes Netzwerk aufzubauen, bis zum ersten Netzwerk-Treffen der vertraglich eingebundenen Unternehmen. Initiatoren können z. B. Organisationen der Wirtschaft sein, wie etwa eine IHK oder eine regionale Wirtschaftsplattform, Unternehmen wie z.B. Energieversorger oder Ingenieur-Büros sowie Kommunen oder praxisnahe Forschungseinrichtungen.[14]

Energetische Bewertung und Zielfindung[Bearbeiten]

Die energetische Bewertung ist Impulsgeber für die Maßnahmen- und Budgetplanung der Unternehmen zur Energieeffizienz-Steigerung sowie für den Auf- und Ausbau eines Kennzahlensystems, mit dem die Betriebe ihre Energieeffizienz fortlaufend beurteilen können. Hierzu wird ein Tool für die Maßnahmenübersicht und ein Musterbericht, ISO 50001 konform, eingesetzt. Die gemeinsame Zielfindung des Netzwerkes, basierend auf den vertraulichen Einzelzielen der Unternehmen zu Effizienzsteigerung und CO2-Minderung, baut dabei auf den Ergebnissen der energetischen Bewertung auf und schließt die Initialphase (Phase 1) ab.[15]

Regelmäßige Treffen zu einem Thema vor Ort[Bearbeiten]

Schon während der Phase 1 läuft die Phase 2 mit jährlich meist vier Treffen zum Erfahrungsaustausch und einem jährlichen Monitoring für jeden Betrieb und für das Netzwerk als Ganzes an. In den Treffen, die immer in einem der beteiligten Betriebe (Betriebsbegehung) stattfinden, werden jeweils ein bis zwei zuvor durch die Teilnehmer festgelegte Themen behandelt. Kernpunkt ist der Austausch der Energieverantwortlichen zu ihren Erfahrungen mit bereits durchgeführten Maßnahmen und zunehmend auch aktuell realisierten Umsetzungen der Empfehlungen aus der energetischen Bewertung. Oft tragen auch externe Fachleute zu bestimmten Techniken oder Technikbereichen, organisatorischen Maßnahmen oder Mitarbeiter-Motivation vor. Dieser Informationsaustausch ist ein wesentliches Element der Netzwerke. Ein weiteres Kernelement ist die Reduktion der Transaktionskosten bei den Such- und Entscheidungsprozessen im Vorfeld einer Energieeffizienz-Investition, indem der Energieverantwortliche sich die erforderlichen Informationen und Risikoeinschätzungen nicht allein suchen und erarbeiten muss, sondern durch ein Gespräch im Netzwerk oder außerhalb der Treffen bilateral auf dem Wissen und den Erfahrungen der Kollegen aufbauen kann.[16]

Jährliches Monitoring für das Unternehmen und das Netzwerk[Bearbeiten]

Zur Bestimmung der Wirkung von Energieeffizienz-Maßnahmen in einem teilnehmenden Betrieb werden die Daten über den Jahres-Energieverbrauch (Top-down Ansatz) sowie die wirkenden Energieeffizienz-Maßnahmen erhoben (Bottom-Up Ansatz). Hierzu misst, berechnet oder schätzt der beteiligte energietechnische Berater oder der Energieverantwortliche die Wirkungen der einzelnen investiven oder organisatorischen Maßnahmen für jedes Jahr bezogen auf das Basisjahr, um auf diese Weise die eingesparten Energiekosten und verminderten CO2-Emissionen zu dokumentieren.[17]

Die Akteure eines Netzwerks[Bearbeiten]

Im Rahmen eines Netzwerks interagieren neben den teilnehmenden Unternehmen verschiedene Akteure: der Netzwerkträger, der Moderator und der energietechnische Berater bilden das Netzwerkteam.[18] Die Anforderungen und Aufgaben dieser drei Personen (Rollen) ergeben sich wie folgt:

Initiator / Netzwerkträger[Bearbeiten]

Der Initiator – meist der spätere Netzwerkträger – spricht potentielle Netzwerk-Teilnehmer an und gründet das Netzwerk. Der Netzwerkträger ist Ansprechpartner für die teilnehmenden Unternehmen, den energietechnischen Berater und den Moderator und gleichzeitig gesamtverantwortlicher Projektmanager, d.h. er verantwortet beispielsweise die Zeit- und Finanzplanung. Er beauftragt externe Projektbeteiligte, wie den energietechnischen Berater und den Moderator und gestaltet die projektbegleitende Öffentlichkeitsarbeit.

Moderator und energietechnischer Berater[Bearbeiten]

Der Moderator[Bearbeiten]

Der Moderator leitet die Netzwerktreffen, bereitet sie vor und nach, hält den Kontakt zu den Unternehmen auch zwischen den Treffen und informiert sie z.B. über interessante Veranstaltungen, Fördermöglichkeiten oder über Verordnungen, Gesetze. Er unterstützt den energietechnischen Berater beim Monitoring. Ein Moderator hat die LEEN- Schulung erfolgreich absolviert und verfügt bereits über mehrjährige Erfahrungen in der Moderation. Er ist Ansprechpartner der Unternehmen und fördert den direkten Erfahrungsaustausch zwischen den Netzwerk-Teilnehmern.

Der energietechnische Berater[Bearbeiten]

Der energietechnische Berater führt die energetischen Bewertungen und das Monitoring durch. Er unterstützt den Moderator bei der Expertensuche für die Fach-Vorträge, berät bei der Zielfindung des Netzwerkes und ist technischer Ansprechpartner. Er sollte mehrjährige Erfahrungen in der energietechnischen Beratung in Industriebetrieben haben. Der energietechnische Berater betrachtet die betrieblichen Energieflüsse ganzheitlich und benennt technisch und wirtschaftlich bewertete Optimierungsmaßnahmen. Daraus ergeben sich die unternehmensbezogenen Einsparpotentiale. Aus diesen wird der gemeinsame Zielvorschlag für die Energieeffizienz und die CO2-Reduzierung des Netzwerks abgeleitet.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hochspringen Jochem, E., Gruber, E. (2007): Local learning networks on energy efficiency in industry – Successful initiative in Germany. Applied energy 84(2007) p.806-816
  2. Hochspringen Jochem, E.; Lösch, O.; Mai, M.; Mielicke, U.; Reitze, F.(2014): Energieeffizienz in der deutschen Industrie – brachliegende Chancen. Energiewirtschaftliche Tagesfragen (et) 64 (2014) 1/2, S. 81–85.
  3. Hochspringen http://www.isi.fraunhofer.de/isi-de/e/projekte/30netzwerke.php
  4. Hochspringen Mai, M.; Mielicke, U.; Köwener, D.; Jochem, E. (2012): Initialberatung – Impulsgeber für die Umsetzung rentabler Investitionen zur Energieeffizienzsteigerung. UmweltWirtschaftsForum (uwf) 20 (2012) 1, S. 43–53.
  5. Hochspringen Mielicke, U.; Meier, N. (2012): Motivation durch Kommunikation – ein wesentliches Element der Begleitung der 30 Pilot-Netzwerke. UmweltWirtschaftsForum (uwf) 20 (2012) 1, S. 24–41.
  6. Hochspringen Jochem, E., Gruber, E. (2007): Local learning networks on energy efficiency in industry – Successful initiative in Germany. Applied energy 84(2007) p.806-816
  7. Hochspringen Bürki, T. (1999): Das Energie-Modell Schweiz als Erfahrungsfaktor für Schweizer Unternehmen. Benglen: Bundesamt für Energie.
  8. Hochspringen Kristof, K. et al. (1999): Evaluation der Wirkung des Energie-Modells Schweiz auf die Umsetzung von Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz in der Industrie und seiner strategischen energiepolitischen Bedeutung. Bern: Bundesamt für Energie.
  9. Hochspringen http://www.modell-hohenlohe.de/projekte_termine/projekt_archiv/_EnergieEffizienz-Tisch-Hohenlohe_55.html
  10. Hochspringen Jochem, E., Ott, V., Weissenbach, K. (2007): Lernende Netzwerke – einer der Schlüssel zur schnellen Energiekostensenkung. Energiewirtschaftliche Tagesfragen (et) 57(2007)3, S. 8–11
  11. Hochspringen http://www.dbu.de/123artikel32926_341.html
  12. Hochspringen http://www.bmub.bund.de/bmub/presse-reden/pressemitteilungen/pm/artikel/schwarzeluehr-sutter-unternehmensnetzwerke-bei-energieeffizienz-besonders-erfolgreich/
  13. Hochspringen Jochem, E.; Mai, M.; Ott, V. (2010): Energieeffizienznetzwerke – beschleunigte Emissionsminderungen in der mittelständischen Wirtschaft. Zeitschrift für Energiewirtschaft ZfE 34 (2010): pp. 21 – 28.
  14. Hochspringen Gigli, M.; Dütschke, E. (2012): Kraftakt oder Kinderspiel? Die Initiation eines industriellen Energieeffizienz-Netzwerks. UmweltWirtschaftsForum (uwf) 20 (2012) 1, S. 21–25.
  15. Hochspringen Jochem, E.; Mai, M. (2012): Vom einzelnen Betrieb zum gemeinsamen Handeln: Die Netzwerk-Teilnehmer setzen sich ihr Ziel. UmweltWirtschaftsForum (uwf) 20 (2012) 1, S. 61–68.
  16. Hochspringen Meier, N.; Köwener, D. (2012): Netzwerktreffen – der zentrale Umschlagplatz für Know-how und Erfahrungen. UmweltWirtschaftsForum (uwf) 20 (2012) 1, S. 69–73.
  17. Hochspringen Ott, V.; Jochem, E. 2012: Monitoring – reine regelmäßige Reflexion auf dem Zielpfad. UmweltWirtschaftsForum (uwf) 20 (2012) 1, S. 75–84.
  18. Hochspringen Köwener, D., Jochem, E., Mielicke, U. (2011): Energy Efficiency Networks for companies – Concept, achievements and prospects. ECEEE Proceed. 2011, Ed. 2, pp. 725–733.
Info Sign.svg Dieser Wikipedia-Artikel wurde, gemäß GFDL, CC-by-sa mit der kompletten History importiert.