Interkulturelles China-Training
Interkulturelles China-Training, auch kurz China-Training, beschreibt ein geleitetes interkulturelles Lernen, das sich mit China und der chinesischen Kultur befasst. Im Mittelpunkt steht die Vermittlung von interkultureller Kompetenz für den sozialen und beruflichen Umgang in China beziehungsweise den Austausch mit Angehörigen des chinesischen Kulturraums außerhalb von China. Es wird darin auf Themen wie Beziehungsgeflechte, Verhandlungskultur und Zeitmanagement in China eingegangen. Im Folgenden wird das Augenmerk auf China-Trainings für Deutsche gelegt. Im deutschsprachigen Raum werden Trainings mit Chinabezug in Seminaren an Universitäten und Weiterbildungseinrichtungen durchgeführt. In der freien Wirtschaft werden Schulungen und Coachings von China-Trainern angeboten. Darüber hinaus hat sich eine eigene Ratgeberliteratur für China im Allgemeinen und für die chinesische Geschäftskultur im Speziellen etabliert.
Inhaltsverzeichnis
[Verbergen]Entwicklungsgeschichte[Bearbeiten]
Interkulturelles Training in seiner heutigen Form hat seine Wurzeln in den Vereinigten Staaten, wo ab der Mitte des 20. Jahrhunderts zunehmend Trainingskonzepte entwickelt wurden, um national (multikulturelle Mitarbeiterschaft) und international (Einsätze in Kriegs- und Krisengebieten) auf interkulturelle Herausforderungen reagieren zu können.[1] Großer Bedarf an China-Trainings für Deutsche hat sich mit der Reform- und Öffnungspolitik der Volksrepublik China ergeben, infolgedessen wieder vermehrt wirtschaftliche Kooperationen zwischen den beiden Ländern aufgenommen wurden. Die Volksrepublik China bot in dieser Phase jedoch nicht nur große Investitions- und Produktionschancen, sondern stellte die europäischen Wirtschaftsakteure auch vor (inter-)kulturelle Schwierigkeiten.[2]
Trainingsformen[Bearbeiten]
In China-Trainings finden die in interkulturellen Trainings üblichen Methoden wie etwa Kulturassimilatoren Anwendung, in denen simulierend Beispielsituationen aus China vorgestellt werden. Diese müssen die Teilnehmenden anhand mehrerer Antwortmöglichkeiten lösen und diskutieren.[3] Mit Simulationen arbeiten auch Verhandlungstrainings für China, in denen komplexe Herausforderungen im Verhandlungsverlauf mit Chinesen simuliert und der sichere Umgang mit den fremden Argumentationstechniken eingeübt werden. Weiterhin gibt es Trainingsansätze, die insbesondere für die Vorbereitung auf chinesischsprachige Kulturen Verwendung finden. Hierzu gehören verschiedene Maßnahmen, die bei den westlichen Teilnehmenden die Auswirkungen eines Kulturschocks in China verringern sollen.
Trainingsinhalte[Bearbeiten]
Klassische China-Trainings gehen auf die chinesische Landeskultur und gegebenenfalls auf die chinesische Sprache ein. Sie variieren je nach geplanter Aufenthaltsdauer der Teilnehmenden in China. Zu typischen Trainingsinhalten zählen unter anderem die oben erwähnten chinesischen Verhandlungstechniken, die sich von den deutschen dadurch unterscheiden können, dass in China in der Regel erst ein Vertrauensverhältnis zwischen Verhandlungspartnern aufzubauen ist, bevor das Geschäftliche besprochen werden kann. Bisweilen wird bei Verhandlungen in China auch mit für Deutsche eher befremdlichen Verzögerungs- und Verwirrungstaktiken gearbeitet.[4] Ein weiteres Thema, das oftmals auf dem Trainingsprogramm steht, ist das Zeitmanagement in Ost und West. Grundsätzlich wird für China ein polychrones und für Deutschland ein monochrones Zeitverständnis festgestellt, was zu Problemen bei der gemeinsamen Organisation führen kann.[5] Wohl einer der häufigsten Inhalte von China-Trainings sind die chinesischen Beziehungsgeflechte (guanxi 关系). Damit beschreibt man die komplizierten zwischenmenschlichen Verbindungen, die auch als notwendige Bedingung für jeglichen Geschäftserfolg in China angesehen werden.[6] Mit den wachsenden Chinakenntnissen in Deutschland haben sich in den letzten Jahren auch die interkulturellen China-Trainings weiterentwickelt. Der Fokus liegt nun nicht mehr auf allgemeinen Themenbereichen, sondern auf spezielleren Trainingsprogrammen wie beispielsweise der gezielten Vorbereitung von Mitarbeitern (und ihren Familien), die für einen Arbeitseinsatz nach China geschickt werden sollen.[7]
Trainingsanbieter[Bearbeiten]
An Universitäten gibt es verschiedenen Seminarangebote zu interkultureller Kommunikation, die teilweise auch Asien und China abdecken. Institute der Sinologie und Chinawissenschaften bieten interkulturelle Kurse mit Chinafokus an. Pionierarbeit im privatwirtschaftlichen Bereich des interkulturellen Trainings hat in Deutschland das Institut für Interkulturelles Management geleistet. Auch die Außenhandels- sowie Industrie- und Handelskammern haben früh Fortbildungen für Aufenthalte in China im Angebot gehabt. Im Jahr 2007 wurde eigens ein IHK-China Competence Center (Frankfurt am Main und Darmstadt) gegründet. Daneben ist in Deutschland eine Vielzahl an freiberuflichen China-Trainern und Beratern tätig. Nicht zuletzt wurden in deutschen Großunternehmen, die weltweit agieren, Forschungs- und Lehrzentren für interkulturelle Kompetenz eingereicht, um internationale Mitarbeiter zu schulen und für die Entsendung vorzubereiten.[8]
Trainingsschwierigkeiten[Bearbeiten]
Wirtschaftlicher Austausch zwischen Deutschland und China sowie Teamarbeit mit deutscher und chinesischer Beteiligung werden bis heute durch Missverständnisse und Konflikte behindert, die auch interkultureller Natur sind. Ein klassisches Konfliktfeld ist das Aufeinandertreffen von deutscher Direktheit und chinesischer Zurückhaltung. China-Trainings können diese Konflikte abfedern und lösen, werden jedoch ihrerseits mit verschiedenen Herausforderungen konfrontiert. Hierzu gehört zum einen der schnelle Wandel in China, der es erforderlich macht, dass China-Trainer ihr Programm ständig aktualisieren. Zum anderen kommt es durch den wachsenden Austausch zwischen Ost und West zu Anpassungskonflikten durch interkulturelles Lernen. Dies ist zum Beispiel zu beobachten, wenn eine kritische Anpassung in Form von übertriebener Direktheit (gegenüber Deutschen) oder unmäßiger Höflichkeit (gegenüber Chinesen) stattfindet. Hier kann es zu Konflikten kommen, da die Motivation und das Ergebnis der Anpassung nicht übereinstimmen.[9]
Ratgeberliteratur[Bearbeiten]
In den letzten Jahren hat sich eine große Menge an populärwissenschaftlicher Ratgeberliteratur für China entwickelt, die ihre Leserschaft dazu befähigen will, in China beruflichen Erfolg zu haben und Verhandlungen mit Chinesen erfolgreich durchzuführen. Die Qualität dieser Literatur scheint jedoch nicht mit der Quantität gestiegen zu sein. In der sinologischen Untersuchung einer exemplarischen Auswahl von Ratgebern wurde zusammenfassend festgestellt, dass diese nicht frei von den in Deutschland gewachsenen, klischeebeladenen Chinabildern seien und somit teilweise mehr über Deutschland als über China aussagen würden.[10]
Siehe auch[Bearbeiten]
Interkulturelles Lernen, Interkulturelle Kompetenz, Interkulturelle Zusammenarbeit, Internationalisierung, Interkulturelles Management, Personalentwicklung, Diversity Management, Training, Interkulturelle Erziehung, Soft Skills
Einzelnachweise[Bearbeiten]
- Hochspringen ↑ Hans-Jürgen Lüsebrink: Interkulturelle Kommunikation. Interaktion, Fremdwahrnehmung, Kulturtransfer. 2., aktualisierte und erw. Stuttgart: Metzler, 2008, ISBN 978-3-476-01989-9.
- Hochspringen ↑ Jonas Polfuß: „Interkulturelles Training Deutschland-China: Quo vadis?“ In: Magazin des Chinesischen Industrie- und Handelsverbandes, Ausgabe 18, Oktober 2012, S. 33.
- Hochspringen ↑ Alexander Thomas: Beruflich in China. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2008, ISBN 978-3-525-49050-1.
- Hochspringen ↑ Manuel Vermeer (2007): China.de. Wiesbaden: Gabler, 2007, ISBN 3-468-22091-X, S. 129ff.
- Hochspringen ↑ Klare, Julia: Kommunikationsmanagement deutscher Unternehmen in China: Eine strukturationstheoretische Analyse internationaler PR. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2010, ISBN 978-3-531-16834-0.
- Hochspringen ↑ Li Liu (2007): „Filial Piety, Guanxi, Loyalty, and Money: Trust in China“. In: Ivana Markova, Alex Gillespie (Hrsg.): Trust and Distrust. Charlotte: Information Age, 2007, ISBN 978-1-593-11842-6, S. 51-77.
- Hochspringen ↑ Jonas Polfuß: „Interkulturelles Training Deutschland-China: Quo vadis?“ In: Magazin des Chinesischen Industrie- und Handelsverbandes, Ausgabe 18, Oktober 2012, S. 34.
- Hochspringen ↑ Britta Bergemann, Niels Bergemann (2005): Interkulturelle Managementkompetenz: Anforderungen und Ausbildung. Heidelberg: Physica Verlag, 2005, ISBN 978-3-790-80228-3, S. 70.
- Hochspringen ↑ Jonas Polfuß: „Kritischer Kulturassimilator Deutschland für chinesische Teilnehmende“ In: Interculture Journal, Heft 17, August 2012, S. 27-46, ebd. v.a. S. 44-46.
- Hochspringen ↑ Michael Poerner: Business-Knigge China: Die Darstellung Chinas in interkultureller Ratgeberliteratur. Frankfurt a.M.: Lang, 2009, ISBN 978-3-631-58475-0, S. 177-118.
Literatur[Bearbeiten]
- Alexa Mohl: Nach China unterwegs. Ein Trainingshandbuch zur Vorbereitung auf China. Paderborn, Junfermann, 1999, ISBN 978-3-873-87400-8.
- Frank Sieren: Der China Code. Wie das boomende Reich der Mitte Deutschland verändert. Berlin: Ullstein, 2005, ISBN 978-3-548-36856-6.
- Kai Strittmatter: Gebrauchsanweisung für China. München: Piper, 2008, ISBN 978-3-492-27574-3.
- LIANG Yong: Höflichkeit im Chinesischen. Geschichte - Konzepte - Handlungsmuster. München: Iudicium, 1998, ISBN 978-3-891-29631-8.
- KUAN Yu-Chien, Petra Häring-KUAN: Der China-Knigge. Eine Gebrauchsanweisung für das Reich der Mitte. Frankfurt a.M.: Fischer, 2012, ISBN 978-3596166848.