Hartmut Rührdanz
Hartmut Rührdanz (* 7. Juli[1] 1928 in Greifswald; † 20. September 2015 in Berlin) war ein deutscher Bootsbauer, Schiffbauingenieur und Fluchthelfer.
Inhaltsverzeichnis
Leben[Bearbeiten]
Ausbildung, Studium und Beruf[Bearbeiten]
Nach der Berufsausbildung zum Autoschlosser und Bootsbauer studierte Rührdanz von 1952 bis 1955 Schiffbau in Wismar und spezialisierte sich nach seinem Studium immer mehr als Konstrukteur von Segelbooten und Jachten. Er arbeitete in seinem Berufsleben als Ingenieur u. a. bei der DDR-Schiffs-Revision und -Klassifikation (DSRK), dem Konstruktionsbüro von Reinhard Drewitz und der VEB Yachtwerft Berlin. Die hier gebauten Jollenkreuzer sind überwiegend von Hartmut Rührdanz auf der Basis der Risse von Reinhard Drewitz - mit dem er eng befreundet war und von dem er gelernt hat - entworfen worden. Später führte das Konstruktionsbüro von Reinhard Drewitz fort. Aufgrund seiner hervorragenden Entwürfe wurde Rührdanz in der Encyclopedia of Yacht Designers [2] aufgeführt.
Fluchtversuch[Bearbeiten]
Ab 1961 lebte Rührdanz [3] mit seiner Ehefrau Sigrid Paul und ihrem im Januar geborenen Sohn Thorsten in Ost-Berlin. Thorsten litt seit der Geburt an einer schweren Krankheit,[4] die nur durch Medikamente aus West-Berlin behandelt werden konnte. Nach dem Mauerbau waren die Medikamente und besondere Schonkost nicht mehr zu beschaffen und der Sohn wurde in eine West-Berliner Klinik verlegt. Die DDR-Führung verweigerte ihnen den Passierschein, um ihr Kind in West-Berlin zu besuchen. Hartmut Rührdanz und seine Frau versuchten daraufhin mit gefälschten Pässen vergeblich, über Skandinavien aus der DDR zu fliehen.[5]
Wegen Fluchthilfe ins Gefängnis[Bearbeiten]
Das Ehepaar wurde im Februar 1963 verhaftet, weil drei Studenten bei ihnen übernachteten, die sie bei dem misslungenen Fluchtversuch kennengelernt hatten. Die drei Studenten wollten durch einen Tunnel an der Brunnenstraße flüchten, der jedoch durch Informanten an das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) verraten wurde. Hartmut Rührdanz und seine Ehefrau kamen zunächst in die Untersuchungshaftanstalt in der Berliner Magdalenenstraße, wo sie fast 24 Stunden lang verhört wurden. Danach wurden sie ins Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen verlegt, wo sie in verschiedene Zellen kamen. Hier konnten sie sich nur über Klopfsignale verständigen.
Nach fünf Monaten Untersuchungshaft wurde das Ehepaar vom Bezirksgericht Rostock im August 1963 wegen Beihilfe zur Republikflucht zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt.[5] Als Strafgefangener arbeitete Hartmut Rührdanz als Autoschlosser im Arbeitskommando der Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen. Nachdem er Mitarbeiter des Ministerium für Staatssicherheit der DDR (MfS) bei der Staatsanwaltschaft wegen Erpressung angezeigt hatte, wurde er nach Bautzen verlegt.
Freikauf durch die Bundesrepublik[Bearbeiten]
Von der Bundesrepublik wurde er im August 1964 freigekauft,[5] durfte jedoch aufgrund seiner gefragten Entwürfe nicht in die BRD übersiedeln. Er musste in der DDR bleiben und hatte es in den folgenden Jahren durch die berufliche Diskriminierung sehr schwer, Arbeit als Ingenieur zu finden. Daher musste er nach der Entlassung Hilfsarbeiten verrichten und erst nach einiger Zeit konnte er wieder als Ingenieur u. a. bei der VEB Yachtwerft Berlin arbeiten. Seine Entwürfe waren gefragt und so konnte er sich als Bootskonstrukteur in der DDR durchsetzen.
Sigrid Paul hätte übersiedeln dürfen, verblieb aber bei ihrem Ehemann in der DDR.[6][7][8]
Nach der Wiedervereinigung[Bearbeiten]
Nach der Wiedervereinigung hat er sich maßgeblich am Aufbau der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen beteiligt und führte seit 1992 Besuchergruppen mehrmals pro Woche durch die ehemalige Haftanstalt.[9] Auch Sigrid Paul führte Gruppen durch das Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen.[6]
In seinem Berliner Entwurfsbüro hat er fast bis zu seinem Tode am Zeichenbrett gestanden und seinem geliebten Beruf ausgeübt.
Literatur[Bearbeiten]
- Jan Philipp Wölbern: Der Häftlingsfreikauf aus der DDR 1962/63–1989: Zwischen Menschenhandel und humanitären Aktionen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014, S. 214 f.; eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
- Anna Funder: Stasiland: stories from behind the Berlin Wall. Granta Books, London 2003, ISBN 1-86207-655-3, S. 221; eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
- Sigrid Paul: Mauer durchs Herz. 2008 Taschenbuch
Weblinks[Bearbeiten]
- Detaillierter Lebenslauf: Der Kampf eines Vater um sein Kind http://www.jf-archiv.de/archiv02/332yy44.htm
- Hartmut Rührdanz, Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen
- Encyclopedia of Yacht Designers: http://www.eyd.net/writers.shtml
- Gregor Eisenhauer: Nachrufe: Sigrid Paul (Geb. 1934), Tagesspiegel, 14. Juli 2011
- Sigrid Paul: Mauer durchs Herz; Taschenbuch 2008 (Vorwort Karl W Fricke )
- "Lassen Sie ihn doch sterben" http://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2011/35335949_kw32_mauerbau/206028
Einzelnachweise[Bearbeiten]
- ↑ NACHRUFE, Der Tagesspiegel, Köpfe, Nr. 92, 30. Oktober 2015, S. 58 PDF-Datei, S. 2
- ↑ Writers. eyd.net. Abgerufen am 24. März 2016.
- ↑ Das Kind sollte vielleicht besser sterben. jf-archiv.de. Abgerufen am 24. März 2016.
- ↑ Franziska Vu: Inhaftiert: Fotografien und Berichte aus der Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit. Kulturring, Berlin 2006, ISBN 978-3-9810679-4-1.
- ↑ 5,0 5,1 5,2 The Berlin Wall kept me apart from my baby son, The Guardian, 7. November 2009
- ↑ 6,0 6,1 Gregor Eisenhauer: Nachrufe – Sigrid Paul (Geb. 1934). tagesspiegel.de. 14. Juli 2011. Abgerufen am 24. März 2016.
- ↑ Der 13.August 1961 trennt Sigrid Paul von ihrem todkranken kleinen Sohn: Mauer mitten durchs Herz. Berliner-Kurier.de. 2. Juni 2009. Abgerufen am 24. März 2016.
- ↑ Inhaftiert. Kulturring in Berlin e.V.. Abgerufen am 24. März 2016.
- ↑ Herbert Kierstein, Gotthold Schramm Freischützen des Rechtsstaats: wem nützen Stasiunterlagen und Gedenkstätten?. Edition Ost, Berlin 2009, ISBN 978-3-360-01810-6.
Personendaten | |
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NAME | Rührdanz, Hartmut |
KURZBESCHREIBUNG | deutscher Bootsbauer und Schiffbauingenieur |
GEBURTSDATUM | 7. Juli 1928 |
GEBURTSORT | Greifswald |
STERBEDATUM | 20. September 2015 |
STERBEORT | Berlin |