Geokritik
Geokritik (oder auch Géocritique) ist eine literarische Analysemethode sowie eine Literaturtheorie, die eine Verknüpfung zwischen Text und Raum herstellt. Die ersten als geokritisch präsentierten Arbeiten entstanden im Rahmen einer Tagung, die von Bertrand Westphal an der Universität von Limoges organisiert wurde. Sein Beitrag « Pour une approche géocritique des textes » (der auch online http://www.vox-poetica.net/sflgc/biblio/gcr.html auf Französisch publiziert ist) stellt ein Manifest der Geokritik dar. Forschungen, die sich selbst nicht als geokritisch bezeichneten, aber benachbarte Themen erörterten, wurden jedoch bereits zuvor betrieben.
Theorie[Bearbeiten]
Die Geokritik basiert auf drei theoretischen Prämissen:
- Raum-Zeitlichkeit
- Transgressivität
- Referentialität
Zu 1) Die Idee, dass Raum und Zeit ein Kontinuum bilden, ist den Entdeckungen der modernen Physik geschuldet. Die Übertragung in das Gebiet der Literaturtheorie erlaubt es, in Verbindung mit der Literaturwissenschaft eine interdisziplinäre Analysemethode vorzuschlagen. Diese Analyse konzentriert sich nicht nur auf Gegebenheiten der Zeit, wie das Leben des Autors, die Geschichte des Textes (auf der die Textkritik aufbaut) oder den Verlauf der Erzählung (wie in der Narratologie), sondern auf räumliche Gegebenheiten. Die Geokritik ist folglich mit der Geographie verwandt und basiert auf philosophischen Konzepten wie dem der Deterritorialisierung.
Zu 2) Dank der Arbeiten von Michel Foucault, Henri Lefebvre und Michail Bachtin sind die Repräsentationen des Raumes gegenwärtig durch die generelle und zunehmende Bedeutung der Überschreitung der etablierter Normen und Grenzen charakterisiert. Gleichzeitig werden neue Beziehungen zwischen Menschen, Orten und Dingen geschaffen. Die Kartographie ist hier nicht ausschließlich in der Macht einer Institution oder Person, vielmehr präsentieren verschiedene Blicke aus anderen Disziplinen denselben geographischen Raum auf unterschiedliche Weise. Da die Geokritik dies berücksichtigt, ist sie multifokal, indem sie eine Vielfalt von Themen gleichzeitig examiniert und sich somit von der Praxis des Fokussierens auf den einen Gesichtspunkt beispielsweise des Reisenden oder des Protagonisten abgrenzt.
Zu 3) Geokritik nimmt ebenso eine Referentialität zwischen Welt und Text an, anders gesagt, zwischen dem Referenten und seiner Repräsentation gibt es eine Verbindung. Indem die Art dieser verbindung befragt werden, ist es möglich, eine Studie der Fiktion in der Literatur anzustreben, die auf die Theorie der möglichen Welten verweist. Hier schließt sich das Werk von Edward Soja an, das „Thirdspace“ , einen Zwischenraum, postuliert.
Praktische Umsetzung[Bearbeiten]
Geokritik widmet sich der Studie von geschriebenen Orten in der Literatur durch verschiedene Autoren, aber sie erforscht auch den Einfluss der literarischen Werke auf die im kulturellen Kontext verankerten Vorstellungen von Orten.
Die theoretischen Arbeiten, die geholfen haben, dieses Forschungsgebiet zu begründen, sind zahlreich. Gaston Bachelard hat in einigen seiner Werke literarische Orte in den Fokus gerückt, um eine Typologie hinsichtlich ihrer Konnotationen zu erhalten. Maurice Blanchots Schriften haben die Idee eines spezifisch literarischen Raumes eingeführt, einen erfundenen Ort für die Schaffung von Werken, der spürbar in der Konzeption des manifestierten Raumes durch den Schriftsteller bleibt.
Weitere Beispiele sind die Entwicklungen in der Kulturwissenschaft und den Postcolonial Studies im speziellen, die sich unter anderem in Raymond Williams „The Country and the City“ oder Edward Saids „Culture and Imperialism“ manifestieren, indem sie geographische Vorkommnisse in historische Erfahrungen umwandeln. Fredric Jamesons Konzept des kognitiven „Mappings“ und seine theoretischen Ausführungen bezüglich der postmodernen Lebensbedingungen heben die Wichtigkeit der räumlichen Repräsentationen und ästhetischen Produktionen hervor, die Literatur, Film, Architektur und Design umfassen. Im „Atlas des europäischen Romans“ hat Franco Moretti die Ausbreitung dieses Genres in Europa untersucht und die komplexe Beziehung zwischen Text und Raum analysiert. Moretti hat ebenso eine Theorie der Literaturgeschichte bzw. Literaturgeographie postuliert, die Landkarten verwendet, um neue Verbindungen zwischen Text und sozialem Raum zu beleuchten.
Literatur[Bearbeiten]
- Soja, Edward: Postmodern Geographies: The Reassertion of Space in Critical Social Theory. London, Verso Press, 1989.
- Soja, Edward: Thirdspace: Journeys to Los Angeles and Other Real-and-Imagined Places. Oxford, Basil Blackwell, 1996.
- Westphal, Bertrand: La Géocritique, Réel, Fiction, Espace. Paris, Éditions de Minuit, 2007.
- Westphal, Bertrand. Bertrand Westphal: Pour une approche géocritique des textes. Vox Poetica, 2005.