Filmgeräusch

Aus MARJORIE-WIKI
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Begriff Filmgeräusch beschreibt die akustisch wahrgenommenen Phänomene eines Films in ihrem Verhältnis zur visuellen Ebene. Filmgeräusch unterscheidet sich von Filmmusik, indem es alle akustischen Elemente der Tonspur eines Films umfasst. Musik selbst kann im Film zu einem Geräusch werden, wenn sie aus einem Radio, einer Juke Box oder live in einer Szene gespielt erklingt. Im Deutschen wird auch häufig der Begriff Filmton verwendet (Originalfilmton, Synchronton, Filmtonmeister, Filmtontechnik), der vorwiegend technische Aspekte umfasst. Im englischen Sprachgebrauch wird film sound benutzt, wobei sound unspezifischer ist als im Deutschen, wo zwischen (musikalischem) Ton und (Umwelt-) Geräusch unterschieden wird. Im Französischen heißt es bande son.[1]

Beschreibung[Bearbeiten]

Der moderne Begriff der audio-visuellen Medien betont die Gleichberechtigung des Hörens und Sehens. Der französische Filmtontheoretiker Michel Chion[2], Erfinder zahlreicher Kunstwörter für die Analyse audio-visueller Phänomene, schlägt den Begriff audio-spectateur[3] (Audio-Seher) vor und betont, dass in Wirklichkeit, bei der audio-visuellen Verbindung, eine Wahrnehmung die andere verändert: man „sieht“ nicht dasselbe wenn man dabei hört; man „hört“ nicht dasselbe wenn man (gleichzeitig) sieht. [4] In der Englischen Übersetzung des Buchs Audio-Vision heißt es in der Einführung: And yet films, television, and other audiovisual media do not just address the eye. They place their spectators – their audio-spectators – in a specific perceptual mode of reception, which in this book I shall call audio-vision.[5]

In der modernen, visuell orientierten Welterfahrung fehlt ein differenzierter Begriffsapparat um akustische Phänomene zu beschreiben. Um Filmgeräuschen in einem sprachlichen Diskurs gerecht zu werden, ist die Methode der phänomenologischen Analyse hilfreich. Ihre deskriptive Methode hält sich an das, was dem Bewusstsein unmittelbar im Akt der Wahrnehmung erscheint. Husserls Parole "zurück zu den Sachen selbst" [6] kann bei der Analyse von Filmgeräuschen nützlich werden.

Die Betrachtung des Filmgeräuschs stellt den hörenden Zuschauer (auch Seherhörer[7] genannt) in den Mittelpunkt eines Wahrnehmungsfeldes, denn erst im Akt der Wahrnehmung synchroner Bilder und Töne entsteht der Sinn und die Bedeutung des Films im Bewusstsein des Zuschauers. Das Wahrnehmungsfeld setzt sich zum einen aus der Gesamtheit der Filmtonspur, nämlich der Musik, dem Dialog und den Atmogeräuschen der Filmhandlung zusammen. Zum anderen bezieht die Analyse der Filmbetrachtung die kulturellen Denotationen von Geräuschen, Klängen oder der menschlichen Stimme, aber auch die Situation des Filmkonsumenten im Kino mit ein. Das Wahrnehmungsfeld wird also erst durch die individuellen bzw. kulturell gelernten Assoziationen des Seherhörers vervollständigt. Helga de la Motte definiert Filmgeräusch als allgemeinen Begriff, der auch Sound Design umfasst: Der Begriff Filmgerausch erweitert den des Sound Designs. Denn er impliziert auch die Stimme oder den Schrei sowie deren mediale Verwendung. Andere dem filmischen Sound Design gewidmete Abhandlungen rekurrieren selten auf die Stimme. [8]

Der englische Begriff Sound Design wird häufig im Zusammenhang mit Filmton genannt und wurde von dem Filmtonspezialisten Walter Murch während der Arbeit an dem Film Apocalypse Now (1979) geprägt. Insbesondere für die räumliche Verteilung der Filmgeräusche in einem quadrophonischen Feld sagt Murch: I thought I was doing a job similar to that of a production designer, except I was decorating the walls of the theatre with sound, so I called what I did sound design. (Projections 4, 1995: 246) Sound Design hat sich für die Tongestaltung audio-visueller Vorgänge eingebürgert, wird aber oft vage in verschiedensten Zusammenhängen benutzt: für das Audiobranding, Elektroakustische Musik, die akustische Gestaltung von architektonischen Räumen, die Geräuschgestaltung von Autos etc.

Im Film erzeugt Sound Design die Geräuschwelten von verschiedenen Umwelten an verschiedenen realen oder imaginierten Orten oder von Gerätschaften. Sound Design umfasst auch die Erzeugung von künstlichen Sprachen von Menschen, Tieren und Robotern bis hin zu Monstern oder Außerirdischen, insbesondere in den Genres Horror und Science-Fiction Film.

Der Gebrauch des Begriffs Filmgeräusch[Bearbeiten]

Der Begriff taucht ausdrücklich in der beschriebenen Konnotation erstmals im Jahr 2012 in dem gleichnamigen Buch Filmgeräusch [9] mit dem Untertitel Wahrnehmungsfelder eines Mediums von Frieder Butzmann und Jean Martin auf. Seither wird er in der Fachwelt diskutiert.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hochspringen Bande Son (französische Wikipedia)
  2. Hochspringen Michel Chion (französische Wikipedia)
  3. Hochspringen Michel Chion. L’audio-vision. Son et image au cinéma. (1990), Armand Colin, Paris, 2008, S. 3
  4. Hochspringen op. cit. S. 3
  5. Hochspringen Chion. Audio-Vision. Sound on Screen. (transl. by Claudia Gorbman, forword by Walter Murch), Columbia University Press, New York, 1994
  6. Hochspringen Vernünftig oder wissenschaftlich über Sachen urteilen, das heißt (...), sich nach den Sachen selbst richten, bzw. von den Reden und Meinungen auf die Sachen selbst zurückgehen, sie in ihrer Selbstgegebenheit befragen und alle sachfremden Vorurteile beiseitetun. (Edmund Husserl. Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie, Tübingen 1980 (Orig.1913), S. 35
  7. Hochspringen Frieder Butzmann, Jean Martin. Filmgeräusch - Wahrnehmungsfelder eines Mediums, Hofheim (Wolke) 2012, S. 13
  8. Hochspringen Helga de la Motte. Perspektiven des "Seherhörers". in MusikTexte 136, S.87-88 Feb 2013
  9. Hochspringen Frieder Butzmann, Jean Martin. Filmgeräusch - Wahrnehmungsfelder eines Mediums, Hofheim (Wolke), 2012
Info Sign.svg Dieser Wikipedia-Artikel wurde, gemäß GFDL, CC-by-sa mit der kompletten History importiert.