Besondere Vorkommnisse mit Artilleriemunition

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Unter Besonderen Vorkommnissen mit Artilleriemunition werden unerwünschte Vorfälle beim Verschießen von Artilleriemunition verstanden, die durch falsche Bedienung und/oder fehlerhafte Behandlung der Munition verursacht werden. Besondere Vorkommnisse vermindern immer die Wirkung der Waffe. Bei den besonderen Vorkommnissen mit Artilleriemunition lassen sich sechs häufig vorkommende Vorfälle systematisieren.[1]:99

Rohrzerspringer[Bearbeiten]

Rohrzerspringer eines österreichisch-ungarischen 8-cm-Feldgeschützes

Zu den gefährlichsten Vorkommnissen zählt der Rohrzerspringer. Durch besondere Umstände kommt es zu einer voll- oder teilkräftigen Detonation einer Artilleriegranate im Rohr.

„Unter einem Rohrzerspringer versteht man die voll- oder teilkräftige Detonation eines Geschosses im Rohr. Man unterscheidet dabei: ‚Vollkräftige Rohrzerspringer‘ bei Volldetonation der Sprengladung, ‚nicht vollkräftige Rohrzerspringer‘ bei Teildetonation der Sprengladung und ‚Ausbläser‘ bei explosionsartigem Ausbrennen der Sprengladung, wie es bei Abreißen des Zünders vorkommt.“[1]:100, Pkt. 1

Eine mögliche Ursache ist beispielsweise eine zu starke Treibladung, weil zu viel Sprengstoff in die Kartusche gefüllt wurde. Das explodierende Geschoss nennt man umgangssprachlich auch Rohrkrepierer. Ein Rohrzerspringer zerstört immer die Waffe und gefährdet die Geschützbedienung.

Rohrzerscheller[Bearbeiten]

Unter einem Rohrzerscheller oder Rohrzerbrecher versteht man das einfache Zubruchgehen der Geschosshülle im Rohr.[1]:100, Pkt. 2 Der Zünder und die Zündladung kommen nicht zur Explosion und die Sprengladung manchmal nur zum Teil. Das Geschoss zerschellt durch äußere Gewalt und nicht durch die gesamte gebundene Energie der Sprengladung. Ein Rohrzerscheller verursacht so große Beschädigung im Rohr (z. B. eine Rohraufstauchung), das es nicht weiterverwendet werden kann. Ein so beschädigtes Rohr würde dem Geschoss zu wenig Führung bieten und zu wenig Drall geben, so dass es durch eine übermäßige Streuung wirkungslos wäre. Eine mögliche Ursache ist ein Zurückrutschen des Geschosses auf die Treibladung beim Nehmen der Rohrerhöhung, das durch ein ungenügendes oder nachlässiges Ansetzen des Geschosses verursacht wird. Um Rohrzerscheller oder sogar Rohrzerspringer zu verhindern, müssen bei Frost die Granate und seine Führungsringe vollständig vom Eis befreit werden, da ansonsten ein richtiges Ansetzen nicht möglich ist. Vereiste Granaten tauen im heißgeschossenen Rohr auf und rutschen beim Nehmen der Rohrerhöhung auf die Treibladung zurück. Auch muss bei Feuerpausen das Rohr wieder vollständig entladen werden. Nur so kann das Rohr auf Fremdkörper untersucht werden. Auch verhindert ein Entladen, dass eindringendes Wasser bei Forst die Granate im Rohr festfriert. Bei heißgeschossenen Rohren könne die Granaten weiter ins durch die Wärme ausgedehnte Rohr geschoben werden. Wenn das Rohr bei einer Feuerpause wieder abkühlt und sich wieder zusammenzieht, wird auf die Führungsringe der Granate ein starker Druck ausgeübt. Dies kann zu Rissen in der Geschosshülle führen, die beim Abschuss zu einem Rohrzerscheller oder Rohrzerspringer führen können.[2]

Frühzerspringer[Bearbeiten]

Als Frühzerspringer (auch Bahnzerspringer genannt) wird die vorzeitige und vollkräftige Detonation einer Granate auf irgendeinem Punkt ihrer Flugbahn bezeichnet.[1]:100, Pkt. 3 Ein Frühzerspringer kann die vor der Feuerstellung befindlichen eigenen Truppen gefährden. Häufige Ursache sind beschädigte Zünder, die durch die grobe Behandlung der Munition oder das Werfen von Munitionspackgefäßen verursacht werden. Wenn sich beispielsweise ein beschädigtes Abschussplättchen an der Zünderspitze nach dem Abschuss ablöst, genügt der Winddruck, um den Zünder nach Aufhebung der Vorrohrsicherung auszulösen. Auch können hochempfindliche Zünder beim Treffen von großen Regentropfen, Hagelkörnern, Ästen oder Stromleitungen auslösen und so zu Frühzerspringern führen.

Blindgänger[Bearbeiten]

Blindgänger nennt man eine zwar im Ziel angekommene, aber unzerlegte Granate, die wirkungslos bleibt.[1]:100, Pkt. 4 Ursache können beispielsweise nass gewordenen Zünder sein. Bestimmte Zünder verwenden Schwarzpulver als Zündmittel. Wenn Schwarzpulver nass wird, zündet es auch nach Trocknung nicht mehr, da ein Bestandteil, das Salpeter, auskristallisiert ist.

Kurzschuss[Bearbeiten]

Unter einem Kurzschuss versteht man die unbeabsichtigte Verkürzung der Geschossflugbahn durch eine zu schwache Treibladung.[1]:100, Pkt. 5 Entweder wird durch grobe Nachlässigkeit zu wenig Treibladung in die Kartusche gefüllt oder die Treibladung zündet nicht vollständig, weil sie beispielsweise nass geworden ist. Kurzschüsse können die vor der Feuerstellung befindlichen eigenen Truppen gefährden.

Weitschuss[Bearbeiten]

Unter einem Weitschuss versteht man die unbeabsichtigte Verlängerung der Geschossflugbahn durch eine zu starke Treibladung.[1]:100, Pkt. 6 Entweder wird durch grobe Nachlässigkeit zu viel Treibladung in die Kartusche gefüllt oder die Treibladung wirkt durch unsachgemäße Lagerung stärker. Wenn Treibladungen Hitze (z. B. durch Sonneneinstrahlung oder durch längere Lagerung der Kartuschen im heißgeschossenen Rohr) ausgesetzt werden, kann sich deren Abbrandgeschwindigkeit erhöhen. Dadurch entsteht beim Abschuss im Rohr ein höherer Gasdruck, der die Granate weiter als berechnet fliegen lässt. Darum müssen Treibladungen immer im Schatten bzw. gekühlt gelagert und das Rohr bei Feuerpausen entladen werden, um Weitschüsse, Rohrzerscheller oder sogar Rohrzerspringer zu vermeiden.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 1,6 Vgl. Matt, Emil (Hrsg.): Taschenbuch für die Feldzeugtruppe, Folge 1.1958, Darmstadt: Wehr und Wisman Verlagsgesellschaft, 1957.
  2. Vgl. Fleischer, Wolfgang: Deutsche 21-cm-Mörser 1911-1945, in: Waffen-Arsenal-Waffen und Fahrzeuge der Heere und Luftstreitkräfte, Bd. 162, S. 39.
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