Alkoholismus in Russland

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Alkoholismus stellt ein großes soziales Problem in Russland dar, welches sozial-ökonomische, geistige und moralische Grundsätze der Gesellschaft untergräbt. Aufgrund der hohen Rate der Erkrankungen, Sterblichkeit und Kriminalität, welche mit dem Konsum von alkoholischen Getränken zusammenhängen, werden das psychische Wohlsein und das normale öffentliche Leben der Bevölkerung beeinträchtigt.

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Geschichte[Bearbeiten]

Die allgemeine Annahme darüber, dass Alkoholismus eine ursprüngliche Eigenschaft des russischen Volkes sei, ist spekulativ. In der Rus hat man ganz wenig getrunken. Nur für die großen Feierlichkeiten kochte man braga (Maische), medowucha (Met) und Bier, dessen Alkoholgehalt nicht 10° überschritt. Die Getränke wurden nur für den Eigenbedarf hergestellt und waren nicht für den Verkauf bestimmt. Man füllt das Gefäß charka (Tasse) mit dem Getränk und verteilte es im Kreis. Jeder durfte nur einen, maximal zwei Schlucke davon trinken. Alkohol im Alltag wurde als Sünde und große Schande aufgefasst. Im Jahr 1386 wurde Weintraubenspiritus nach Russland importiert. Dieser konnte sich nicht etablieren und wurde später als gesundheitsschädlich anerkannt. Wodka, in Form von chlebnaja wodka (Getreide-Wodka) und chlebnoje vino (Getreidewein) wurde in Russland zwischen 1448 und 1474 erfunden.

Auch 100 Jahre später, nach der Erfindung des für das russische Volk typischen Getränkes, gab es in der Rus keinen Alkoholismus. Hauptgründe dafür waren das patriarchalische Leben und die tiefe Religiosität des russischen Volkes. Alkoholismus kam nach Russland in dem Moment, als die Produktion sowie der Konsum vom Alkohol von dem Staat bestimmt und übernommen wurde. Von dem Zeitpunkt an ging die Entwicklung der Alkoholproduktion in zwei Richtungen: Alkoholisierung der einfachen Menschen mit minderwertigem Wodka und Produktion hochwertiger Getränke für die oberen Schichten der Gesellschaft.

Ungefähr ab 1555 wurden in ganz Russland korčmy (Kretschame), eine Art Taverne, geschlossen. Stattdessen wurde von Iwan Groznyj (Iwan IV.) befohlen, kabaki (Kneipen) mit ausschließlichem Alkoholverkauf aufzumachen. Das Trinken ohne den Verzehr von Mahlzeiten führte zur schnellen Alkoholisierung und anschließend zur Sucht. Daraufhin wurde ein Gesetz erlassen, welches der niedrigen sozialen Schicht verbot, privat Alkohol herzustellen. Adlige und andere obere Schichten wurden von diesem Gesetz nicht erfasst und durften weiterhin Alkohol selber herstellen.

Der Staat wurde in dem Bereich der Alkoholherstellung zum Monopolisten und konnte dadurch hohe Einkommen erziehen. Aufgrund der allgegenwärtigen Armut und der damit verbundenen Unfähigkeit, Kneipenschulden zu begleichen, sowie wegen der gesunkenen Qualität der alkoholischen Getränke, brachen im Jahr 1648 in vielen Städten Russlands kabackije bunty (Kneipenaufruhre) aus.[1] Um die Unruhen zu unterdrücken, musste Zar Aleksei Michajlovič (Alexei I.) seine Armee einschalten. An dieser Stelle fing der Staat an, Maßnahmen gegen die Trunkenheit des Volkes zu ergreifen.

Im Jahr 1652 wurde die Anzahl der Kneipen verringert. Der Alkohol wurde nur an bestimmten Tagen verkauft. Daraufhin kam es zu einer starken Reduzierung der staatlichen Einkommen aus dem Alkoholverkauf, sodass dieses Verbot sieben Jahre später faktisch nicht mehr eingehalten wurde.

Im 19. Jahrhundert ist Alkoholismus in Russland zur nationalen Tradition geworden. Im 20. und 21. Jahrhundert trug der hohe Alkoholkonsum zu einer beträchtlichen Reduzierung der Lebenserwartung der russischen Bevölkerung bei.[2]

Prohibition[Bearbeiten]

Am Anfang des Ersten Weltkrieges 1914 wurde vom Zar Nikolai II ein Dekret über das Verbot der Herstellung und Verkauf aller Arten von alkoholischen Getränken auf dem gesamten Territorium Russlands erlassen. Der Alkoholverkauf wurde am 19. Juli 1914 bis zum Ende des Krieges eingestellt. Hochprozentige Getränke wurden nur in Restaurants verkauft. Mit dieser Maßnahme war es möglich, den durchschnittlichen Verbrauch von Alkohol zu verringern, obwohl Alkohol immer noch illegal hergestellt wurde.
Mit dem Aufkommen der Sowjetmacht wurde der Kampf gegen Alkoholismus fortgesetzt. Im Dezember 1917 verlängerte die sowjetische Regierung das Verbot der Produktion von Wodka. Am 19. Dezember 1919 übernahm der Rat der Volkskommissare der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik Lenins unterschriebenen Beschluss über die Untersagung der Produktion und des Verkaufs von Spiritus auf Landesterritorium. Strenge Maßnahmen wurden vorgesehen, wie eine fünfjährige Freiheitsstrafe und Eigentumsbeschlagnahme. Das Gesetz wurde jedoch am 26. August 1923 von der Zentralen Wahlkommission der UdSSR und dem Rat der Volkskommissare der UdSSR aufgehoben. Es wurde ein Dekret über die Wiederaufnahme der Produktion und dem Handel mit alkoholischen Getränken in der UdSSR erlassen.

Während der Prohibition wurden 5,5 Millionen Neugeborene registriert. 500.000 im Jahr mehr als in den letzten 20-30 Jahren. Die Kriminalität sank erheblich und die Lebenserwartung der Männer stieg um 2,6 Jahre.

Trotz der Anti-Alkohol-Kampagnen stieg der Alkoholkonsum in der UdSSR weiterhin. Ende der 1970er-Jahre erreichte der Konsum alkoholischer Getränke in der UdSSR den Rekordwert in der Geschichte des Landes. Wichtig ist die Tatsache, dass der Alkoholkonsum weder während des Russischen Reiches, noch während der Regierungszeit von Stalin, die Marke von 5 Litern pro Person im Jahr überschritt. Zum Jahr 1984 erreichte der Alkoholkonsum die Marke von 10,5 Litern des registrierten, und 14 Litern nicht registrierten Alkohols.

Michail Gorbačëvs Anti-Alkohol-Kampagne in dem Zeitraum zwischen 1985-1987 gehört heutzutage zu den berühmtesten. Gorbačëvs Kampf gegen Alkoholismus fand in der Zeit der Perestroika statt.

Am 7. Mai 1985 wurde vom Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion ein Dekret über die Maßnahmen zur Überwindung des Alkoholmissbrauchs und Alkoholismus erlassen. Die Durchführung hatte einen noch nie da gewesenen Umfang. Der Staat nahm zum ersten Mal den Umsatzrückgang vom Alkoholvertrieb in Kauf. Obwohl der Alkoholverkauf ein wichtiger Bestandteil des Staatshaushaltes war, wurde seine Produktion drastisch reduziert. Gleich nach dem Beginn der Kampagne wurden sehr viele alkoholverkaufende Geschäfte geschlossen. Es wurden strenge Maßnahmen gegen das Trinken in der Öffentlichkeit getroffen. Die im betrunkenen Zustand gefassten Bürger verloren ihre Arbeit und wurden aus der Partei ausgeschlossen. Feste und Feierlichkeiten jeder Art wurden verboten, sowie anti-alkoholische Hochzeiten befürwortet. Strenge Anforderungen zur Ablehnung vom Alkohol wurden selbst den Parteimitgliedern vorgelegt.

Der Umsatzrückgang vom Alkoholverkauf verursachte schwere Schäden im Sowjethaushaltssystem. Der jährliche Einzelhandelsumsatz sank im Durchschnitt auf 16 Milliarden Rubel. Weit verbreitete Unzufriedenheit aufgrund der Kampagnen und die Wirtschaftskrise von 1987 zwangen die Sowjetregierung, den Kampf gegen Alkoholproduktion und Alkoholkonsum aufzugeben.

NLP- Kampf gegen Alkoholismus[Bearbeiten]

Das Neuro-Linguistische Programmieren sollte zur Ausrottung von Alkoholismus bei den Sowjetbürgern eingesetzt werden. 1964 wurde in Kasachstan ein erstes Therapiezentrum eröffnet. Diese Fachstrafanstalt wurde für Alkohol, - und Drogenabhängige eingerichtet. Dorthin wurden Menschen, die aufgrund ihrer Sucht gegen die Arbeitsdisziplin oder öffentliche Ordnung verstoßen hatten, geschickt. Die Patienten könnten bis zu zwei Jahren in solchen Einrichtungen verbringen.

Vollständige Befreiung von der Sucht und soziale Rehabilitation waren die Hauptziele dieser Therapiezentren. Allerdings hatten die Einrichtungen zwielichtigen Charakter. Die alkoholkranken und drogenabhängigen Menschen sollten in diesen Zentren als Versuchsmaterial für zahlreiche Studien, die nicht immer human waren, benutzt werden.

Statistik des Alkoholismus in Russland[Bearbeiten]

Laut jüngsten Daten der russischen Aufsichtsbehörde für Konsument,- und Gesundheitsschutz Rospotrebnadzor überschreitet die Zahl der Alkoholiker in Russland die Marke von 5.000.000 Menschen oder 3,4% der gesamten Bevölkerung. Alkoholismus in Russland wurde zur Todesursache 1/3 aller Männer und 15% der Frauen. In Zahlen ausgedrückt sind das ungefähr 500.000 Menschen im Jahr, die in Folge dieser Sucht sterben.

Mit dem Alkoholmissbrauch hängen direkt und indirekt 62,1% der Selbstmorde und 72,2% der Morde zusammen. Aufgrund dessen sterben 60% der Menschen an Pankreatitis, sowie 67,7% an der Leberzirrhose und 23,3% an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Es werden jeden Tag 40.000 Fälle von Alkohol- und Drogenvergiftung registriert.

Laut WHO (World Health Organisation) ist die Alkoholzahl, die 8 Liter pro Person im Jahr übersteigt, gefährlich für die Gesundheit eines Menschen.

  • 1914 lag der Konsum vom puren Alkohol in Russland bei 4,7 Liter pro Person pro Jahr
  • Während der Prohibition von 1914-1925 sank diese Zahl auf 0,2 Liter
  • Im Jahr 1940 wurde Alkohol in der Menge von 1,9 Liter pro Person pro Jahr konsumiert
  • 1960 wuchs der Alkoholkonsum bis zu 9,8 Liter pro Person pro Jahr
  • Im Jahr 1980 stieg der Alkoholkonsum auf 10,5 Liter pro Person pro Jahr
  • 1984 erreichte der Alkoholverbrauch in der UdSSR die Marke von 12 Liter pro Person pro Jahr
  • Die Anti-Alkohol-Kampagne zwischen 1985-1987 senkte den Alkoholverkauf bis zu 51%
  • Im Jahr 2007 betrug der Alkoholverkauf ungefähr 10 Liter pro Person im Jahr
  • 2009 stieg der Alkoholkonsum auf 18 Liter pro Person im Jahr

Ursachen[Bearbeiten]

Alkoholismus ist ein Massenphänomen, das mit sozialen Kategorien wie einerseits Traditionen bzw. Bräuchen und andererseits mit gesellschaftlicher Meinung und dem Trend, sowie mit den psychischen Eigenschaften einzelner Persönlichkeiten, zusammenhängt. Der Alkohol wird oft als medizinisches Mittel oder als wärmendes Getränk bei den kalten Temperaturen angesehen.

Alkoholismus nahm in bestimmten historischen Zeiten verschiedene Formen, wie zum Beispiel religiöser Ritus oder medizinische Behandlung, an. Man greift oft in Hoffnung in angenehme Stimmung zu kommen zum Alkohol. Alkohol soll die psychische Spannung vermindern, sowie die Müdigkeit und moralische Unzufriedenheit betäuben. Alkoholische Getränke helfen von der Realität mit ihren unendlichen Sorgen zu entfliehen. Manche Menschen trinken um die psychische Barriere zu überwinden um eine emotionale Verbindung eingehen zu können. Andere sehen im Alkohol die Möglichkeit zur Selbstbestätigung, den Indikator für Mut und Erwachsensein.

Die Soziolagen begründen die signifikante Erhöhung der Alkoholisierung der Gesellschaft in der Russischen Föderation Ende des 20. Jahrhunderts mit den durch die in dem Rahmen der Reformen auftretenden scharfen Verschlechterungen der Lebensbedingungen vieler Millionen von Menschen. Die soziale Unordnung, sowie das in der Massenpsychologie entstandene dauerhafte Gefühle der Unsicherheit und Ungewissheit, tragen zu einer deutlichen Steigerung der öffentlichen Nachfrage nach Alkohol bei.

Aktuelle Phasen des Kampfes gegen Alkoholismus in Russland[Bearbeiten]

Die Aktualität des Alkoholproblems zwingt die russische Gesellschaft und Regierung zu den ernsten und entschlossenen Maßnahmen im Gegenkampf. Eine der jüngsten Neueinführungen ist das Alkoholverkaufsverbot in der Nacht und in jeglichen Kiosken. Die Wirksamkeit einer solchen Verschärfung kann eher bedingt angesehen werden, denn es führt gewöhnlich zu den Underground Verkäufen und Einkäufen.

Darüberhinaus existiert in Russland Fahrverbort, sogar in einem leichten Rausch. Es ist ebenfalls verboten Werbung für alkoholische Getränke auf Schildern und Tafeln zu projizieren.

Es existieren Gemeinschaftsorganisationen zur Unterstützung der alkoholabhängigen Menschen, sowie private Kliniken, welche Dienstleistungen zur psychischen und medizinischen Genesung anbieten. Die Dringlichkeit des Alkoholismus im Land teilt auch die orthodoxe Kirche, die immer bereit ist, Menschen, die mit dem Alkoholabhängigkeit konfrontiert sind, zu helfen.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Claire Suddath: A Brief History of Russians and Vodka. Time magazine. 5. Januar 2010. Archiviert vom Original am 25. Mai 2010. Abgerufen am 10. Februar 2015.
  2. Trinken bis zum Tod: Über die russische Volksdroge Alkohol und ihre Auswirkungen, bpb.de, 21. März 2011
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