Wartezimmerkölsch

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Mit dem Begriff „Wartezimmerkölsch“ wird im zentralen Rheinland eine Art zu sprechen belegt, bei der die typischen Abweichungen in der Aussprache der lokalen Dialekte, insbesondere natürlich des Kölschen, vermeintlich in Richtung zur Hochsprache verändert werden, was allerdings teilweise misslingt. Es handelt sich um ein Phänomen des Hyperkorrektismus, gepaart mit einer ungenügenden Kenntnis oder Geläufigkeit in der deutschen Standardsprache. Mit deren zunehmender Verbreitung im Rheinland in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ist das Phänomen aus dem täglichen Leben weitgehend verschwunden, hat aber auf Bühnen und in komischen Fernsehsendungen[1] weiterhin Bestand. Der um den Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts ebenfalls gängige Begriff „Dienstmädchenkölsch“ taucht inzwischen allenfalls noch in historisierenden Stücken auf.

Beide Begriffe belegen allein durch ihre Bildung auch, dass sie sich nur auf Gelegenheitskommunikation beziehen, in der einzelne, wenige Sätze gesprochen werden, die zudem noch von eher oberflächlicher Bedeutung sind, und die in einer nicht ganz alltäglichen Situation stattfindet, die ein gewisses Stresspotential für den Sprecher mitbringt.

Im Gegensatz etwa zum Familienkölsch, das in stärkerem Umfang auch Grammatik, Syntax und Lexik, sowie beliebig umfangreiche sprachliche Äußerungen betrachtet, ist hier im Wesentlichen die versehentlich falsche Aussprache im Fokus. Kleine Anteile solcher lautlicher Abweichungen vom Standard finden sich auch noch im Regiolekt des Rheinlandes.

Typische Aussprüche des „Wartezimmer-Kölsch“ sind etwa:

  • Freitags kommt bei uns immer Fich auf den Tich.
    Da im Kölschen das ich-„ch“ und das „sch“ nahezu gleich ausgesprochen werden, versucht man eine hochdeutsche Lautung zu erreichen, indem man alle „sch“ in möglichst hell klingende ich-„ch“ wandelt, allerdings auch diejenigen, die im Deutschen bei „sch“ bleiben sollten.
  • Oh-ga, der Gäger gaacht! – (Oh ja, der Jäger jagt)
    Hier trifft das gleiche Prinzip zu, nur bezogen auf die anlautenden „G“ des Deutschen, die im Kölschen wie „J“ klingen. Übersehen wird allerdings, dass das „g“ im Inlaut der deutschen Wörter „Jagd“ und „jagt“ im Dialekt wie Dach-„ch“ klingen, diese Abweichung bleibt bestehen.
  • Hä Lärer, der hat mich getrooten. – (Herr Lehrer, er hat mich getreten)
    Aus dem platten „jetrodde“ wird durch eine unvollständige Umsetzung „getrooten“. Das anlautende „j“ wird richtig zu „g“, das im Dialekt getilgte „n“ wird richtig zugefügt, das im Kölschen dem kurzen offenen Vokal folgende stimmhafte „dd“ wird korrekt zum „t“, ebenfalls wird der kurze offene Vokal korrekterweise ersetzt durch einen langen geschlossenen Vokal, lediglich dessen Umlautung vom „o“ zum „e“ fehlt.

Das letzte Beispiel zeigt, dass ein Problem in der Komplexität und Menge der anzuwendenden Umsetzungsregeln liegt, die einen in der hochdeutschen Lexik und Lautung weniger erfahrenen Sprecher überfordern kann, der zugleich formulieren und das Ergebnis in brauchbares Hochdeutsch umsetzen möchte.

Eine noch heute häufig in Köln und Umgebung zu beobachtende Ausspracheform ist die hyperkorrektistische Verschiebung des auslautenden „-ig“ zu „-ik“. Zwar wird im Hochdeutschen die Endung wie „ich“ gesprochen, aber auch hier würde der kölner Sprecher zwischen „ch“ und „sch“ kaum einen phonetischen Unterschied erkennen. Im Bemühen um eine korrekte Aussprache kann es dann durchaus zu Sätzen wie „Isch bin fertik“ oder „Esst fleißik Honik“ kommen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Konrad Beikircher: Ist doch klar, Frau Walterscheidt. Gespräche aus der Bäckerei Roleber. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1986, ISBN 3-499-15748-9: “Der richtige Dialekt geht behutsam mit den Menschen um, jede Art von stilisiertem Dialekt (Wartezimmer- Kölsch) dafür um so brutaler.”

Quellen und Bezüge[Bearbeiten]


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