Walter Kehrer

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Walter Kehrer (* 28. Dezember 1912 in Helenendorf/Kaukasus[1]; † 3. Januar 1992 in Offenbach) war SS-Oberscharführer und als Angehöriger der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) ein Chef einer Sondereinheit der SS, die aus Kollaborateuren von gefangenen Soldaten der Roten Armee gebildet wurde und an zahlreichen Deportationen und Hinrichtungen von jüdischen Menschen in den besetzten Gebieten der Sowjetunion im Rahmen eines Einsatzkommandos (EK) der Einsatzgruppe D[2] und unter anderen Kommandos beteiligt war.

Herkunft und Ausbildung[Bearbeiten]

Seine Siedlung Helenendorf war von Deutschen bewohnt, deren Vorfahren ab Anfang des neunzehnten Jahrhunderts aus Reutlingen dorthin übersiedelten. Sein Vater betätigte sich dort als Winzer und Teilhaber einer Winzergenossenschaft. Dort besuchte er die Volks- und Oberrealschule, wobei er nebenbei auch dem Vater bei der Bestellung der Weinreben half. Die Auswirkungen der Russischen Revolution von 1917[3] wirkte sich ab 1927 auch in seiner Heimat aus, so dass sein Vater enteignet wurde. 1928 wurde sein Schulbesuch zwangsweise beendet und der Vater wurde verschleppt. Da er keine Aussichten mehr für sich sah, wollte er die Sowjetunion verlassen, wurde aber an der Grenze inhaftiert.

Mit der Unterstützung eines Fluchthelfers gelangte er im März 1930 ins persische Täbris[4]. Mit der Hilfe des deutschen Konsuls konnte er nach Konstantinopel[5] zu einem Onkel weiterreisen.[6] Schon zwei Monate später reiste er nach Berlin weiter, wo sein Großonkel Theodor Hummel Vorsitzender des „Kaukasus-Deutschen Vereins“ war. Mit dessen Beziehungen konnte er eine Beschäftigung bei Winzern in Württemberg aufnehmen und arbeitete später auf einem Weingut in Oberemmel bei Trier.

Hinwendung zum NS-Regime und Angehöriger der Gestapo[Bearbeiten]

Der Reiter-SA gehörte er seit dem 1. Oktober 1932 an. Mitglied der NSDAP wurde er am 1, Dezember 1932. Zum Führer des SA-Reitersturms in Oberemmel wurde er im Dezember 1933 ernannt. Um seine NS-Karriere auszubilden, trat er 1935 dem Reichsarbeitsdienst (RAD) bei, wo er nach Wiesbaden versetzt wurde.

Er bildete sich dort weiter mit Fragen der Melioration[7] und erlangte den Rang eines Truppführers nach einem Lehrgang in Königstein/Taunus. Jedoch im Jahre 1937 beendete er seine Laufbahn beim RAD. Denn inzwischen waren Dienststellen der Gestapo auf ihn aufmerksam geworden. Denn ein Angehöriger, der die türkische und russische Sprache fließend beherrschte und sogar persische Sprachkenntnisse hatte, hatte bei der Gestapo die Aussicht auf eine höhere Laufbahn.

So besuchte er im selben Jahr noch einen Lehrgang der Grenzpolizeischule in Pretzsch bei Wittenberg an der Elbe. Am 1. Juli 1938 wurde er Mitglied der SS, da er nach dem bestandenen Lehrgang zum Kriminalassistenten ernannt und zum Grenzpolizeiposten Elbing in Ostpreußen versetzt wurde.

Kriegsdienst[Bearbeiten]

Mit dem Beginn des Krieges am 1. September 1939 erfolgte seine Versetzung zum Grenzpolizeiposten nach Danzig. Danach wurde er nach Bad Düben in Marsch gesetzt, da dort die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD aufgestellt wurden. Im Rang eines SS-Oberscharführers und in der Funktion eines Dolmetschers wurde er der Einsatzgruppe D (EG D)[2] zugeteilt.

Auf dem Marsch nach Rumänien wurde die EG D in Einsatzkommandos (EK) unterteilt. Kehrer kam zum EK 12a, welches von SS-Obersturmführer Max Drexel geführt wurde. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 wurde das EK 12a nach Dubossary[8] verlegt, wo das EK 12a von Ende August 1941 bis Ende September 1941 fast alle jüdischen Einwohner der Stadt und Orte in der Nähe auslöschte. Dabei spielte Kehrer eine aktive Rolle, da er Befehle zur Exekution weiterreichte und auch überwachte. Er selbst beteiligte sich auch an den Erschießungen von Einzelpersonen.

Kehrer blieb in der Stadt zurück, als seine Einheit abmarschierte. Er organiserte dort die Produktion von Tabakwaren, Pelzen und alkoholischen Getränken. Die Bewohner betrachteten ihn als „Herr der Stadt“.[9]

Aufstellung der „Kaukasier-Kompanie“[Bearbeiten]

Bei der SS hatte man sehr wohl registriert, wie geschickt sich Kehrer in den Dienst der SS gestellt hatte. Deshalb wurde beschlossen, ihm als Unterführer eine Kompanie zu unterstellen. Im Rahmen des „Unternehmens Zeppelin“[10] wurden sowjetische Kriegsgefangene als Kollaborateure angeworben, um gegen die Rote Armee und Partisanen zu kämpfen. Kehrer war im Frühjahr 1942 zum Stab der EG D nach Simeferopol[11] versetzt worden. Danach übernahm er die Ausbildung der Angehörigen der „Kaukasier-Kompanie“, die sich aus Georgiern, Armeniern, Aserbaidschanern und Volksdeutschen zusammen setzte. Die Züge der Kompanie wurden entsprechend dieser kaukasischen Nationalitäten gebildet. Der Kompaniefeldwebel war der deutsche SS-Hauptscharführer Kurt Weidauer. Die Angehörigen der Kompanie trugen graue Uniformen ohne Rangabzeichen. Da die Einheit zehn eigene Lastwagen hatte, war sie sehr beweglich bei Einsätzen.

Einsatz bei Gaswagen[Bearbeiten]

Die Kompanie hatte in der Umgebung und beim Stab der EG D Sicherungsaufgaben zu bewältigen. Zum Stab gehörte auch ein Gefängnis, dessen Häftlinge auch durch Dienste der Kompanie in Gaswagen umgebracht wurden. Von etwa Mai bis August 1942 dauerten diese Aktionen an. So wurden hunderte von Gefangenen ermordet.

Weitere Operationen in der Nachhut der Wehrmacht[Bearbeiten]

Als im Sommer 1942 die Wehrmacht weiter nach Osten in sowjetische Gebiete vorrückte, folgte die EG D nach Woroschilowsk (heute Stawropol)[12]. Von hier aus operierten im gesamten Bereich des Nordkaukasus Gruppen der „Kaukasier-Kompanie“, so in Pjatigorsk, Budjonowsk, Kislowodsk, Natschilk, Amarwir, Georgijewsk, Prochladny und Naltschik.

Kampf gegen Partisanen in den Pripjetsümpfen[Bearbeiten]

Nach der Niederlage der 6. Armee[13] in Stalingrad mussten sich auch die Einheiten der EG D zurückziehen. Im Februar 1943 kam Kehrer mit seiner Kompanie in den Raum Melitopol[14], wo sie in der deutschen Siedlung Darmstadt ihr Quartier bezogen. Kehrers Kompanie wurde hier im Rahmen der „Kampfgruppe Bierkamp“[15] zur Partisanenbekämpfung eingesetzt.

Einsatz in Lemberg[Bearbeiten]

Im Zuge des Rückzugs der Wehrmacht wurde die „Kaukasier-Kompanie“ dem Kommendeur der Sicherheitspolzei und des SD (KdS) in Lemberg[16] unterstellt. Da sich in der Umgebung große Zwangsarbeitslager befanden, wurden die Insassen exekutiert. Verantwortlich für die Auflösung der Lager war SS-Untersturmführer Friedrich Hildebrand. Nach der Liquidierung der Lager im Raum Tarnopol[17] wurde die „Kaukasier-Kompanie“ mit der Bekämpfung von Partisanen im Raum (im heutigen) Iwano-Frankiwk[18] beauftragt, wo sie aber wenig ausrichteten, dafür aber mehrere Dörfer überfielen und die Bewohner terrorisierten. Hier traf Kehrer mit seiner Kompanie erstmals auch auf die Kämpfer der Ukrainischen Aufstandsarmee[19]. Anschließend wurden Gruppen der Einheit Kehrers an verschiedenen Massenhinrichtungen für mehrere Lager beteiligt.

Einsatz in Warschau[Bearbeiten]

Kurz nach der Verlegung nach Warschau kam es ab dem 1. August 1944 zu Kämpfen gegen die Widerstandsbewegung, die Warschau von den deutschen Truppen befreien wollte[20]. Als die Botschaft der Tschechischen Republik von den Widerstandskämpfern besetzt wurde, hat Kehrer dort einen Gegenangriff vorgetragen. Auch an der Niederschlagung der in Kellern versteckten Widerstandskämpfer beteiligte sich Kehrer.

Anfang November 1944 wurde seine Einheit nach Konskie[21] bei Kielce verlegt, um sich dort auszuruhen. Danach erfolgte eine weitere Verlegung in die Umgebung von Tschenstochau[22]

Aktionen im Raum Tschenstochau[Bearbeiten]

Ende 1944 / Anfang 1945 kam Kehrers Einheit dort an. Als in einem Dorf ein Georgier seiner Einheit getötet wurde, begann Kehrer eine Vergeltungsaktion. Die Bewohner wurden zusammengetrieben und sollten aussagen, wer den Georgier getötet hatte. Als sich niemand meldete, wählte er 30 Männer aus. Diese wurden geschlagen und danach in das Haus geführt, wo der Georgier getötet wurde. Unter Beihilfe von Kehrer wurden alle 30 Männer im Haus erschossen und das Haus in Brand gesteckt.

Auflösung der Einheit und Kriegsende[Bearbeiten]

Um nicht in die Hände der Roten Armee zu gelangen, löste sich die Kompanie von Kehrer in einzelne Gruppen auf. Kehrer soll sich mit Weidauer im Januar 1945 in Stuttgart bei der Gestapo gemeldet haben. Dort verwies man ihn an die Dienststelle der Gestapo in Ulm. Als ihm dort mitgeteilt wurde, Teile seiner Einheit wären in Laibach, wo er sie aber nicht mehr antraf. Er erhielt die Information, die Kompanie sei in Udine[23]. Dort aber hatte sich die Kompanie aufgelöst. So setzte er sich Anfang Mai 1945 in seinen Wohnort Gerstetten ab und entkam dem Los einer Kriegsgefangenschaft.

In einem Verfahren in der Sowjetunion wurde Kehrer in Abwesenheit zum Tode verurteilt.[24]

Nachkriegszeit[Bearbeiten]

Ab 1948 betätigte er sich als Kaufmann und Handelsvertreter für Möbel und Süßwaren. Als er in Stuttgart von 1952 bis 1958 ein Feinkostgeschäft betrieb, endete diese Unternehmung mit einem Konkurs. Danach sattelte er um und vertrieb Lastwagen der Marke Volvo. Diese Firma übertrug ihm den Vertrieb für Baden-Württemberg ab 1967.

Im Zeitraum von 1948 bis 1963 war er immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Dabei wurde er zu Geld- und Haftstrafen wegen Fahren ohne Führerschein, Verkehrsdelikten, Unfallflucht, gefälschter eidesstattlicher Versicherung, Betrug, Unterschlagung, Hinterziehung von Umsatzsteuern und Körperverletzung durch Gewalttätigkeit.[25] verurteilt.

Ab dem Jahr 1962 wurde gegen ihn wegen NS-Kriegsverbrechen ermittelt. Gegen Ende 1965 wurde er verhaftet. Aber schon bald kam er frei und das Verfahren wurde 1975 eingestellt. Allerdings lief seit 1970 ein anderes Verfahren gegen Angehörige des EK 12. Am 15. November 1974 wurde Kehrer wegen gemeinschaftlicher Beihilfe an gemeinschaftlich begangenen Verbrechen zu vier Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Im Jahre 1979 kam Kehrer wieder frei. Weitere Ermittlungen in anderen Sachen kamen aber nicht mehr zur Anklage und wurden mit den letzten Vernehmungen am 15. September 1989 abgeschlossen. Drei Jahre später verstarb Kehrer in Offenbach.

Im Braunbuch[26], herausgegeben von Norbert Podewin[27], war Kehrer als Führer des Sonderkommandos 10a aufgeführt.[28]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. dieser Ort Helenendorf soll das heutige Göygöl, zwischenzeitlich Xanlar (Ханлар), bei Gəncə in Aserbaidschan sein, Quelle: Henning Pieper: SS-Oberscharführer Walter Kehrer und die "Kaukasier-Kompanie". In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. Nr. 3, 2008, ISSN 0044-2828, OCLC 643485503, S. 197–221, hier: S. 198 FN 2.
  2. 2,0 2,1 Einsatzgruppe D in der deutschsprachigen Wikipedia
  3. Russusche Revolution von 1917 in der deutschsprachigen Wikipedia
  4. Täbris in der deutschsprachigen Wikipedia
  5. Konstantinopel in der deutschsprachigen Wikipedia
  6. Andrej Angrick: Besatzungspolitik und Massenmord: die Einsatzgruppe D in der südlichen Sowjetunion 1941–1943. Hamburger Edition, Hamburg 2003, ISBN 978-3-930908-91-2, S. 407 (795 S., OCLC 799426139).
  7. Melioration in der deutschsprachigen Wikipedia
  8. Dubossary in der deutschsprachigen Wikipedia
  9. Henning Pieper: SS-Oberscharführer Walter Kehrer und die "Kaukasier-Kompanie". In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. Nr. 3, 2008, ISSN 0044-2828, OCLC 643485503, S. 200.
  10. Unternehmen Zeppelin in der deutschsprachigen Wikipedia
  11. Simferopol in der deutschsprachigen Wikipedia
  12. Stawropol in der deutschsprachigen Wikipedia
  13. 6. Armee in der deutschsprachigen Wikipedia
  14. Melitopol in der deutschsprachigen Wikipedia
  15. Walther Bierkamp in der deutschsprachigen Wikipedia
  16. Lemberg in der deutschsprachigen Wikipedia
  17. Tanopol in der deutschsprachigen Wikipedia
  18. Iwano-Frankiws in der deutschsprachigen Wikipedia
  19. Ukrainische Aufstandsarmee (UPA) in der deutschsprachigen Wikipedia
  20. Warschauer Aufstand 1944 in der deutschsprachigen Wikipedia
  21. Konskie in der deutschsprachigen Wikipedia
  22. Tschenstochau in der deutschsprachigen Wikipedia
  23. Udine in der deutschsprachigen Wikipedia
  24. Klaus-Dieter Müller, Thomas Schaarschmidt, Mike Schmeitzner, Andreas Weigelt: Todesurteile sowjetischer Militärtribunale gegen Deutsche (1944–1947): Eine historisch-biographische Studie (= Schriften des Hannah-Arendt-Instituts. Band 56). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015, ISBN 978-3-525-36968-5, S. 249, doi:10.13109/9783666369681 (1272 S.).
  25. Henning Pieper: SS-Oberscharführer Walter Kehrer und die "Kaukasier-Kompanie". In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. Nr. 3, 2008, ISSN 0044-2828, OCLC 643485503, S. 217/218.
  26. Braunbuch in der Erstaushabe von 1965 in der deutschsprachigen Wikipedia
  27. Norbert Podewin in der deutschsprachigen Wikipedia
  28. Norbert Podewin (Hrsg.): Braunbuch: Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik. 3. Auflage. Berlin 1968, OCLC 71437830, S. 94 (Die Angaben sind ungenau, da Kehrer Angehöriger des Einsatzkomamndos 12a in der Einsatzgruppe D war. Dort führte er eine Kompanie aus sowjetischen Kriegsgefangenen aus dem Kaukasus, die sich freiwillig als Kollaborateure zur Wehrmacht gemedet hatten, um den sicheren Tod in einem Lager zu entkommen.).
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