Stefan Müller (Pfarrer)

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Porträt aus dem Jahre 2002

Stefan Müller (* 8. August 1939 in Berlin; † 25. Februar 2005 in Bayless Beach bei Dargaville, Neuseeland) war ein deutscher evangelischer Pfarrer und Entwicklungshelfer.

Inhaltsverzeichnis

Leben und Wirken[Bearbeiten]

Müller war der Sohn einer Zahnärztin, die in Bayern lebte und nach dem Tod ihres Ehemanns mit ihren zwei Kindern in den 1950er-Jahren in die DDR übersiedelte. Stefan erlangte seine Hochschulreife durch den Unterricht auf einem kirchlichen Proseminar in Erfurt. Danach ging er für ein Jahr als Praktikant zur Gossner-Mission, die im Umfeld des Braunkohlekombinats Schwarze Pumpe neue Formen kirchlichen Dienstes bei Industriearbeitern erprobte. Anschließend studierte er in Naumburg, Berlin und Rostock Evangelische Theologie. Zugleich nahm er mit Freunden Kontakte mit Jugendlichen aus Osteuropa wahr, die Teilnehmer an Ökumenischen Aufbaulagern waren. Nach seiner Ordination im Mansfelder Land in der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen wurde er Pfarrer in der Kirchengemeinde Hettstedt am Südharz. Danach folgte ein seelsorgerlicher Dienst als Pfarrer in der Martinigemeinde von Erfurt-Gispersleben. Hier führte er seine geistliche Tätigkeit im Sinne kirchengeschichtlicher Erinnerung und daraus resultierender Erneuerung hin zu gesellschaftlicher Mitverantwortung einer christlichen Gemeinde für das Leben in der „Polis“.

Stefan Müller beschäftigte sich mit dem Lebenswerk von Martin Niemöller und seinem Widerstand gegen das NS-Regime. Er nahm Kontakt auf mit den Söhnen Niemöllers sowie mit der Martin-Niemöller-Stiftung. Als in seiner Erfurter Kirchengemeinde ein Begegnungszentrum gebaut wurde, setzte er sich dafür ein, dass es den Namen „Martin-Niemöller-Haus“ tragen durfte. Zur Aneignung des Niemöllerschen Lebenswerkes gründete er den „Martin-Niemöller-Arbeitskreis in der DDR“.

Müller kam Mitte der 1970er-Jahre in Kontakt mit Geistlichen und Laien, die in der Christlichen Friedenskonferenz tätig waren, und wurde Mitglied. Von nun an wurde er die treibende Kraft für die Etablierung dieser Gruppierung in der Evangelisch-Lutherischen Kirche von Thüringen. 1983 war er Mitbegründer der „CFK Thüringen“ in Erfurt. Weitere Initiatoren waren die Pfarrer Detlev Haupt, Michael Göring, Renate Müller, Karl Metzner, Wolfgang Kerst, Justus Lencer und Peter Franz. Die CFK-Gruppe Thüringen veranstaltete mehrmals jährlich sogenannte „Info-Wochenenden“, bei denen Fachleute zu Themen referierten, die friedenspolitische und gerechtigkeitsorientierte Relevanz aufwiesen. In dieser Zeit war Müller Inoffizieller Mitarbeiter (IM Michael) des Ministeriums für Staatssicherheit.[1]

 
Stefan Müller als Friedenspilger 1984

Die seit 1984 herausgegebene Zeitung frieda wurde auch von Müller mit geprägt. Eine weitere Arbeitsform ging ebenfalls auf seine Initiative zurück. Seit 1985 lud die CFK Thüringen regelmäßig im Sommer zu einer Friedenswanderung auf dem Rennsteig ein, an der sich Wanderer aus den DDR-Kirchen, aber auch aus der Bundesrepublik und anderen Ländern beteiligten. Die Wanderer besuchten entlang der Strecke andere Kirchengemeinden, hielten Vorträge und stellten sich dort dem friedens- und gesellschaftspolitischen Gespräch.

Im Jahre 1984 wechselte Müller als Pfarrer in die Kirchgemeinde Masserberg im Thüringer Wald. In diese Zeit fiel sein 50. Geburtstag, an dem er durch die Thüringer CFK mit einer Festschrift geehrt wurde. Ein weiterer Schwerpunkt in der Arbeit der CFK Thüringen wurde durch seine maßgebliche Mitwirkung die mehrmalige Gestaltung eines „Kreuzwegs für den Frieden“ in der Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald.

Als er 1990 seine Masserberger Pfarrstelle innerhalb der Thüringer Kirche aufgab und er als Pfarrer in die provinzsächsische Kirche zurückkehren wollte, erfuhr er spürbare Distanzierung von kirchenleitenden Personen und begab sich auf die Suche nach einer für ihn adäquaten Wirkungsmöglichkeit. Die ergab sich, als er 1992 von der Thüringer Kirche das Angebot bekam, in Eisenach ein Referat Ökumenische Beziehungen zu den östlichen Partnerkirchen zu leiten. Mehrfach organisierte er Hilfstransporte in die Slowakische Kirche AB und stellte Kontakte auf Gemeindeebene zwischen den jeweiligen Kirchen her.

Bei einem Besuch in Kiew erfuhr er von dem Kriegsschicksal des ukrainischen Dorfes Jadliwka, das im Zuge der Politik der „verbrannten Erde“ von der deutschen Wehrmacht 1943 dem Erdboden gleichgemacht wurde. Die männliche Bevölkerung wurde erschossen, die Frauen und Kinder wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert. Nun konzentrierte er seine ganze Kraft auf die Hilfe für diesen Ort, der als Peremoha (ukrainisch: Sieg) nach dem Sieg über das NS-Regime wiedererstanden war, aber in dem die Einwohner unter ungenügenden bis trostlosen Zuständen lebten. Müller regte in der Martin-Niemöller-Stiftung, zu deren Vorstand er inzwischen gehörte, eine Partnerbeziehung an und organisierte zahlreiche Hilfslieferungen einschließlich logistischer und finanzieller Hilfen für den Ort und seine Bewohner. Neben mehrfachen Besuchen in der ukrainischen Gemeinde wurden auch Einwohner von Peremoha sowie ehemalige Zwangsarbeiter zu Besuchen in Deutschland empfangen.

Stefan Müller war verheiratet mit Hiltrud Müller, die noch vor ihm starb; er war der Vater ihrer gemeinsamen Tochter Claudia und der Großvater von zwei Enkelkindern. Seine Tochter hatte einen Neuseeländer geheiratet und war ihm dorthin gefolgt. Nach einem Besuch seiner Kinder in Neuseeland verunglückte Stefan Müller beim Baden im Meer.

Im Trauergottesdienst am 26. März 2005 in der Thomaskirche Erfurt, den Propst i. R. Joachim Jaeger leitete und in dem er die Predigt hielt, erinnerte auch Martin Stöhr an das Wirken des Verstorbenen.

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • Herbert Mochalski. Festschrift zum 80. Geburtstag (Darin Stefan Müller: Martin Niemöller in der DDR), o.O., 1990
  • Lernen von Martin Niemöller. Ruf zur Umkehr (Darin Anneliese Feurich / Stefan Müller: Vorwort), Hamburg 1989

Literatur[Bearbeiten]

  • Geschichtliches Lernen in der Gemeinde. Festschrift zum 50. Geburtstag von Stefan Müller, hg. Christliche Friedenskonferenz in Thüringen (Darin Christiane Wagner / Georg Kähler: Widmung; Gerhard Bassarak: Bibelarbeit zu Apc 2,8-11; Carl Ordnung: Frieden für alle Völker. Predigt über Jesaja 2,2-5; Gerhard Bassarak: Predigt über Galater 5,1.6; Peter Franz: Kirchentheater. Sieben Schlaglichter auf unsere Vergangenheit; Joachim Jaeger: Befreiender Glaube für ein unfreies Volk. Thomas Müntzer zum 499. Geburtstag. Predigt in der Kirche zu Kapellendorf am 9. Oktober 1988; Heino Falcke: Schöpfung und Zukunft. Eine Skizze; Detlev Haupt: Die Gemeinde als "Ort der Erziehung"?; Ulrich Hensinger: Brief an Stefan Müller: Ursula Schmidt: Morgenandacht zu Matthäus 13,31-33; Stefan Müller: "Evangelische Kirche in der DDR" - abseits vom Sozialismus? Aus "frieda" Nr. 19, April 1989), Masserberg 1989

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Clemens Vollnhals: Die Kirchenpolitik von SED und Staatssicherheit: eine Zwischenbilanz. Ch. Links Verlag, Berlin 1996 (Analysen und Dokumente 7), ISBN 9783861531227, S. 228.
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