Schmutzbrunner

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Schmutzbrunner auch Karl oder Emil Brunner ( * 9. Juli 1872 auf Schloss Bernstein; † 1944) war ein deutscher Gymnasialprofessor in Pforzheim und von 1911 bis 1922 Kinozensor.

Brunner war der Sohn des protestantischen Pfarrers Georg Martin Brunner.

Erziehung[Bearbeiten]

Am 14. Juni 1891 erwarb er das Abitur am Gymnasium Christian-Ernestinum in Bayreuth. Er studierte Geschichte und Germanistik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, der Ludwig-Maximilians-Universität München und wurde 1895 an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg zum Doktor promoviert. Am 13. März 1896 nach bestandener Staatsprüfung als Lehramtspraktikant recipiert, absolvierte er sein Probejahr am Bismarck-Gymnasium Karlsruhe, war zugleich als Hilfsarbeiter auf dem Grossherzoglichen Generallandesarchiv Karlsruhe beschäftigt und wurde dort 1899 zum Archivassessor ernannt. Im Januar 1902 habilitierte er sich als Privatdozent der Geschichte am Karlsruher Institut für Technologie und war von 1903 bis 1911 auch Gymnasialprofessor in Pforzheim.[1]

Ab 1911 war er Zensor und Jugendschutzbeauftragter beim Polizeipräsidium Berlin, nach dem ersten Weltkrieg bis zur Pensionierung 1922 war er Referent im Preußischen Ministerium für Volkswohlfahrt. Er residierte im Polizeipräsidium Berlin als »Gutachter« für alle Gebiete der Kunst, soweit der Grenzbereich zwischen Zulässigem und Strafbarem in Frage kam. »Ein durchaus gutgläubiger Schädling«, meinte Alfred Kerr; ebenso gutgläubig und schädlich wie der große Vorgänger Anthony Comstock, aber nicht so populär wie er. Der Amerikaner war ein Mann des Volkes.

Professor Dr. Karl Brunner, mit Spitznamen Schmutzbrunner begann seine Karriere als Oberzensor 1911 zunächst als »literarischer Sachverständiger« für das Königliche Polizeipräsidium, um ab 1914 einer sich stetig vergrößernden und bald veritablen Zensurbehörde vorzustehen. Seine Exkursionen auf die Schattenseite des Kinematografen (»Fortgesetzt wird der Boden unterwühlt, in dem die gute deutsche Art wurzelt [Brunner 1913, 10]) führten ihn meist in die Kinotheater des Berliner Nordens und Ostens, deren Publikum einen wenig günstigen Eindruck auf ihn machte oder gar aus Zuhälter[n] und Dirnen bestünde. Helfer und Informanten, wie Friedrich Siegmund Schultze, berichteten Brunner vor allem von »sittlichen Entgleisungen« und »politischen Aufreizungen«

Ab 1914 war er Kinozensor und anschließend Dezernent im Polizeipräsidium Berlin und Regierungsrat im preußischen Wohlfahrtsministerium. [2]

1909 begann er seinen Kampf gegen die Schundliteratur, den er bald auch gegen den Schund und Schmutz im Bild ausweitete. Seine Vorträge vor vaterländischen Verbänden und Sittlichkeitsvereinen, seine Schriften, die Herausgabe der Zeitschrift Die deutsche Hochwacht, seine antisemitischen Attacken gegen einen Redakteur des Fachblatts Der Kinematograph, [3]vor allem aber seine Ernennung vor dem Krieg zum führenden Zensor und Jugendschutzbeauftrgten der Berliner Polizei trugen dazu bei, dass die Kinoindustrie in ihm den ärgsten Feind sah und versuchte, ihn mit allen Mitteln (u.a. durch einen Film) bloßzustellen. Brunner verfügte über gute Beziehungen zum Verlagshaus von August Scherl und söhnte sich 1915 mit der Filmbranche aus. Nach dem ersten Weltkrieg bis zu seiner Pensionierung 1922 arbeitete er als Referent im Preußischen Wohlfahrtsministerium. [4]

Amendment[Bearbeiten]

Am 12. November 1918 hatte der Rat der Volksbeauftragten die staatliche Zensur für abgeschafft erklärt. In der Folgezeit unterwarfen sich die großen Verleiher freiwillig den Entscheidungen der Filmprüfstelle in Berlin, bevor am 12. Mai 1920 mit dem Reichslichtspielgesetz wieder ein staatliches Zensur-Reglement eingeführt wurde[5]

Kinozensur[Bearbeiten]

Seit 1911 mußte im Deutschen Reich jeder Film 24 Stunden vor der Aufführung bei der zuständigen Stadtverwaltung eingereicht werden. Als die Abschaffung der Zensur nach Ende des Ersten Weltkriegs nicht zu der erhofften Filmkultur führte wurden neuerliche Rufe nach staatlicher Kontrolle laut. Die inzwischen mit einem Nationalvermögen von drei Milliarden Mark zum drittgrößten Wirtschaftszweig des Landes avancierte Filmindustrie begegnete der Kritik mit Selbstbeschränkung. Die UFA-Leitung lud die Filmproduzenten zu einer Zusammenkunft, und gemeinsam beschloß man im Oktober 1919, eine „Prüfungsstelle der deutschen Filmindustrie" einzurichten. Ihr waren alle Filme vorzulegen. Nicht freigegebene oder nicht vorgelegte Filme sollten vom Zentralverband der Filmverleiher boykottiert werden und damit kaum eine Chance auf Vorführung erhalten. Ein Jahr später wurde die Vereinbarung durch ein Lichtspielgesetz sanktioniert. In Berlin stieg mit Karl Brunner einer der fanatischten Kinogegner zum Oberzensor auf. Kurt Tucholsky verfaßte 1920 ein Gedicht unter dem Titel „Der Hosenschnüffler" über den promovierten Pädagogen: „O Brunner! Stecke deine Nose nicht in des Künstlers Lodenhose!"

Brunner spielte eine entscheidende Rolle bei der Einführung des »Lichtspielgesetzes« am 12. Mai 1920, mit welchem die Verfassungsgebende Versammlung der Weimarer Republik sich zur Zensur bekannte.

Das erstes Opfer dieser Zensur wurde der Film »Anders als die Andern (1919)« von Richard Oswald.[6]

Ab 1920 war er Protagonist in einer Kampagne, welche zum Verbot des Dramas der »Reigen« von Arthur Schnitzler führte. Er legte der Staatsanwaltschaft im Februar einen Bericht vor, wonach er zwei Aufführungen von Reigen gesehen und schweres Ärgernis genommen habe. Nachdem Brunner als treibende Kraft gegen Reigen im Februar eine Protesterklärung im Reichsrat lanciert hatte, verfasste die Staatsanwaltschaft im August ein Anschreiben, in dem nach Personen gesucht wurde, die an Aufführungen nach dem 22. Juni Ärgernis genommen hatten. Beide Schriftstücke wurden veröffentlicht.[7] In einem der Prozesse war Brunner als Zeuge befragt worden und war als Gutachter für alle Gebiete der Kunst, sowie der Grenzbereich zwischen Zulässigem und Strafbarem in Frage kommt, sowie für Jugendliche vereidigt. Weil ihm von anderen Gutachtern und vom Verteidiger Heine wiederholt die Kompetenz und Objektivität seines Urteils abgesprochen worden war, wurde er vom Vorsitzenden zunächst darum gebeten, Zeugnis über sich selbst und seinen Sachverstand abzulegen, dem er ausführlich und ohne viel Bescheidenheit nachkam. So hob er seine Erfahrung hervor, die er im Umgang mit den Grenzfällen der Literatur erlangt hätte.[8]


Bei Dr. Karl Brunner handelt es sich um den späteren Professor, Kunstsachverständigen und Pädagogischen Beirat des Berliner Polizeipräsidiums, dem später die amtliche Sammlung des Polizeipräsidiums an pornografischen Bildern und Büchern unterstand (Spitzname: 'Schmutz'- Brunner) und der sich im "Reigen"-Prozeß von 1920 unrühmlich hervortat.Manfred Kammer, Das Verhältnis Arthur Schnitzlers zum Film, Cobra Verlag, 1983 - 282 S. S. 38</ref>

Tatsächlich verlegt sich die staatliche Aufmerksamkeit und Beaufsichtigung in der Weimarer Republik schnell auf die Frage der Sittlichkeit in der Kunst. In der Zentralstelle des Berliner Polizeipräsidiums residiert von 1920 an ein Angestellter des Wohlfahrtsministeriums, Prof. Dr. Emil Brunner, genannt "Schmutz- Brunner" 69), der als Gutachter für alle Gebiete der Kunst amtet. Er ist allerdings nicht nur Gutachter, sondern auch Animator einer Bewegung, die den Kreis des Zulässigen immmer enger ziehen und das Gebiet des Strafbaren ständig vergrößern will.[9]

Nicht nur blieb der oberste Zensor der Weimarer Republik Dr. de:Ernst Seeger, seit 1924 Leiter der Filmprüfstelle in Berlin, im Amt, vielmehr setzte er seine Karriere in Goebbels' Propagandaministerium fort. [10]


1922 wurde Brunner pensioniert und lebte in Prien am Chiemsee, wo er ab 1928 Leiter des »Chiemsee Pädagogiums war und [11] 1942, während der Herrschaft der NSDAP von führenden Vertretern ausgezeichnet wurde.

[12]

Herausgeber[Bearbeiten]

  • Treudeutsch, Monatsschrift
  • Unser Volk in Gefahr! Ein Kampfruf gegen die Schundliteratur, Pforzheim 1909
  • 1910-1915: Die Hochwacht. Monatsschrift zur Wahrung und Pflege deutscher Geisteskultur.
  • Deutscher Aufruf 1922 ff..
  • Buchreihe Deutsche Taten 1912-1914.

Mitgliedschaften[Bearbeiten]

Vaterländischer Schriftenverband Geschichtliche Abhandlungen gegen den Schund in Wort und Bild.

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • Die Pflege der Heimatgeschichte in Baden. Ein Wegweiser für Freunde der badischen Geschichte, 1901, Kurzer Abriss der badischen Geschichte 1903.[13]


Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Dr. Brunner, durch Allerhöchste Entschliessung Seiner Königlichen Hoheit des Grossherzogs vom 11. Dezember 1901 zum Professor an unserer Schule ernannt. in der Beilage zum Programm des Grossherrzoglichen Gymnasiums in Pforzheim, 1900, [1]
  2. Deutsches Biographisches Archiv 1989, Blatt 261-263 nach Esther Sabelus, “Die” weiße Sklavin: mediale Inszenierungen von Sexualität und Großstadt um 1900, Panama Verlag, 2009 - 223 SS. 173[2]49
  3. Emil Perlmann stand dagegen als Redakteur des Fachblatts Kinematograph den Interessen der Filmwirtschaft deutlich näher und nahm darum auch eine den Film verteidigende Haltung ein.
  4. herausgegeben von Uwe Puschner, Walter Schmitz, Justus H. Ulbricht, Handbuch zur "Völkischen Bewegung" 1871-1918, S. 899
  5. Lichtspielgesetz, [3]; Das Weimarer Kino zwischen Klassik und Avantgarde, [4]
  6. [5] nach Helga Belach, Wolfgang Jacobsen, Richard Oswald: Regisseur und Produzent, Text + Kritik, 1990, 184 S., S. 25
  7. Nikolaj Beier, Vor allem bin ich ich-: Judentum, Akkulturation und Antisemitismus in Arthur Schnitzlers Leben und Werk, Göttingen 2008, 305 [6]S. 534
  8. Lars Rosenbaum, Die Verschmutzung der Literatur. Zur historischen Semantik der ästhetischen Moderne im »langen 19. Jahrhundert«, S. 264
  9. Anton Häfliger, Kulturkritik bei Kurt Tucholsky, 1971, S. 164
  10. [7]
  11. Traunsteiner Tagblatt, [8]
  12. Dietmar Kreutzer, StarStrip: der nackte Mann im Film, Querverlag, 2003 - 238 S., S. 10[9]
  13. Deutsches Literaturlexikon, [10]