Paul Riedel (SS-Mitglied)

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Paul Riedel (* 21. März 1907 in Thurm[1], Kreis Glauchau/Sachsen; † 1987) war als SS-Unterscharführer (SS-Nr. 61842)[2] Angehöriger des Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (SD) und Leiter der Nachrichtenstelle im KZ Auschwitz I.

Werdegang[Bearbeiten]

Im Alter von 26 Jahren war er 1933 Mitglied der SS als auch der NSDAP. In seinem Geburtsort hatte er sich aktiv am Aufbau der Ortsorganisation der NSDAP beteiligt[3]. Am 21. Oktober 1937 verpflichtete er sich in Zwickau in einer Erklärung, als Agent des SD tätig zu werden.

Riedel wurde als V-Mann unter der Nummer 45 404/XV vom SD-Inland der Spionageabwehr im SD-Unterabschnitt Zwickau, Außenstelle Zwickau für die Abteilung III/21 tätig. Nach dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 meldete er sich freiwillig zum Dienst in der Waffen-SS. Zunächst wurde er im Wachdienst des KZ Dachau[4] eingesetzt. Ab Ende 1941 ist sein Dienst im KZ Auschwitz I[5] belegt.

Riedel leitete dort die Nachrichtenstelle des KZ mit der Funkstelle, den Fernschreibern und die Telefonzentrale. In dieser Dienststelle Abteilung I/A des KZ wurden sämtliche Nachrichtenverbindungen zu den zentralen Ämtern und Dienststellen der SS und regional zur Geheimen Staatspolizei (Gestapo) abgewickelt. Die eingehenden Befehle und Erlasse für das KZ wurden von der Funkstelle, die mehrere weibliche Hilfskräfte beschäftigte, angenommen. Auch die Meldungen über die ankommenden Häftlingstransporte wurden über die Funkstelle bearbeitet. Seine SS-Laufbahn verlief offensichtlich ohne große Schwierigkeiten, denn am 1. September 1943 wurde er zum SS-Unterscharführer befördert.

Nachkriegszeit[Bearbeiten]

Von April 1945 bis Dezember 1949 war er sowjetischer Kriegsgefangener. Schon 1948 meldete die SED-Ortsgruppe Thurm Riedel als Angehörigen der SS-Mannschaft im KZ Auschwitz an das Kriminalamt in Chemnitz. Die Ortsgruppe meldete am 28. Februar 1948 auch, dass er einen Eigentümer eines Textilunternehmens wegen Abhören von "Feindsendern" bei den NS-Organen denunziert hätte. Durch polnische Behörden wurde sein Name in den Listen der CROWCASS-Veröffentlichung aufgenommen. Durch eine Zeugenaussage wurde Riedel im Jahre 1960 erstmals wegen seiner Tätigkeit im KZ Auschwitz bei MfS-Offizieren[6] belastet.

Im Jahre 1967 erhielt die MfS-Stelle vom DDR-Innenministerium im Juni eine Abschrift des Aufbaus der Kommandantur des KZ Auschwitz, ausgestellt von der Staatlichen Archivverwaltung (StAV) von einem ehemaligen KZ-Häftling. Nun sollte ein Ermittlungsverfahren einsetzen und strafrechtliche Aspekte berücksichtigt werden. Doch die zuständige MfS-Abteilung lehnte das ab und ordnete weitere Untersuchungen an. Nach zwei Jahren wurde nun erstmals wegen der Vorwürfe von Verbrechen gegen die Menschlichkeit ermittelt. Vorher stand die angebliche Mitgliedschaft bei den Zeugen Jehovas[7] im Vordergrund. Doch offensichtlich konnten keine stichhaltigen Belastungen für ein Strafverfahren gefunden werden. Riedel arbeitete 1969 als Lagerarbeiter im VEB Elektromotorenwerk in Thurm. Am 2. Januar 1971 wurde in Karl-Marx-Stadt das Verfahren gegen ihn eingestellt.

Die Rechtsprechung des BGH zu KZ-Dienstgraden im KZ Auschwitz[Bearbeiten]

Im Revisionsverfahren des BGH[8] von 1969 zum Frankfurter Auschwitz-Prozess urteilten die Richter, dass allein eine Anwesenheit von SS-Dienstgraden im KZ Auschwitz nicht für eine Verurteilung ausreichen würde. Ein Nachweis einer direkten Mitwirkung an den Massenverbrechen - wie z. B. der Abfertigung an der Rampe bei ankommenden Transporten der Deportierten - sei notwendig. Diese Rechtsprechung wurde noch in Bezug auf die Tatmerkmale verschärft, so dass für eine Verurteilung eines SS-Mannes konkrete eigene begangene Morde belegt werden sollten.[9]

So hatte zwar nicht der BGH die Vorgaben beschrieben. Aber diese Folgerungen sorgten dafür, dass alle Verfahren eingestellt wurden. Erst mit dem Urteil gegen John Demjanuk[10] vom 12. Mai 2011 wurde die Anwesenheit eines KZ-Aufsehers als Verurteilung möglich, da er als Beihelfer der Massenverbrechen mitgewirkt habe. Das Urteil konnte aber letztlich durch den Tod Demjanuks nicht rechtskräftig werden.

Erst mit Beschluss vom 20. September 2016 bestätigte der BGH die Verurteilung des SS-Unterscharführers Oskar Gröning wegen "funktioneller Beihilfe" zum Mord, ohne dass Gröning - wie Demjanjuk - während seiner Tätigkeit im KZ Auschwitz an einzelnen Mordtaten direkt beteiligt gewesen war. Damit könnte nun jeder SS-Mann, der in einem KZ mitgewirkt hat, wo Massenverbrechen begangen wurden, von einem deutschen Gericht verurteilt werden

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. heute Gemeinde Mülsen
  2. Ernst Klee: Auschwitz. Täter, Gehilfen, Opfer und was aus ihnen wurde. Ein Personenlexikon. S. Fischer, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-10-039333-3, S. 335/336.
  3. Henry Leide: Vier Beispiele von MfS-Ermittlungen zu Auschwitz-Verstrickten, die im Sande verliefen. (PDF) 17. August 2015, abgerufen am 2. Juni 2017.
  4. KZ Dachau in der deutschsprachigen Wikipedia
  5. KZ Auschwitz I in der deutschsprachigen Wikipedia
  6. Ministerium für Staatssicherheit in der deutschsprachigen Wikipedia
  7. Zeugen Jehovas in der deutschsprachigen Wikipedia
  8. Bundesgerichtshof in der deutschsprachigen Wikipedia
  9. Alexander Haneke: Rückkehr zu Fritz Bauer Warum die Justiz immer stärker gegen frühere Aufseher von Konzentrationslagern vorgeht - wie im Fall Reinhold H. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 11. Februar 2016, ISSN 0174-4909, S. 4.
  10. John Demjanuk in der deutschsprachigen Wikipedia
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