Pariser (Jugendhaus)

Aus MARJORIE-WIKI
Wechseln zu: Navigation, Suche

Das Pariser war ein Jugend- und Kulturhaus, das von September 1991 bis Oktober 2015 in Greifswald bestand. Träger war der gemeinnützige Verein Initiative Kapaunenstraße 20 e.V. Das Haus war in Greifswald wegen der markanten lila-karierten Außengestaltung bekannt.

Inhaltsverzeichnis

Beginn[Bearbeiten]

Die Vereinsgründung erfolgte im Dezember 1991, nachdem kurz vorher im September Greifswalder Jugendliche das leerstehende Haus Kapaunenstraße 20 in der Greifswalder Innenstadt besetzten[1].Zu den jungen Leuten gehörten Schüler, Auszubildende und Studierende[2]. Eine Räumung durch die Polizei erfolgte nicht, da sich das Haus im Besitz der Stadt befand und zum damaligen Zeitpunkt für keinen Zweck vorgesehen war[2] bzw. in den städtischen Planungen einfach „vergessen“ wurde[3].

Im Gründungsjahr des Vereins berichtete das NDR-Fernsehen über die Landesgrenzen Mecklenburg-Vorpommerns hinaus in seiner Sendereihe "Jetzt kommt's" über das Pariser[4].

Der Name bezog sich auf ähnliche Einrichtungen in der französischen Hauptstadt, die zwei der Gründungsmitglieder vorher bei einem Aufenthalt dort kennengelernt hatten[2]. Das Hauptziel der Vereinsarbeit war es, in der recht chaotischen Nachwendezeit einen Treffpunkt für junge Leute einzurichten, um durch Begegnung Vorurteile abzubauen und somit etwas gegen die damals grassierende Gewalt unter jungen Menschen entgegenzuwirken[5].

Abgesehen von gelegentlichen ABM-Maßnahmen[6] arbeiteten sämtliche Vereinsmitglieder und Unterstützer ehrenamtlich ohne jegliche Bezahlung.

Der Verein nutzte die Räume im Erdgeschoss sowie den Dachboden. Im dazwischen befindlichen Obergeschoss befanden sich drei Wohnräume. Der Dachboden wurde mit Hilfe der Fördermittel als Veranstaltungsraum hergerichtet, der mit einer Musikanlage sowie einem Videoprojektor ausgerüstet war[7].

Die Stadt überließ das Haus dem Verein im Rahmen eines Nutzungsvertrages ohne Entgelt, jedoch musste Strom und Wasser bezahlt werden. Für die Wohnungen gab es Mietverträge[8].

Arbeit[Bearbeiten]

Das Jugendhaus startete seine Tätigkeit als Jugendtreffpunkt, zu Beginn ausschließlich in den Abendstunden freitags und sonnabends, nachfolgend auch sonntags[9]. Später erfolgte eine Erweiterung auf donnerstags bis montags[10] und für eine bestimmte Zeit sogar mit einer nachmittäglichen Betreuung der Jugendlichen durch ABM-Kräfte[6]. Im Jahr 2003 gab es (neben dem abendlichen Treff) montags bis freitags von 15 bis 18 Uhr einen offenen Jugendtreff, der von täglich bis zu 30 jungen Leuten zwischen 13 und 18 Jahren besucht wurde[11]. Drei Jahre später öffnete das Jugendcafé mittwochs bis freitags, ebenfalls 15 bis 18 Uhr sowie zusätzlich in den Abendstunden[12].

Für die Öffentlichkeit wurden die im Erdgeschoss befindlichen Räume zunächst mit einfachen Mittel hergerichtet[7].Eine nicht mehr funktionierende Baranlage wurde aus einem der benachbarten Abrisshäuser herübergeholt. Es gab einfache Speiseangebote und eine kleine Getränkeauswahl.

Das Haus wurde im Verlauf des Bestehens einige Male für den Publikumsverkehr vorübergehend geschlossen, um Bauarbeiten und Neueinrichtungen zu ermöglichen oder weil benachbarte Häuser abgerissen wurden[13]. Nach einer Wiedereröffnung im April 1999 präsentierte sich beispielsweise das Haus mit aufgearbeiteten Dielen und Fußböden, wiederhergestellten Möbeln und neuen Anstrichen innen und außen[6].

Veranstaltungsspektrum[Bearbeiten]

In den ersten Jahren gab es Freitagabend im ausgebauten Dachboden Filmvorführungen mittels Videoprojektor für Jugendliche und junge Erwachsene, am Sonntagvormittag ein Kinderkino[14]. Der Dachboden wurde auch für Theaterproben[7], Kinder-Weihnachtsfeiern[15][16] bzw. -Fasching[17] genutzt.

Der Verein veranstaltete im Laufe seines Bestehens Lesungen (u.a. Jürgen Landt[18], Lee Hollis[19], Rex Joswig[10] und Bert Papenfuß[20]), Hip-Hop-Jams[21][22][23], DJ-Workshops[6], Näh[24]-, Trommel- und Drachenbaukurse, Hausaufgabenhilfe[11], Silvester-, Weihnachts- oder Halloween-Partys[25], Töpfer-, Schnitz[12]-, Speckstein-, Peddig-Rohr[26]-, Literatur[27]-Workshops, eine Foto-AG[26], Anti-Gewalt- sowie Konfliktvermittlungs-Lehrgänge[28] und beteiligte sich an einer kulturellen Gemeinschaftsveranstaltung mit Greifswalder Gastronomiebetrieben (Cabinet-Nightflight)[29]. Regelmäßig veranstaltete das Jugendhaus Straßenfeste direkt vor dem Haus, vor allem mit Spiel- und Bastelangeboten für Kinder und einer Tombola zugunsten der Kindekrebsstation in Greifswald[30] und lud zu Heavy-Metal- oder Wein-und Vinyl-Abenden ein[31][32].

Der Verein beteiligte sich 2004 am Greifswalder Festival „Stadtimpuls“, das von verschiedenen Vereinen getragen wurde[33] sowie 2013 und 2014 an der jährlichen Veranstaltung Fête de la Musique[34][35].

Festivals / Konzerte[Bearbeiten]

Das Jugendhaus trat mehrfach als Organisator der Pariser-Festivals auf, die im Greifswalder Stadtgebiet auf die Beine gestellt wurden.

10.06.1995 im Strandbad Eldena mit Easy Business (Hip Hop aus Hamburg), House of Rhythm (Ska/Reggae aus Großbritannien), Think About Mutation (Techno-Metal aus Deutschland) sowie Będzie Dobrze (Hardcore/Dub Reggae aus Polen)[36].

29.06.1996 in Eldena mit Armia (Punk/Hardcore aus Polen), Atari Teenage Riot (Techno-Punk aus Deutschland), Anarchist Academy (Rap aus Deutschland) sowie The Vision & Northside Tribe (Dub bzw. Hip Hop aus Deutschland)[37].

14.06.1997 geplant in der Klosterruine Eldena, jedoch tatsächlich veranstaltet im Alternativen Jugendzentrum am Karl-Marx-Platz, mit Dr. Ring-Ding & The Senior Allstars (Ska/Reggae aus Deutschland), Dub Specialists (Dub aus Großbritannien), North Side Tribe (Hip Hop aus Deutschland) und Rasende Leichenbeschauer (eigtl. Vágtázó Halottkémek, „Schamanistische Urfolk’n’Noise Attacke“ aus Ungarn)[38].

21.06.2003 im Strandbad Eldena, u.a. mit Ferris MC, DJ Stylewarz (Hip Hop aus Deutschland), Skatoon Syndikat (angekündigt als Skatoon Syndicate; Ska aus Berlin), Fat Mary (Spacepunkrock aus Stralsund), COR (Germanhardrock von Rügen), Coogans Bluff (Germanhardrock aus Rostock), Delbo (Krachpop aus Belgien), DZ Vakuum und Totchous (beides Underground aus Belgien)[39][40].

Sonstiges[Bearbeiten]

Nach Bekanntwerden von Schließungsplänen wegen Baumängeln bzw. fehlenden Fluchtwegen demonstrierten im November 1999 über 800 Menschen für den Erhalt des Jugendhauses Parisers und des gleichzeitig von Schließung bedrohten Alternativen Jugendzentrums am Karl-Marx-Platz[41], was auch überregional berichtet wurde[42].

Der Greifswalder Präventionsrat vergab 2003 einen Preis in Höhe von 300 EUR an ein 14-jähriges Vereinsmitglied, der schon seit seinem zweiten Lebensjahr die Vereinsveranstaltungen besuchte, für dessen Engagement in der Arbeit mit Gleichaltrigen[43][44].

Kritik[Bearbeiten]

Am Abend des 2. April 1999 erschien nach Beschwerden von Anwohnern über Lärmbelästigungen durch eine private Geburtstagsfeier zweimal die Polizei im Pariser. Nach dem ersten Besuch wurde die Musik nur kurzzeitig leiser gedreht, so dass die Beamten ein zweites Mal erscheinen mussten. Dieses Mal wurden die 20 mit Schlagstöcken und Elektroschockern ausgerüsteten Ordnungskräfte jedoch von den Gästen der Feier mit Flaschen beworfen und angegriffen. 10 junge Leute wurden verhaftet, 2 Polizisten verletzt. Der Verein entschuldigte sich später dafür[45][6].

Die Ostsee-Zeitung berichtete 2007 über einen Flyer, der dem von einem NPD-Mitarbeiter herausgegebenen „Greifswalder Boten“ beigelegt war. In diesem hieß es bezogen aufs Pariser und andere Einrichtungen in Greifswald: „Von diesen Orten gehen zumeist Straftaten aus oder sie werden dort geplant"[46]. Die Polizei bestätigte jedoch auf Nachfrage der Ostsee-Zeitung, dass ihr solche Straftaten oder entsprechende Pläne nicht bekannt sind[46].

In den letzten Jahres des Bestehens gab es Stimmen aus der lokalen Politik, die die Tätigkeit des Vereins nicht mehr als Jugendarbeit ansahen, sondern eher als normalen Barbetrieb. 2015 zitierte die Ostsee-Zeitung Michael Hosang (SPD), Mitglied der Ortsteilvertretung Innenstadt, mit den Worten: „... die Räume wurden zuletzt nur noch als Kneipe benutzt"[47]. Auch Sascha Ott (CDU) äußerte sich im selben Jahr ähnlich: „Der Pariser ist in höchstem Maße sanierungsbedürftig. Außerdem hat dort in den vergangenen Jahren kaum noch Jugendarbeit stattgefunden"[48]. Andere Politiker, wie der SPD-Kandidat für die Greifswalder Bürgerschaft, Erik von Malottki, haben sich jedoch explizit für den Erhalt des Parisers eingesetzt[49].

Ende[Bearbeiten]

Nachdem die Finanzierung durch die Stadt schon ab 2010 eingestellt wurde[50], kündigte die Stadt Greifswald im Frühjahr 2015 den seit Anfang der Neunziger Jahre bestehenden Nutzungsvertrag mit dem Verein zu Ende Oktober desselben Jahres. Begründung war, dass aus Sicht der Stadt im Pariser zuletzt zu wenig Jugendarbeit, aber zuviel „Kneipe“ betrieben wurde. Dieses Kündigungsrecht stand der Stadt nach dem Vertragstext zu, sobald der eigentliche Zweck Jugendarbeit vom Verein nicht mehr verfolgt wurde[8]. Damit endete nach knapp 24 Jahren die Vereinstätigkeit recht unspektakulär.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifswald, „In diesem Jahr keine Sanierung des ‚Pariser‘“, 1994 (genaues Datum unbekannt)
  2. 2,0 2,1 2,2 Greifswalder Tageblatt „Besetztes Haus wird Szene-Treff“ und „Kapaunenstraße 20 besetzt“, 05.12.1991
  3. Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifswald, „Das vergessene Haus“, 1992 (genaues Datum unbekannt)
  4. 1991 Sendung "Jetzt kommt's" N3 NDR mit Jugendlichen aus Greifswald Jugendhaus Pariser. Abgerufen am 13. Februar 2018.
  5. §2 der Vereinssatzung vom 19.06.1993
  6. 6,0 6,1 6,2 6,3 6,4 Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifswald, „‘Pariser‘ will sich für Lärm entschuldigen“, 08.04.1999
  7. 7,0 7,1 7,2 Greifswalder Tageblatt „Theater auf dem Dachboden“, 18.12.1992
  8. 8,0 8,1 Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifsald, „Das Jugendhaus ‚Pariser‘ steht vor dem Aus“, 24.04.2015
  9. Infoplakat von 1993
  10. 10,0 10,1 Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifswald, „Jugendhaus Pariser“ und „Lesung mit Sputnik-DJ“, 24.05.1997
  11. 11,0 11,1 Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifswald, „14-Jähriger engagiert sich für Gleichaltrige“, 2003 (genaues Datum unbekannt)
  12. 12,0 12,1 Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifswald, „Jugendcafé ist wieder offen“, 28.07.2006
  13. Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifswald, „‘Pariser‘ für einige Wochen geschlossen“, 06.05.2001
  14. Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifswald, „Städtisches Jugendhaus in der Kapaunenstraße 20 geplant“, 17.03.1994
  15. Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifswald, unter „Kurz notiert“, 22.12.1995
  16. Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifswald, „Der andere Weihnachtsmarkt“, 15.12.2008
  17. Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifswald, unter "Veranstaltungstipps", 10.11.1995
  18. Flyer „Märchen-Nacht“ 1997
  19. Flyer ohne Jahresangabe
  20. Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifswald, „‘Aquakaustisches‘ im Pariser“, 18.11.1999
  21. Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifswald, unter „Termine“, 30.10.1999
  22. Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifswald, „Graffiti für einen guten Zweck“, 02.11.1999
  23. Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifswald, “Hip Hop Party in der City”, 01.11.1999
  24. Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifswald, „‘Pariser‘ feiert 10-Jähriges mit Straßenfest“, 22.09.2001
  25. Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifswald, „Bei Dir spukt’s wohl“, 27.10.2004
  26. 26,0 26,1 Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifswald, „Im Jugendcafé Pariser wird es wieder kreativ“, 02.08.2006
  27. Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifswald, „Ideen für Workshops sind gefragt“, 17.01.2007
  28. Greifswalder Blitz, „Zwei Lehrgänge im Pariser“, 21.11.2010
  29. Cabinet-Nightflight-Veranstaltungsflyer, April 1998 (genaues Datum nicht bekannt)
  30. Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifswald, „Kinderfest vorm Jugendhaus ‚Pariser‘ mit Tombola“, 01.06.2002
  31. "Metal-Abend"-Flyer von 2003
  32. Undatierter "Wein und Vinyl"-Flyer
  33. Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifswald, „Festival soll Akzente setzen“, 06.03.2004
  34. Greifswalder Stadtblatt „Fête de la musique 2013 in Greifswalds Innenstadt“, 23.05.2013
  35. Plakat von 2014
  36. Plakat von 1995
  37. Plakat von 1996
  38. Plakat von 1997
  39. Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifswald, „Pariser Festival morgen im Strandbad“, 20.06.2003
  40. Plakat von 2003
  41. Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifswald, „Techno und Trillerpfeifen vor dem Rathaus“, 11.11.1999
  42. "Greifswalder Club bleibt geöffnet", Nordmagazin, NDR-Fernsehen, 10.11.1999
  43. Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifswald, „Dritter Preis ging an den Pariser“, 13.11.2003
  44. Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifswald, „14-Jähriger engagiert sich für Gleichaltrige“, 2003 (genaues Datum unbekannt)
  45. Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifswald, „Polizei stürmte den ‚Pariser‘“ und „Disco-Besucher attackierten Polizisten“, 06.04.1999
  46. 46,0 46,1 Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifswald, „Rechte Propaganda gegen Szene-Klubs“, 24.10.2007
  47. Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifswald, „Das Jugendhaus ‚Pariser‘ steht vor dem Aus“, 24.04.2015
  48. Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifswald, „‘Pariser‘ soll Ort für Jugendliche bleiben“, 01.07.2015
  49. Flyer für die Kommunalwahl am 25.05.2014
  50. Ostsee-Zeitung, Lokalausgabe Greifswald, „Greifswalds Jugendhaus ‚Pariser‘ sagt Danke“, 09.12.2009
  Dieser Wikipedia-Artikel wurde, gemäß GFDL, CC-by-sa mit der kompletten History importiert.

54.09567113.37381Koordinaten: 54° 5′ 44,4″ N, 13° 22′ 25,7″ O