Medienkritik an der Tagesschau (ARD)

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Es besteht eine in den letzten Jahren insgesamt zunehmende medienkritische Rezeption der Tagesschau seitens einzelner Sprachforscher, Publizisten, Journalisten und Mitarbeitern der ARD. In ihren Publikationen wurden neben Vorzügen im Bereich des sachlich-informativen Sendeformats kritische Punkte hinsichtlich journalistischer Qualitätskriterien dargestellt. Ein großer Teil der Kritik hatte den Charakter von Kontroversen oder tagesaktuellen Diskussionen zu einzelnen Sendeinhalten, zu denen die ARD meist ausführlich Stellung nahm. Nach dem Anstieg kritischer Zuschriften und Kommentare ibis Dezember 2016 beschloss die ARD für 2017 den Einsatz eines Qualitätsmanagers.

Inhaltsverzeichnis

Studien und Monografien[Bearbeiten]

Sachlich-informatives Format seit 1960 beibehalten

Insgesamt wird der Tagesschau bescheinigt, dem sachlich-informativen Format seit 1960 treu geblieben zu sein. Damit habe die Tagesschau gegenüber den Nachrichten der Privatsender soviel Erfolg beim Publikum gehabt, dass sogar diese sich eher wieder dem Stil der Tagesschau angenähert hätten.[1] In geringem Maß hätten in den öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen „boulevardisierende“ Elemente aus dem „Human-Touch-Bereich“ (Prominenz und Lifestyle, Unglück und Verbrechen) Eingang gefunden.[2][3]

Ulrich Schmitz' Langzeitstudie (1990)

Der Sprachforscher Ulrich Schmitz von der Universität Duisburg-Essen untersuchte in einer Langzeitstudie die Sprache der Tagesschau und kam zu dem Ergebnis, dass sich die sprachlichen Formeln der Tagesschau seit vielen Jahren wiederholen und diese Gleichförmigkeit der Grund für ihre Beliebtheit sei. Die Tagesschau als eine Art „postmoderne Concierge“ „spendet den Zuschauern durch ihre sprachliche Kontinuität Trost.“ Sie vermittle das sichere Gefühl, dass alle Ereignisse in der Welt erklärbar seien.[4] Die Tagesschau habe mit ihrer Präsentationsform ein Publikum gefunden, „...das zuhört, ohne behalten und verstehen zu können“. Sie schaffe, so Schmitz, ein Zitat von Enzensberger aufgreifend, „'fiktive Befriedigung von Sinnbedürfnis' (Enzensberger)“.[5][6]

Gewis-Institut und SZ zur Sprachform (2008)

Nach einer Studie des Gewis-Instituts aus dem Jahre 2008 sollen nur 12 Prozent der Zuschauer jedes Wort und jede Meldung in der Tagesschau verstehen. Dabei, so das Ergebnis einer Umfrage der Süddeutschen Zeitung, sei nicht die mangelnde Verständlichkeit der Sprache als solche das Problem, sondern ihre Dichte, die die Zuschauer überfordere.[7] Nach Darstellung der Bundeszentrale für politische Bildung 2012 „ist es seit den 1960er Jahren ein Problem, dass nur ein geringer Anteil der Meldungen (zwischen 20 und 40 Prozent) von den Zuschauern unmittelbar nach der Sendung aus der Erinnerung noch benannt werden kann.“ Es stelle sich damit die Frage nach der Bedeutung, die die Nachrichten für die Orientierung der Menschen wirklich haben. „Nur ein geringer Anteil der Meldungen (zwischen 20 und 40 Prozent) könne von den Zuschauern unmittelbar nach der Sendung aus der Erinnerung benannt werden.“[8]

Otto-Brenner-Studie zum Wirtschaftsjournalismus (2010)

Die groß angelegte Studie der Otto Brenner Stiftung von Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz von März 2010 zum Thema "Wirtschaftsjournalismus in der Krise - Zum massenmedialen Umgang mit Finanzmarktpolitik" betrachtete unter anderem eingehend die Arbeitsweise der ARD von Frühjahr 1999 bis Herbst 2009. Untersucht wurden besonders die Formate die ARD-Formate Tagesschau und Tagesthemen. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass sie – im Gegensatz zu den Print-Leitmedien – nicht nur handwerklich wie in den Jahren zuvor, sondern auch vor den inhaltlichen Herausforderungen der Berichterstattung über die Krise selbst versagt hätten. Die Redaktion arbeite „perspektiven-arm“, im Mittelpunkt stünden die jeweils offiziell wichtigsten Akteure: Vertreter der deutschen Regierung zuallererst, Bankenvertreter, wenige Wissenschaftler und deren Sichtweisen. Die Studie kommt zu einer harten Bewertung: „Hier handelt es sich um eine Perspektivenverengung mit enormen Wirklichkeitsverlusten, die als schwere journalistische Verfehlung einzustufen ist.“[9]

Der ARD wurde außerdem zeitweise vorgeworfen, die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft übe zu großen und verdeckten Einfluss auf Sendungen der ARD aus.[10]

Walter von Rossums Vorwurf des "Objektivitätsscheins" (2007)

2007 stellte Walter van Rossum[11] die angeblich rein informative Dienstleistung als Mythos dar und beklagte die von ihm behauptete Übernahme trivialer vorverdauter Informationen. Er vertrat außerdem die These einer Art „freiwilliger Gleichschaltung der Medien“.[12] Die Mechanismen der Homogenisierung der Meinungen beruhe bei ARD-aktuell jedoch nicht auf Vorgaben, sondern sei das Ergebnis „täglicher Feinabstimmung“ in Konferenzen und Besprechungen, in denen sich die Sprachregelungen zu den aktuellen Themen herausbilden würden. Es gehe dabei um einen „Objektivitätsschein, der durch größtmögliche Annäherung an die politische Mitte erreicht werden soll.“ Marco Bertolaso, der Leiter der Deutschlandfunk-Nachrichten, kritisierte Rossums Darstellung und die zu schmale Datenbasis (ein Sendetag).[13] In ihrer Rezension in der Zeit kommt Insa Wilke zu dem Schluss, Rossums Kritik sei zwar insgesamt polemisch überzogen, er beschreibe jedoch prägnant den Einsatz von „erblindeten Bildern“, die ohne jeden Erkenntnisgewinn Stereotypen reproduzierten.[14]

Stellungnahme des Programmbeirats zur Ukraine-Berichterstattung (2014)[Bearbeiten]

Im Juni 2014 hatte der Programmbeirat der ARD die Berichterstattung der ARD über den Ukraine-Konflikt im Zeitraum Dezember 2013 bis Juni 2014 kritisiert. Die Berichterstattung sei „nicht ausreichend differenziert“ und „hätte teilweise den Eindruck der Voreingenommenheit erweckt“. Die Inhalte seien außerdem „tendenziell gegen Russland und die russischen Positionen“ gerichtet.[15][16] Unter anderem seien die Verhandlungen über das Assoziierungsabkommen, die politischen und strategischen Absichten der NATO, die Verfassungskonformität der Absetzung Janukowitschs und der völkerrechtliche Status der Krim unzureichend erklärt worden.[17]

Der Chefredakteur der ARD Thomas Baumann wies die Kritik zurück. In ihrer Gesamtheit würden die Sendungen im Ersten „die Lage in der Ukraine und die Ursachen der Krise differenziert und unter verschiedenen Aspekten […] thematisieren.“[15] Nach Darstellung des Spiegel sind „Form und Schärfe der Kritik“ „ohne Beispiel in der Geschichte der ARD“.[18] Benjamin Bidder relativierte die Aussagen des von telepolis lancierten Resümees des Sitzungsprotokolls. Dieses sei „deutlich abwägender formuliert.“[19]

Volker Bräutigams rundfunkrechtliche Kritik[Bearbeiten]

Der frühere Tagesschauredakteur (1975 bis 1985[20]), Journalist (bis 1996) und Personalrat des Norddeutschen Rundfunks, Gewerkschaftsvorstand (ver.di) und Publizist Volker Bräutigam stellte in seiner Monografie von 2009 Die Falschmünzer-Republik - Von Politblendern und Medienstrichern[21] und in mehreren Programm-Beschwerden ab 2014[22] seine Kritik an der mangelnden Beachtung des Rundfunkrechts dar. Er schildert zum Teil aus eigener Erfahrung, wie sich seiner Auffassung nach „verantwortungsvolle journalistische Arbeit abwürgen und der Informationsauftrag öffentlich-rechtlicher Medien zur methodischen Deformationsmasche mutieren lassen“.

Bräutigam versucht an der Analyse der Bundestagsdebatte zum Rundfunkrecht deutlich zu machen, wie in seiner Wahrnehmung das Rundfunkrecht und die verbürgte journalistische Unabhängigkeit mittlerweile gebeugt werden.[23] Die Massenmedien würden mehrheitlich „mittels Falschinformation und aggressiver Intoleranz“ die bestehenden gesellschaftlichen Missverhältnisse rechtfertigen, fördern und verschärfen. Dabei würden die Medien zu „Falschmünzer(n) im Interesse jener Eliten, die unbegrenzt Reichtümer aufhäufen und mittlerweile unbeschränkt Macht ausüben. Und dies ohne jede demokratische Legitimation.“[24] Bräutigams Medien-Kritik bezog sich ursprünglich hauptsächlich auf die China-Berichterstattung, seine Rundfunkbeschwerden auf die Ukraine-Krise, später auch auf Syrien.

Schon in seiner Publikation Die Tagesschauer. Ein Tagesschau-Redakteur berichtet von 1982 analysierte Bräutigam Strukturen und Arbeitsweisen der Tageschau-Redaktion im Spannungsgeflecht wirtschaftlicher und politischer Einflüsse und kam als noch aktiver Redakteur zu dem Schluss, dass die Tagesschau das bringe, „was unsere politischen Zustände bestätigt und verfestigt und was die von den öffentlichen Medien gesteuerten Massen angeblich hören und sehen wollen“. Ursachen machte Bräutigam vor allem in der von ihm mitbezeugten massiven parteipolitischen Einflussnahme über die Aufsichtsgremien aus: „Keiner wird bei uns Intendant, der den Parteien insgesamt kritisch gegenüber steht. Keiner wird Chefredakteur, es sei denn er hat die richtigen Beziehungen oder das richtige Parteibuch“.[25]

Einzelne Kontroversen[Bearbeiten]

Ulrich Wickert, Moderator der Tagesthemen von 1991 bis 2006, bemängelte 2009 in der FAZ, in den öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen werde „bruchstückhaft informiert und schlampig formuliert, die Unterhaltung scheint das Wichtigste zu sein“. Besonders bei der Tagesschau stelle er eine „sprachliche Verlotterung“ fest. Die Autoren beherrschten „zum großen Teil nicht einmal mehr den korrekten Satzbau“. Die „Floskelsprache der Politik“ und das „Kurzsprech der Nachrichtenagenturen“ würden übernommen. Starke Kritik fand die Fernsehberichterstattung zum 20. Jubiläum des Mauerfalls, zur Bundestagswahl und zur schwarz-gelben Kabinettsbildung. Wickerts Darstellung gipfelte in dem Vorwurf, den Machern scheine das Bewusstsein für ihren öffentlich-rechtlichen Auftrag, für eine Grundversorgung politischer Informationen zu sorgen, abhandengekommen zu sein.[26][27] Die ARD nahm im Detail Stellung zu Wickerts Kritik und stellte dar, dass bei der Prioritätensetzung, beim zeitlichen Umfang der Themen, der Vollständigkeit und Relevanz der Themendarstellung verantwortungsvoll gearbeitet wurde. Wickerts Kritik wurde teilweise dadurch erklärt, dass er bei der Berichterstattung die moderne Einheit von Internetauftritt und Fernsehprogramm nicht berücksichtige: „Internet und Fernsehen ergänzen sich – das ist eben völlig anders als zu Zeiten von Herrn Wickert.“[28] Kai Gniffke wies auf dem Tagesschau-Blog auch die Kritik am mangelnden Bewusstsein für den öffentlich-rechtlichen Auftrag zurück. Zu den angeblichen Mängeln der Sprache führte er aus: „Und unsere Texte finde ich sprachlich außerordentlich akurat, und zudem gewinnen sie durch den unfallfreien, engagierten Vortrag unserer Präsentatoren.“[29]

Der langjährige Nachrichtensprecher Marc Bator hatte sich bei Seinem Weggang von der ARD ähnlich wie Wickert zu den journalistischen Möglichkeiten und der Verständlichkeit der Nachrichen geäußert, relativierte diese Kritik aber auch. Der Erfolg gebe der Tagesschau Recht.[30]

Claus Kleber charakterisierte 2013 den Stil und das Format der Tagesschau als überholt. Anders als im angloamerikanischen Nachrichtenstil blieben bei der Tagesschau kaum Spielräume. „Jemand wie die hochgeschätzte Kollegin Judith Rakers könnte natürlich mehr moderieren und einordnen, aber sie soll nicht.“ In seiner Kritik ging er so weit, das „trockene Nachrichtenablesen“ mit dem koreanischen Fernsehen zu vergleichen. [31] Kai Gniffke widersprach der Kritik Klebers: Der Stil der Tagesschau gehöre zur „Markenpflege“. Die Tagesschau sei „erfolgreich, wie sie ist“.[32] Wili Winkler bewertete in der SZ den Koreavergleich Klebers als absurd und selbstgerecht.Die „Tagesschau“ der ARD habe bisher die Sperenzien ihrer Sprecher überstanden, ohne sichtbaren Schaden zu nehmen. „Seit sechzig Jahren sendet sie, im amtsmännischen Ton der reinen Sachlichkeit vorgetragen, Tag für Tag eine strenge Auswahl an Weltnachrichten.“[33]

Stefan Niggemeier hob in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung den Aspekt der „Ritualisierung“ der Nachrichten hervor.[34] Die Tagesschau inszeniere täglich ihre eigene Realität, an der zu zweifeln unerwünscht sei. Das „Korsett“ der Nachrichten sei so eng, dass nicht einmal elementare Fragen beantwortet werden könnten. Der Kern der Sendung scheine trotz aller Verpackungsveränderungen immer derselbe geblieben zu sein und biete, wie Georg Diez es 2015 ausdrückte, eine „Ikonografie der Macht und des Apparates und der Automatismen“.[35] Der Blick der Zuschauer auf eine komplexe Entwicklung würde durch Rituale der Kommentierung auf eine einfache, vertraute, im Zweifel bequeme Position verengt. Politik würde oft auf das reduziert, was sie mit Politikern macht, Hintergründe, Zusammenhänge und Widersprüche fehlten. Die „self-embedded journalists“ machten sich zu Komplizen der großen Gesten politischer Inszenierungen.[36]

Kai Gniffke versprach als Reaktion auf die Kritik Veränderungen. So sollen die Themen reduziert werden, um diese ausführlicher präsentieren zu können.[37]

Der Hanns-Joachim-Friedrichs-Preisträger Christoph Maria Fröhder stellte im Februar 2015 die journalistische Qualität der Tagesschau und der Tagesthemen in den Mittelpunkt seiner kritischen Auseinandersetzung. Seiner Meinung nach gehe es meist „nicht um Journalismus oder Qualität, es geht bloß um Macht“. In seiner „symbolischen Kündigung“, die er als Signal an jüngere Kollegen verstanden wissen wollte, warf der besonders Tagesschau und Tagesthemen ein unzureichendes journalistisches Umfeld vor: „Strukturagenten“ in der Administration würden guten Journalismus „ersticken“. Des Weiteren verhinderten Karrierestrukturen und Konkurrenz der ARD-Anstalten („Kleinstaaterei“) verhinderten eine sinnvolle Aufteilung der Arbeit zwischen Korrespondent und Reporter. Neben sprachlicher „Verlotterung“ wies Fröhder auf Qualitätsmängel als Folge der Strukturprobleme hin: Es würden „scheinbar relevante Fakten hintereinandergefügt, anstatt sie zu hinterfragen“. Fremdes Bildmaterial werde nicht kritisch genug geprüft, es bestehe die Gefahr der Instrumentalisierung.[38]

In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau hatte er bereits 2011 ausgeführt, neben mangelnder finanzieller Ausstattung, Manipulation, embedding, fehlender professioneller Ausbildung und Betreuung sowie selbstthematisierender Boulevardisierung sei die politische Haltung und berufliche Einstellung vieler Journalisten problematisch: Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern bestünden die Redaktionen aus „politisch handverlesenen Journalisten“, die hintergründige Berichte für gefährlich und leichtere Berichte für sympathischer hielten.[39][40]

Tagesaktuelle Kritiken einzelner Inhalte[Bearbeiten]

Skiunfall Michael Schumachers (2013)

Ein kontrovers diskutiertes Beispiel für eine auch durch Inhaltsanalysen belegte Boulevardisierungstendenz[41] unter anderem auch der Tagesschau war die Sendung vom 30. Dezember 2013.[42] Die Tagesschau startete ihre Hauptausgabe mit der viereinhalbminütigen Berichterstattung über den Skiunfall des Autorennfahrers Michael Schumacher inklusive Live-Bericht aus Grenoble. Auch Regierungssprecher Seibert kam in der Sendung mit seiner Stellungnahme zum Schiunfall zu Wort.[43] Erst anschließend berichtete die Tagesschau über einen Anschlag in Wolgograd mit mindestens 14 Toten, der offenbar in Zusammenhang mit den bevorstehenden olympischen Winterspielen im russischen Sotschi stand, und noch kürzer über einen Anschlag auf die Residenz des deutschen Botschafters in Griechenland.[44]

ARD-Aktuell-Chef Kai Gniffke rechtfertigte die Themensetzung mit dem Hinweis, dass Millionen Menschen Anteil an Schumachers Schicksal nähmen, es wäre töricht in diesen eher nachrichtenschwachen Tagen Sendungen krampfhaft mit sogenannten B-Themen zu füllen. Der Ski-Unfall sei auch kein reines Boulevardereignis.[45]

Putins „Isolierung“ beim Barbecue (2014)

Am 15. November 2014 wurde ein allein am Tisch sitzender Präsident Putin beim Barbecue auf dem G20-Gipfel im australischen Brisbane gezeigt,mit dem Kommentar: „...Putin, wie symbolisch,einsam und verlassen“.[46] Es wurde kritisiert, die ARD habe einen Ausschnitt ausgewählt, der suggeriere, Putin sei auf dem Gipfel allein und isoliert gewesen und habe den falschen Eindruck mit einem entsprechenden Text-Kommentar verstärkt.[47][48] Kai Gniffke wies die Kritik als Unterstellung zurück. Putin sei auf dem Gipfel tatsächlich isoliert gewesen.[49][50]

Politiker als angeblicher Teil einer „Menschenmenge“ (2015)

Am 11. Januar 2015 vermittelte die Tagesschau mit Filmaufnahmen und Kommentar angeblich den Eindruck, 40 führende Politiker Europas hätten als Teil einer Menschenmenge am Pariser Trauermarsch nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo teilgenomme.[51] Der Sendung wurde daraufhin vorgeworfen, diese „Inszenierung“ nicht kenntlich gemacht zu haben.[52] Den Medienschaffenden sei vorzuwerfen, dass ihnen die Wirkung der Bilder wichtiger gewesen sei als die Dokumentation der Realität.[53] Kai Gniffke erklärte den Hintergrund und Sinn der Bildauswahl: Wenn sich Politiker vor eine Kamera stellen, sei das immer eine Inszenierung. Außerdem sei die Realität nicht manipuliert worden, da die Politiker, wenn auch mit Sicherheitsabstand, tatsächlich an der Kundgebung teilgenommen hätten.[54]

Flüchtlingsströme von „Familien mit Kindern“ (2015)

Im Oktober 2015 räumte „ARD aktuell“-Chefredakteur Kai Gniffke eine verzerrende visuelle Darstellung der Flüchtlingsströme nach Europa durch die Tagesschau und die Tagesthemen ein: „Wenn Kameraleute Flüchtlinge filmen, suchen sie sich Familien mit kleinen Kindern und großen Kulleraugen aus“, obgleich „80 Prozent der Flüchtlinge junge, kräftig gebaute alleinstehende Männer sind“.[55]

Vorwurf angeblich suggestiv eingesetzten Archivmaterials (2015)

Wenige Tage später räumte die ARD nach Recherchen der Wochenzeitung Junge Freiheit ein, in einem Tagesschau-Bericht Aufnahmen einer relativ gering besuchten, von der SPD mitorganisierten "Lichterkette für Flüchtlinge" in Berlin mit Archivmaterial einer von hunderttausend Menschen besuchten Antikriegsdemonstration aus dem Jahr 2003 ergänzt zu haben. "Die eingespielten etwa drei Sekunden langen Archivaufnahmen vermittelten den Eindruck, es hätten sich deutlich mehr Personen an der Lichterkette teilgenommen."[56]

Darstellung der Übergriffe in Köln (2015)

Wegen der verspäteten Berichterstattung zu den Übergriffen zu Silvester 2015 in Köln wurde auch der Tagesschau-Redaktion vorgeworfen, Nachrichten verzögert zu haben. Im speziellen Fall wurde auch die mangelnde Recherche trotz social-media- Indizien und das wenig selbstständige Entlanghangeln an Poliziemitteilungen bemängelt. Bei den Defiziten der gesamten überregionalen Nachrichtenmedien handele es sich um einen „Systemfehler“.[57]

Vorwurf angeblich pro-palästinensischer Berichterstattung (2016)

Kritiker der Sendung zur mangelnden Wasserversorgung der Palästinenser monierten, Informationen zur Wasserversorgung von Israelis und Palästinensern seien von der ARD „unterschlagen“ worden (Hintergrund des möglicherweise voreingenommenen „Experten“ Clemens Messerschmid, ein Wasserrohrbruch), O-Töne seien nur von einer Seite der Beteiligten gesendet worden, die israelische habe gefehlt. „Und als Rechtfertigung wird erklärt, man hätte ja noch viel manipulativer berichten können.“[58]

Darstellung des Falls Maria L. (2016)

Die Redaktion der Tagesschau (ARD) hatte sich am 3. Dezember im Kriminalfall Maria L. gegen eine Aufnahme von Ermittlungserfolgen in die Hauptausgabe entschieden, weil es sich um einen Fall lediglich „regionaler Bedeutung“ gehandelt hätte, was daraufhin vorerst vor allem in sozialen Medien kritisiert wurde.[59][60] Zwei Tage später berichtete die ARD in den Tagesthemen doch an prominenter Stelle und befragte zudem Bundeskanzlerin Angela Merkel zu dem Fall.[61]

Zuschauerkritik[Bearbeiten]

Täglich erreichten die Redaktion durchschnittlich 200 Email-Kommentare, 2.000 Leser-Kommentare bei „Tagesschau.de“, 8.000 Einträge bei Facebook sowie eine offizielle Programmbeschwerde an den Rundfunkrat (Stand Dezember 2016).

Kai Kniffke kommentierte die Zahlen: „Bei der Quantität der Zuschauerkritik sind wir - glaube ich - Marktführer in Deutschland.“ Er kündigte an: „Wir werden in Zukunft stärker sieben und uns auch mehr erklären müssen, warum wir das tun.“

Ab 2017 soll ein Qualitätsmanager den Nachrichtenbetrieb begleiten.[62][63]

Literatur[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. "Doch gerade den Nachrichtensendungen der kommerziellen Sender gelang es nicht, die unangefochtene Stellung der "Tagesschau" als führende deutsche Nachrichtensendung zu unterminieren. Eine Kampagne von RTL und Sat.1, der "Tagesschau" nach 2000 wesentliche Zuschaueranteile durch eine Boulevardisierung der Nachrichten abzujagen, war nicht erfolgreich, und die kommerziellen Nachrichtensendungen näherten sich wieder der öffentlich-rechtlichen Nachrichtenpräsentation an. Auch wenn inzwischen RTL einen konstant größeren Marktanteil erreicht hat, bevorzugt ein großer Publikumsanteil weiterhin die Information durch die Nachrichtensendungen der öffentlich-rechtlichen Sender." http://www.bpb.de/gesellschaft/medien/deutsche-fernsehgeschichte-in-ost-und-west/142912/infotainment-und-boulevardisierung
  2. bpb.dehttp://www.bpb.de/gesellschaft/medien/deutsche-fernsehgeschichte-in-ost-und-west/142912/infotainment-und-boulevardisierung "Gleichwohl hat die Veränderung in der Themenstruktur der Fernsehinformation insgesamt auch vor dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht halt gemacht. Immer häufiger fanden sich in den 1990er Jahren Sendungen, die als Informationsangebote Themen aus dem sogenannten Human-Touch-Bereich (Prominenz und Lifestyle, Unglück und Verbrechen) anboten. Selbst in "altehrwürdigen" und vermeintlich seriösen Nachrichtensendungen wie "Tagesthemen" oder "heute" werden mitunter Nachrichten aus der "Promiwelt" präsentiert (vgl. "Konvergenz in Nachrichtensendungen")." (Hervorhebungen von mir, Gabel1960) "Für Infotainment stand auch die Entwicklung neuer Sendeformate wie Boulevard-, Promi- oder auch Lifestylemagazine. Oft geprägt von reißerischer Berichterstattung, wurden persönliche Schicksalsschläge, Gewalt, Sex und Katastrophen zum Thema. Der Blick richtete sich dabei überwiegend auf die "Welt der Stars und Prominenten". "
  3. allgemein dazu: Jacob Leidenberger: Boulevardisierung von Fernsehnachrichten: Eine Inhaltsanalyse deutscher und französischer Hauptnachrichtensendungen. Springer-Verlag, 2014, ISBN 978-3-658-08094-5
  4. Christopher Stolzenberg: Sprache in der Tagesschau - Das unverständliche Ritual. In: Sueddeutsche.de. 13. Dezember 2008, abgerufen am 12. März 2015.
  5. Ulrich Schmitz: Postmoderne Concierge: Die „Tagesschau“: Wortwelt und Weltbild der Fernsehnachrichten. Westdeutscher Verlag GmbH 1990, 383 Seiten, Opladen, ISBN 3-663-06747-5.
  6. Christian Enzensberger: Literatur und Interesse. Eine politische Ästhetik mit zwei Beispielen aus der englischen Literatur. Bd 1 Theorie. München 1977, S. 61, zitiert nach Ulrich Schmitz, op. cit., S. 277 Es handelt sich bei meiner Wiedergabe um ein Zitat im Zitat.
  7. Christopher Stolzenberg: Sprache in der Tagesschau - Das unverständliche Ritual. In: Sueddeutsche.de. 13. Dezember 2008, abgerufen am 12. März 2015.
  8. DOSSIER Deutsche Fernsehgeschichte in Ost und West. Fernseh-Nachrichtensendungen, 30.08.2012, abgerufen am 21. Dezember 20160 bpb.dehttp://www.bpb.de/gesellschaft/medien/deutsche-fernsehgeschichte-in-ost-und-west/142884/fernseh-nachrichtensendungen
  9. „Wirtschaftsjournalismus in der Krise - Zum massenmedialen Umgang mit Finanzmarktpolitik“ Zusammenfassung der Studie auf otto-brenner-stiftung.de
  10. taz.de
  11. Die Tagesshow. Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007, ISBN 978-3-462-03951-1.
  12. Interview mit Walter van Rossum zur Tagesshow auf allen Kanälen, abgerufen am 15. Januar 2015/
  13. Walter van Rossum: POLITISCHES FEATURE Die Tagesshow oder Die Welt in 15 Minuten von, Deutschlandfunk vom 10. Juli 2007, abgerufen am 15. Januar 2015.
  14. Insa Wilke: Dauerberieselung - Walter van Rossum übt heftige Kritik an den Nachrichtensendungen. In: spiegel.de. 15. Mai 2008, abgerufen am 12. März 2015.
  15. 15,0 15,1 Berichtet die ARD zu russlandkritisch?, Handelsblatt, 18. September 2014.
  16. Protokoll der 81. Sitzung des rbb-Rundfunkrates RBB-Rundfunkrat, Oktober 2014.
  17. Resümee des Protokolls des Programmbeirats (pdf), das durch telepolis veröffentlicht wurde
  18. SPIEGEL ONLINE, Hamburg Germany: Streit über Ukraine-Berichte: Programmbeirat wirft ARD "antirussische Tendenzen" vor. In: SPIEGEL ONLINE. Abgerufen am 17. Dezember 2016.
  19. Benjamin Bidder: Programmbeirat wirft ARD "antirussische Tendenzen" vor. In: Spiegel Online. 23. September 2014, abgerufen am 29. November 2014.
  20. Marcus Klöckner: "Bleiben Sie ARD-aktuell gewogen". In: Telepolis. Abgerufen am 21. Dezember 2016 (de-DE).
  21. Volker Bräutigam: Die Falschmünzer-Republik - Von Politblendern und Medienstrichern. 1. Auflage. Kückenshagen, Scheunen-Verlag, 2009, ISBN 978-3-938398-90-6.
  22. publikumskonferenz.de
  23. nrhz.de
  24. mmm.verdi.de
  25. Volker Bräutigam: Die Tagesschauer. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1982, ISBN 3-499-20302-5 (formal falsche ISBN).
  26. Ulrich Wickert: Wickert bemängelt Nachrichten - Warum sind die Kritiker so milde? In: faz.net. 19. November 2009, abgerufen am 12. März 2015.
  27. Hans-Jürgen Jakobs: Fernsehen: ARD-Star Wickert rechnet mit ARD und ZDF ab. In: sueddeutsche.de. ISSN 0174-4917 (sueddeutsche.de [abgerufen am 22. Dezember 2016]).
  28. Wickerts Frontalattacke lässt ARD und ZDF kalt: Medienkritik - WELT. In: DIE WELT. Abgerufen am 22. Dezember 2016.
  29. RP ONLINE: Kritik an Nachrichtensendungen: ARD wehrt sich gegen Wickert. In: RP ONLINE. Abgerufen am 22. Dezember 2016.
  30. FOCUS Online: ZDF-Mann Kleber vergleicht „Tagesschau“ mit Nordkorea. In: FOCUS Online. (focus.de [abgerufen am 22. Dezember 2016]).
  31. Iris Alanyali: Kollegenschelte - Claus Kleber lästert über die "Tagesschau". In: welt.de. 22. Mai 2013, abgerufen am 12. März 2015.
  32. Ralf Wiegand: Tagesschau - "Und sie bewegt sich doch". In: sueddeutsche.de. 27. Juni 2013, abgerufen am 12. März 2015.
  33. Willi Winkler: "Heute-Journal"-Moderator Claus Kleber: Zu Kopf gestiegen. In: sueddeutsche.de. ISSN 0174-4917 (sueddeutsche.de [abgerufen am 22. Dezember 2016]).
  34. Stefan Niggemeier | Die 20-Uhr-Wirklichkeit. In: www.stefan-niggemeier.de. Abgerufen am 20. Dezember 2016.
  35. Georg Diez: S.P.O.N. - Der Kritiker: Immer voll auf Merkel-Linie. In: spiegel.de. 31. Januar 2015, abgerufen am 12. März 2015.
  36. Blog von Stefan Niggemeier, abgerufen am 10. Februar 2015.
  37. tagesschau-Blog von Kai Gniffke, abgerufen am 10. Februar 2015.
  38. Kollegenschelte: ARD-Mann Fröhder geißelt "Tagesschau" und "Tagesthemen". auf: spiegel.de, abgerufen am 6. Februar 2015.
  39. Christoph Maria Fröhder über die Revolutionen in Nordafrika und die Probleme der Auslandskorrespondenten: Der Nachwuchs ist unpolitisch. auf: berliner-zeitung.de
  40. http://www.fr-online.de/medien/reporter-christoph-maria-froehder-im-interview-der-nachwuchs-ist-unpolitisch,1473342,7770608.html abgerufen am 16. Februar 2015.
  41. zu dieser Thematik insgesamt: Jacob Leidenberger: Boulevardisierung von Fernsehnachrichten: Eine Inhaltsanalyse deutscher und französischer Hauptnachrichtensendungen. Springer-Verlag, 2014
  42. tagesschau.de: tagesschau 30.12.2013 20:00. In: tagesschau.de. Abgerufen am 22. Dezember 2016 (de-DE).
  43. tagesschau.de: tagesschau 30.12.2013 20:00 ab Sendeminute 02:30. In: tagesschau.de. Abgerufen am 22. Dezember 2016 (de-DE).
  44. tagesschau.de: tagesschau 30.12.2013 20:00. In: tagesschau.de. Abgerufen am 22. Dezember 2016 (de-DE).
  45. Alexander Becker: „Tagesschau“ verteidigt Schumi-Berichte › Meedia. 3. Januar 2014, abgerufen am 22. Dezember 2016.
  46. tagesschau.de: tagesschau 15.11.2014 20:00 Sendeminute 01:51. In: tagesschau.de. Abgerufen am 22. Dezember 2016 (de-DE).
  47. stefan-niggemeier.de
  48. spiegel.de
  49. Kritik an Putin-Meldung der "Tagesschau": "Man muss uns schon eine Menge Verbohrtheit unterstellen". In: spiegel.de. 17. November 2014, abgerufen am 15. März 2015.
  50. meedia.de
  51. tagesschau.de: tagesschau 11.01.2015 20:00. In: tagesschau.de. Abgerufen am 22. Dezember 2016 (de-DE).
  52. Blog von Stefan Niggemeier, abgerufen am 15. Januar 2015/
  53. Kommentar Marsch der Mächtigen - Kein Bad in der Menge. In: taz.de. 14. Januar 2015, abgerufen am 15. März 2015.
  54. tagesschau-Blog von Kai Gniffke, abgerufen am 15. Januar 2015/
  55. Focus: „Tagesschau“ und „Tagesthemen“: ARD räumt falsches Flüchtlingsbild ein, 19. Oktober 2015, abgerufen am 21. Oktober 2015.
  56. Junge Freiheit: ARD manipulierte Bericht über Lichterkette für Flüchtlinge, vom 21. Oktober 2015, abgerufen am 21. Oktober 2015.
  57. Köln und die verzögerte überregionale Berichterstattung: der Fehler im System › Meedia. 6. Januar 2016, abgerufen am 17. Dezember 2016.
  58. Wasserknappheit im Westjordanland: ARD wehrt sich gegen Kritik an „Tagesschau“-Beitrag und macht alles noch schlimmer › Meedia. 17. August 2016, abgerufen am 17. Dezember 2016.
  59. Mord in Freiburg: Innenausschuss-Vorsitzender kritisiert „Tagesschau“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 6. Dezember 2016, ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 17. Dezember 2016]).
  60. Wieso die "Tagesschau" nicht über den Mord in Freiburg berichtete › Meedia. 5. Dezember 2016, abgerufen am 17. Dezember 2016.
  61. ARD knickt ein! „Tagesthemen“ berichten jetzt doch über den Fall Maria L., Focus online, 5. Dezember 2016.
  62. Redaktion CHIP/DPA: Heftige Kritik an der "Tagesschau": Jetzt zieht die ARD Konsequenzen. In: CHIP Online. (chip.de [abgerufen am 16. Dezember 2016]).
  63. Marcus Klöckner: Gniffke: "Bei der Quantität der Zuschauerkritik sind wir Marktführer". In: Telepolis. Abgerufen am 16. Dezember 2016 (de-DE).
  64. Kritik an der Tagesschau. Wo der Zuschauer nur Zaungast ist. In: Spiegel Online. 30. September 2007.
  65. Die 15 Minuten. (Memento vom 8. Juni 2010 im Internet Archive) Rezension. In: Das Parlament. 9/2009.
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