Maldoror FlugSchriften

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Die Maldoror FlugSchriften sind eine Plattform zur Edition von Texten schwuler Autoren. Sie gingen aus einem überregionalen Treffen im Berliner SchwuZ im November 1978 hervor, das dem Austausch gemeinsamer Lektüre- und Schreiberfahrungen diente. Die Teilnehmer waren entschlossen, es nicht bei diesem einmaligen Kontakt bewenden zu lassen, sondern ihm weitere Treffen folgen zu lassen. Wozu es dann leider nicht mehr gekommen ist. Im Rahmen der schwulen Emanzipationsbewegung der 1970er Jahre, in der sie in ihrer überwiegenden Zahl beheimatet waren. Teilnehmer u.a. die Autoren Eberhard Bechtle, Peter Baschung, Reinhard von der Marwitz und Gerhard Hoffmann, sowie Rolf Stürmer und Bernd Gaiser und Manfred Semmelbauer, die alle mit eigenen Veröffentlichungen in Erscheinung getreten sind, und im Fall Hoffmanns und v.d. Marwitz, den Gründern des legendären Cafés Anderes Ufer und des Kultmagazins "Schwuchtel" in Berlin, auch mit einem eigenen Verlag, der unter dem Namen Albino heute noch existiert und wieder publiziert.

Einer der heute bekanntesten Autoren aus diesem Kreis, der sich mit zahlreichen Buchpublikationen einen Namen gemacht hat, ist der inzwischen verstorbene Autor Mario Wirz, dessen 1992 im Berliner Aufbau-Verlag erschienene Publikation Es ist spät, ich kann nicht atmen. Ein nächtlicher Bericht' seine Erfahrungen im Umgang mit seiner HIV-Infektion beschreibt. Zum Zeitpunkt des Treffpunkts des Workshops Schreibende Schwule (1978) ist er vor allem mit zahlreichen Gedichten in Erscheinung getreten. Aus diesem bundesweiten Treffen schwuler Autoren ist eine von der Berliner Sektion "SchwuLit" (Schwuler Literarischer Salon) erstellte und im gleichen Jahr veröffentliche Dokumentation hervorgegangen, bekannt unter dem Titel Schreibende Schwule. Workshop 18-21-Nov. 1978 in West-Berlin Einer losen unpaginierten Folge von Texten, Tagesbuchaufzeichnungen und Gedichten aus der Feder der teilnehmenden, damals überwiegend jüngeren Autoren. Die damaligen Herausgeber Bernd Gaiser, Nico Würtz und Lothar Voth haben sich durch die Arbeit und dem Umgang damit ermutigt erfahren, diese Publikation zum Anlass einer weiteren zu nehmen, die unter ihrer Herausgeberschaft und in Kooperation mit dem Verlag Rosa Winkel im darauffolgenden Jahr 1979 unter dem Titel Milchsilber. Wörter und Bilder von Schwulen erschienen ist, in Form einer Anthologie im Umfang von 220 Seiten, als einer Sammlung von Texten, Zeichnungen und Fotografien, die in der Nachfolge der 1977 von dem Publizisten Elmar Kraushaar im selben Verlag herausgegebene Anthologie Schwule Lyrik Schwule Prosa einen guten Überblick über die Befindlichkeit schwuler Autoren Ende der 1970er Jahre vermittelt, die im Rahmen ihrer Emanzipationsbewegung ein Selbstbewusstsein gewonnen haben, das in Berlin in dem im Juni 1979 erstmals veranstalteten Berliner CSD (Christopher Street Day) - begründet von Andreas Pareik (Mit-Herausgeber der "Berliner Schwulen Zeitung"), Bernd Gaiser u.v.a. einen vorläufigen Höhepunkt fand. Vor dem Hintergrund des von ihnen zum Ausdruck gebrachten schwulen Stolz auf der Grundlage der zentralen Forderung: Mach dein Schwulsein öffentlich.

Veröffentlichungen der Edition Maldoror FlugSchriften[Bearbeiten]

Die Veröffentlichungen der von Bernd Gaiser und Nico Würtz gemeinsam betreuten und herausgegebenen Texte junger schwuler Autoren erfolgte in kurzer Folge innerhalb eines überschaubaren zeitlichen Rahmens von anderthalb Jahren, zu ihrem überwiegenden Teil im Zeitraum 1980/1981:

1. Nico Würtz: Ich sind zwei mehr im KreisBerlin, 1980 Heft 1 der Reihe "Maldoror im Blauen Mond" einer losen, leporelloartigen Folge von lyrischen Texten und Illustrationen.

2. Eberhard Bechtle: ADA Teeblätter Comic Berlin, 1980, ein vom Autor getextete und gezeichnete Folge von Gedichten, Illustrationen und Collagen autobiografischen Charakters

3. Jürgen Baldiga: Breitseite Berlin, 1980, eine Folge lyrischer Texte und Collagen des damals gerade 20jährigen Autors, der sich später als bedeutender Fotograf und Chronist der queeren Community und Szene in Berlin einen Namen machte.

4. Peter Baschung: Sucking Boys Berlin, 1980, eine Folge lyrischer Texte und Zeichnungen des Autors, in denen er vor allem und in erster Linie um das eigenen schwule Selbst-Verständnis eines jungen Schweitzer Autors kreist.

5. Manfred Semmelbauer: Michael Berlin, Heft 2 der Reihe Maldoror im Blauen Mond, ein Poem und das Requiem auf den frühe Tod eines geliebten Menschen, um diesem damit ein Denkmal zu setzen.

6. Ebi Bechtle: Gedichte der Nacht erschienen ohne Seiten- und Jahresangabe ca. 1981 in einer Kooperation zwischen des Autors Selbstverlag Wald und Welt und den MaldororFlugSchriften. Die vom Autor im Fotokopierverfahren veröffentlichten Gedichte, die er auch als Römische Gedichte bezeichnet, sind das Ergebnis eines mehrwöchigen Aufenthalts in Rom und lassen eine Reife erkennen, die der konsequenten literarischen Weiterentwicklung des Autors zu verdanken ist. Der Höhepunkt seines leider viel zu früh vollendeten Schaffens ist anhand des 1991 posthum in der Marburger Basiliskenpresse erschienenen Band Die Umgebung der Welt. Mikrogeschichten nachvollziehbar.

7. Bernd Gaiser: Im Schatten des rosa Winkel oder Schwule erfinden das Glück Berlin, 2016, 240 S. Ein Revival und eine Wiedergeburt erfährt die Edition Maldoror FlugSchriften in dieser Publikation ihres Autors und Herausgebers, als einer Sammlung von belletristischen Texten und Geschichten aus dem Zeitraum der vierzig vergangenen Jahren. Als Ergebnis der damit verbundenen Selbstreflektion eines schwulen Alchemisten des Glücks, auf der Suche nach Orten schwuler Selbstverwirklichung und Konfusion. 8. Bernd Gaiser: Die Farben der Haut oder Orte schwuler Selbstverwirklichung und Konfusion, 2016, 228. S. Texte, Essays, Geschichten, Interviews aus 40 Jahren.. 9. Bernd Gaiser: Orte schwuler Selbstverwirklichung und Konfusion oder Schwule erfinden das Glück, 2. Aufl. 2017, 412 S. Vollständig überarbeitete und um ein Gedicht und Illustrationen erweiterte Gemeinschaftsausgabe von "Im Schatten des Rosa Winkel" und "Die Farben der Haut". 10. Nachtrag: Bernd Gaiser u.a.: "Schreibende Schwule. Workshop 18.-21. Nov. 1978 in West-Berlin" - Dokumentation - Verlag: Maldoror FlugSchriften 1979

Rückblick und Vorausschau[Bearbeiten]

Mit Ausnahme des Autors und Herausgebers der Reihe Bernd Gaiser, sind alle in ihr publizierten Autoren ab Mitte der 1980er Jahre an den Folgen einer HIV-Infektion gestorben. Mit Ausnahme des mit Gedichten hervorgetretenen Nico Würtz, der sich mittels an sich selbst vollzogenen Suizids für immer von uns verabschiedet hat. Insbesondere im Fall des damals, bei seinem Tod 26jährigen Eberhard Bechtle ist davon auszugehen, dass ihm eine glänzende literarische Zukunft beschieden gewesen wäre. Dessen Mikrogeschichten zu Beginn der 1990er Jahre auswahlweise in der im Münchener Hanser Verlag erscheinenden Zeitschrift Akzente abgedruckt wurden. Als Buchausgabe unter dem Titel "Die Umgebung der Welt. Mikrogeschichten" (Herausgabe und Nachwort: Bettina Augustin) 1991 im Marburger Verlag Basilisken-Presse erschienen. In seinem Fall hat die früh bereits diagnostizierte Krankheit Leukämie zur Beschleunigung des Verlaufs seiner HIV-Infektion und 1986 zu seinem frühen Tod beigetragen. Alle damit verbundenen Erfahrungen des Verlusts zahlreicher Freunde und Gefährten und der Trauer um sie haben dazu beigetragen, dass ein vielversprechendes Projekt wie die "MaldororFlugSchriften" keine Fortsetzung fand, sonder mit ihren leider viel zu früh verschiedenen Autoren in Vergessenheit geraten ist.

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