Kreatives Feld

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Die Theorie des Kreativen Feldes behauptet, dass überragende schöpferische Leistungen sehr viel öfter als wir es vermuten Ausdruck spezifisch konturierter sozialer und kultureller Umgebungen sind, die Burow (1999,2000; 2011) als Kreative Felder bezeichnet. Kreative Felder entstehen durch das Zusammenwirken von profilierten Persönlichkeiten, mit unterschiedlichen Fähigkeiten, die sich synergetisch ergänzen und so ein Kreatives Feld schaffen.

Die wesentlichen Elemente des kreativen Schaffens, nämlich die begabte Persönlichkeit, ein kreativer Schaffensprozess und das Produkt werden durch die Struktur des Felds in besonderer Weise organisiert. Kreative Felder sind durch eine dialogische Beziehungsstruktur (Dialog), durch ein gemeinsames Interesse (Produktorientierung bzw. gemeinsame Vision), durch eine Vielfalt unterschiedlicher Fähigkeitsprofile (Vielfalt und Personenzentrierung), durch eine Konzentration auf die Entfaltung der gemeinsamen Kreativität (Synergieprozess), durch eine gleichberechtigte Teilhabe ohne Bevormundung durch “Experten” (Partizipation) sowie durch ein kreativitätsförderndes soziales und ökologisches Umfeld (Nachhaltigkeit) charakterisiert. Mit diesen Begriffen sind zentrale Schlüsselkonzepte benannt, die zur Ausbildung eines Kreativen Feldes beitragen:

Schlüsselkonzepte zur Schaffung eines Kreativen Feldes

  1. Dialog
  2. Vision und Produktorientierung
  3. Vielfalt
  4. Personenzentrierung
  5. Synergieprozess
  6. Partizipation
  7. Nachhaltigkeit

Quelle: Burow 1999

Einführung[Bearbeiten]

Die Kreativitätsforscher Howard Gardner(1996) und Mihalyi Csikzentmihalyi (1997) haben ein Modell entwickelt, demzufolge überragende Schöpfer nur unter drei Bedingungen erfolgreich sind: Sie müssen über ein Talent verfügen, sich für eine geeignete Domäne oder Disziplin entscheiden und auf ein aufnahmebereites Feld der Kritiker bzw. anerkannter Autoritäten treffen. So war es, um ein Beispiel zu geben, Einsteins Glück, dass er sich für die Physik und nicht fürs Geigenspielen entschied, was er auch beherrschte. Mit seinem Geigenspiel hätte er nicht reüssieren können, aber im Fach Physik warteten die Fachautoritäten auf einen Antwort für das Problem das Einstein mit seiner Relativitätstheorie löste. Da das Feld vorbereitet war, konnte er auch als Außenseiter - er hatte keine Stelle an der Universität erhalten und arbeitete als Patentbeamter dritter Klasse - erstaunlich schnell Anerkennung finden. Kreativität ist also aus dieser Perspektive das Ergebnis einer Passung zwischen persönlichem Talent, der Wahl einer entwicklungsfähigen Disziplin und des Kontaktes zu aufgeschlossenen Autoritäten.

Burow kritisiert nun in der "Individualisierungsfalle", dass dieses Modell der schon von Kris & Kurz widerlegten "Künstler- bzw. Genielegende" verhaftet ist, insofern als das Modell die isolierte Einzelleistung überbewertet und übersieht, dass für das Zustandekommen überragender Leistungen ein Feld von Synergiepartnern notwendig ist. So war Einsteins Frau Physikerin und arbeitete er mit einem Kreis Göttinger Physiker zusammen.

Burow analysiert eine Reihe weiterer Fälle, die belegen, dass es Kreativität nur im Plural gibt. Am Beispiel der Entwicklung des Apple Personalcomputers durch die Kooperation von Steve Jobs und Steven Woszniak, sowie der Entwicklung der Musik der Beatles durch Lennon & McCartney zeigt er, wie solche Kreativen Felder aufgebaut sind, zu denen im Fall der Beatles nicht nur die übrigen Bandmitglieder, sondern auch der Manager Brian Epstein und der Arrangeur George Martin gehörten.

Konsequenzen für die Pädagogik und die Schulentwicklung[Bearbeiten]

Die Pointe der Theorie des Kreativen Feldes besteht in der These, dass wir alle über unsere persönlichen Begrenzungen herauswachsen können, wenn wir die passenden Synergiepartner finden, die unsere Schwächen ausgleichen. Die Schwächen sind nämlich Andockpunkte für Synergiepartner. Damit ergeben sich dramatisch Konsequenzen für eine "Positive Pädagogik" (Burow 2011), die sich auf die Herausarbeitung der Stärken von Lernenden konzentriert: Bildungseinrichtungen schauen zu sehr auf die Leistungen isolierter Individuen und übersehen dabei, dass das, was einer leistet, in hohem Maße von der sozialen Umgebung, seinen Peers bzw. seinem Team abhängt. Von daher sollten Bildungseinrichtungen ihre Schüler bzw. Studierenden aus der Vereinzelung befreien und darin unterstützen, Kreative Felder zu bilden, also Lernteams, in denen sie sich synergetisch ergänzen.

Bezogen auf die Entwicklung von Ganztagsschule haben Burow & Pauli (2006) ein Modell vorgelegt, wie sich Schule insgesamt von der Unterrichtsanstalt traditionellen Typs zu einem Kreativen Feld wandeln kann.

Konsequenzen für die Teambildung[Bearbeiten]

Stephan Bornemann hat eine Dissertation an der Universität Kassel vorgelegt, in der er zu den sieben Schlüsselelementen des Kreativen Feldes 21 Variablen ermittelt und ein Analyseinstrument entwickelt hat, mit dessen Hilfe er deren Einflussstärken messen und für die Gestaltung von Teambildungsprozessen nutzen kann.

Beim Betrachten dieses Teilszenarios der Variablen des Kreativen Feldes wird u.a. die Bedeutung der Unterschiedlichkeit der Handlungsstile deutlich. Diese Heterogenität von Teamtypen (Macher, Experte, Koordinator usw.) befördert die Möglichkeit Win-Win-Koalitionen zu vereinbaren. Diese fördern wiederum die Fähigkeit aller Beteiligten zu Presencing (Scharmer 2009). Ein Zuviel an Heterogenität vermindert aber diese Fähigkeit. Das liegt daran, dass zu große Unterschiede gemeinsame Innovationsprozesse zunächst behindern. Zuwenig Unterschiedlichkeit lässt jedoch keine synergetischen Beziehungen in Form von Win-Win-Koalitionen zu. Dieses Teilsezenario macht bereits deutlich, dass die Schlüsselelemente des Kreativen Feldes in einer optimierten Energiebalance zueinander stehen müssen, damit gemeinsames Schöpfertum befördert wird.

Das Kreative Feld Darwins[Bearbeiten]

Bornemann nutzt das von ihm entwickelte Messinstrument zur exemplarischen Analyse des Kreativen Feldes, das Darwin nutzte, um seine bahnbrechende Evolutionstheorie zu entwickeln.

Konsequenzen für die Modelle partizpativer Führung[Bearbeiten]

Kreative Felder folgen dem "Jazzbandmodell der Führung". Die Jazzband eignete sich als ausgezeichnetes Beispiel zur Beschreibung der Funktionsweise von Kreativen Feldern. In einer Jazzband kommen unterschiedliche Musiker zusammen, die Spezialisten auf ihrem Instrument sind. Ihr Zusammenspiel folgt den Variablen der Theorie des Kreativen Feldes: So einigen sie sich auf ein gemeinsames Thema, über das sie improvisieren (Produktorientierung); sie müssen dazu in der Lage sein aufeinander zu hören (Dialog); sie erzielen ihre Wirkung durch Wertschätzung von Vielfalt (Vielfalt); sie organisieren einen Prozess gegenseitiger Anregung und Herausforderung (Synergieprozess),und begegnen sich als unverwechselbare Originale (Personenzentrierung), wobei sie dafür sorgen, dass jeder einbezogen ist (Partizipation).

Forschungen zur "Creative Collaboration"[Bearbeiten]

Auch in der angloamerikanischen Literatur gibt es Forscher, die - wenn auch unter anderer Bezeichnung - auf das Phänomen des Kreativen Feldes gestoßen sind. So kommt der amerikanische Pädagogik Professor Keith Swayer in seinem Buch "Group Genius", in dem er "The Creative Power of Collaboration" untersucht, zu Schlussfolgerungen und Beispielen, die zentrale Thesen der Theorie des Kreativen Feldes stützen.

In die gleiche Richtung geht die Studie der Englischen Linguistik Professorin Vera John Steiner, die in ihrer Untersuchung "Creative Collaboration" eine Vielzahl von Beispielen für Synergiebeziehungen und den Effekt von Kreativen Feldern bei herausragenden Schöpfern der Moderne beschreibt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Bornemann S. (2012): Kooperation und Kollaboration.Das Kreative Feld als Weg zu innovativer Teamarbeit. Wiesbaden: VS-Verlag.
  • Burow, O.A. (1999): Die Individualisierungsfalle. Kreativität gibt es nur im Plural. Stuttgart: Klett-Cotta (vergriffen; download unter www.olaf-axel-burow.de).
  • Burow, O.A. (2000): Ich bin gut – wir sind besser. Erfolgsmodelle kreativer Gruppen. Stuttgart: Klett-Cotta.
  • Burow O.A. (2000): Kreative Felder. Das Erfolgsgeheimnis kreativer Persönlichkeiten. Manager Seminare Heft 35, S.23-29
  • Burow O.A. (2002): Die Band - ein Modell erfolgreicher Gruppenarbeit. In: Pädagogik 1, S.20-23.
  • Burow (2004): Wie Organisationen zu Kreativen Feldern werden: Das Jazzbandmodell der Führung und die Rolle der Improvisation. In: Zeitschrift für Supervision, 2/2004
  • Burow O.A. & Hinz H. (2005): Die Organisation als Kreatives Feld. Evolutionäre Personal- und Organisationsentwicklung. Kassel: University Press.
  • Burow O.A. & Pauli B. (2006): Ganztagsschule entwickeln. Von der Unterrichtsanstalt zum Kreativen Feld. Schwalbach/Ts.: Wochenschauverlag.
  • Burow, O.A. (2008): Bildwissen als Quelle wirksamer Personal- und Organisationsentwicklung. Wie die Organisation zum Kreativen Feld wird. In: Gruppendynamik und Organisationsentwicklung, Nr. 4.
  • Burow, O.A.(2011): Positive Pädagogik. Wege zu Schulglück und Lernfreude. Weinheim: Beltz 2011.
  • Csikzentmilalyi M. (1997): Kreativität.Stuttgart: Klett-Cotta.
  • Gardner H. (1996): So genial wie Einstein. Schlüssel zum kreativen Denken. Stuttgart: Klett-Cotta.
  • Kris E. & Kurz O. (1995): Die Legende vom Künstler. Ein geschichtlicher Versuch. Frankfurt: Suhrkamp.
  • Sawyer K. (2007): Group Genius. The Creative Power of Collaboration. New York: Basic Books.
  • Scharmer C.O. (2009): Theorie U. Von der Zukunft her führen. Heidelberg: Carl-Auer Verlag.
  • Steiner V.J. (2000): Creative Collaboration. Oxford: Oxford University Press.

Weblinks[Bearbeiten]

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