Joachim Keil

Aus MARJORIE-WIKI
Wechseln zu: Navigation, Suche

Joachim Keil (* 30. Oktober 1966 in Heidelberg) hat durch seine Tätigkeiten in den 1990ern die musikalische und strukturelle Entwicklung der elektronischen Tanzmusik über Jahre mit geprägt. Speziell der von ihm initiierte Aufbau internationaler Vertriebs- und Vermarktungsstrukturen war für die elektronische Musikszene und deren Künstler von großer Bedeutung, weil sie dadurch international wesentlich besser wahrgenommen werden konnten. Aktuell steht er für das Aufbrechen der klassischen Zeitfenster bei der Filmvermarktung und untermauert dies zum einen durch praktisch selbst angewandte neue Vermarktungsstrategien bei neuen Filmen, zum anderen durch Vorträge und Diskussionsbeiträge auf öffentlichen Veranstaltungen und Filmfestivals.

Werdegang[Bearbeiten]

Im Jahr 1992 gründete er zusammen mit Horst Abel und Konrad Best die Under Cover Musik Agentur mit Sitz in Neckargemünd. Die ersten Labels der jungen Firma waren Time unlimited, Noom Records (A&R Commander Tom), Smokin' Drum (A&R Bassface Sascha), Plastic City (A&R Alexander Hendorf), Phuture Wax (A&R Tom Wax) sowie UCA Recods. 1995 wurde aus der Agentur heraus die Under Cover Music Group GmbH & Co. KG (UCMG) gegründet. Noch im selben Jahr gründete er zusammen mit Ralf Reichert die Vertriebsfirma Intergroove in Frankfurt sowie mit jeweils lokalen Partnern in London und New York Tochterfirmen der Under Cover Music Group. In den darauf folgenden Jahren expandierte die Firma in weitere Ländern, so dass Ende 2000 die Firmengruppe in acht Ländern (Deutschland, England, Frankreich, Ungarn, Norwegen, Dänemark, USA und Brasilien) aktiv war. Die Firmengruppe umfasste eigene Schallplattenfirmen (UCMG), Vertriebe (Intergroove), Pressargenturen (Cutgroove), Verlage (UCM publishing) und Internet-/Softwareunternehmen (z.b. Prosoniq), wobei die Firmen meist das jeweilige Land, in dem das Büro lag, direkt mit im Firmennamen aufnahmen (z.b. UCMG UK, Intergroove US). Im Jahr 2001 war er federführend für die Umwandlung der Under Cover Music Group GmbH & Co. KG in die UCMG Europe AG verantwortlich. Er übernahm in der neuen Firmierung in Europa die Aufgabe des CEO, während er bei der UCMG USA nach wie vor die Position des President besetzte. Seine Strategie war es, möglichst alle Stationen der Wertschöpfungskette unter einem Dach zu vereinen. In der Folge unterschrieben immer größere und bekanntere Künstler bei der UCMG (u.a. Hardfloor, De-Phazz, Bad Meets Evil feat. Eminem, Kool & The Gang, Paris Red, Timo Maas, Oliver Lieb), während sich immer bekanntere Labels über Intergroove vertrieben ließen (u.a. Alphabet City, No Respect, Liquid Records, Cocoon Recordings, Hope Recordings, Great Stuff, Get Physical).

Nach der Umfirmierung der UCMG sollten als nächster Schritt in 2002 die komplette Fusion mit Intergroove vollzogen werden. In der Folge sollte in Haarlem (Holland) ein europäischen Zentrallager errichtet werden. Die Pläne dafür waren fertig und die Umsetzung wurde gerade angegangen, doch konnten diese Ziele nicht mehr final umgesetzt werden. Durch den Anschlag auf das World Trade Center in New York am 11. November 2001 und die dadurch resultierenden Schwierigkeiten, die sich durch die enge Vernetzung aller beteiligten Firmen schnell auch nach Europa ausweiteten, wurde die weitere Zentralisierung der Firmengruppe ausgesetzt. Mitte 2002 wurde Joachim Keil klar, dass die Verantwortlichen bei Intergroove in Deutschland und England nicht mehr an der Fortsetzung des Aufbaus des geplanten Zentrallagers in Holland festhalten wollten. Daraufhin verkaufte die UCMG unter seiner Führung die Anteile an den Intergroove-Firmen und gründete kurz darauf einen neuen Vertrieb (Fine Audio Distribution). In den USA kaufte er die restlichen Anteile, die der UCMG bisher nicht gehörten, auf und firmierte den dortigen Vertrieb Intergroove ebenfalls in Fine Audio Distribution US um. Obwohl die neue Vertriebsstruktur schnell funktionierte und somit die Lücke, die Intergroove hinterlassen hatte, erfolgreich wieder geschlossen werden konnte, musste die UCMG Europe AG sowie einige Tochterfirmen Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten im April 2003 Insolvenz anmelden.

Seit Frühjahr 2004 leitet Joachim Keil die neu gegründete daredo GmbH mit Sitz in Mannheim. Diese Firma konnte auch zu einem etwas späteren Zeitpunkt die ehemaligen Rechte der UCMG-Gruppe erwerben, nachdem diese zwischendurch bei der Firma HoloPhon lagen[1]. Die neue Firma wurde von Ihm stark auf Online-Vermarktung ausgelegt. Neben den klassischen Vertriebswegen startete er daher einen eigenen digitalen Vertrieb unter dem Namen digedo. In dem Zusammenhang wurde während dem Aufbau des digitalen Vertriebes auch die technische Dienstleistungsfirma deeep.net aus Hamburg übernommen, um die digitale Vertriebstätigkeit mit eigener Technik bewältigen zu können. Im Laufe der Zeit gelang es Ihm, nicht nur die alten UCMG-Künstler (u.a. Yonderboi, Naomi, Alphawezen, Lemongrass, Terry Lee Brown Junior, The Timewriter) wieder an die neue Firma zu binden, sondern zum einen neue Künstler zu entdecken und aufzubauen (u.a. Khoiba, Wax Tailor, Alex Flatner, Forteba, The Lushlife Project), zum anderen schon bekannte Künstler unter Vertrag zu nehmen (u.a. Jesper Dahlbäck, Zoo Brazil, moodorama, Der Dritte Raum, Andry Nalin, Martin Stosch, Ohm-Square, Joey Beltram). Heute ist die Firma daredo eine der bekannten deutschen Medienfirmen, die u.a. die Chartscompilation "sunshine live" in Kooperation mit dem Radiosender sunshine live vierteljährlich veröffentlicht und jedes Jahr diverse Künstler in den Charts platziert.

Ab 2009 schaltete er sich auf mehreren Podiumsdiskussionen u.a. bei den Medientagen München oder beim Forum Berlin der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Thema Kulturflatrate ein. Auslöser war ein Artikel von ihm in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unter dem Thema "Die Musikindustrie sieht ihrer eigenen Enteignung zu"[2]. In diesem Artikel vertritt er die Auffassung, dass die Regeln des deutschen Urheberrechts bei Privatpersonen faktisch nicht mehr im Bewusstsein vorhanden sind. Er plädiert daher für ein Umdenken in Richtung Flatrate-Angebote. Dies sieht er zudem als einzige Möglichkeit an, der fortschreitenden Piraterie effektiv entgegenzutreten.

In der Folge vertrat er zudem die Auffassung, dass die einzelnen Medien Musik, Film und Bücher im Rahmen der Digitalisierung enger zusammenwachsen, da die unterschiedlichen Träger in der digitalen Welt keine Rolle mehr spielen: Musik wird immer mehr über audiovisuelle Medien wie Musikvideos vermarktet, Filme werden flankiert von Soundtracks und in eBooks können zusätzlich die Audiobooks mit integriert werden. Er entwickelte den Begriff der Intermedialen Vermarktung[3], der zum einen das Zusammenspiel verschiedener Medien berücksichtigt, zum anderen die verschiedenen Vermarktungsmöglichkeiten für ein Produkt in einen zeitlich und finanziell abgestimmten Vermarktungsplan zusammenfasst. Diesen neuen Vermarktungsansatz, der auch beinhaltet, dass es Hauptziel eines jeden Medienvermarkters sein muss, seine Inhalte unter Berücksichtigung von vorher festgelegten Zeitfenstern überall und jederzeit verfügbar zu machen, präsentierte er daraufhin bei diversen Vorträgen und Podiumsdiskussionen wie z.B. beim Future Music Camp der Popakademie Baden-Württemberg[4] in Mannheim und dem Digital Production Challenge[5] in Berlin. Diese Überlegungen flossen konsequenterweise auch bei einer Neuausrichtung der Firma daredo ein. Sie erweiterte die bisherigen Geschäftsfelder Musik und "technische Dienstleistungen" um die Bereiche Film und eBooks. Zu diesem Zweck wurde auch ein eigener Kinoverleih sowie ein physischer und digitaler Filmvertrieb aufgebaut. daredo vermarktet seitdem unter der Federführung von Joachim Keil neben Musikveröffentlichungen auch deutsche Independent-Filme wie Familienfieber (von Nico Sommer), Kaptn Oskar (von Tom Lass) und HomeSick (von Jakob M. Erwa). Zudem werden neue internationale Filme wie Sharknado 3, Avengers Grimm und Gefährliche Leidenschaft – Wuthering High im deutschsprachigen Raum veröffentlicht.

In 2014 war er auch maßgeblich daran beteiligt, dass der Film Love Steaks (von Jakob Lass) als erster Film bei daredo bundesweit in die Kinos kam, wobei dieser sofort in die Top 30 der deutschen Kinocharts einstieg und für den Deutschen Filmpreis LOLA der Deutschen Filmakademie zusammen mit Filmen wie Fack ju Göhte oder Finsterworld nominiert wurde. Der Film Love Steaks sorgte dabei für einen großen Wirbel in der Filmbranche, weil der Film neben Preisen auf anderen Filmfestivals wie z.B. dem Max Ophüls Preis 2014[6] auch in allen vier Kategorien des Förderpreises Neues Deutsches Kino beim Filmfest München für die beste Regie, die beste Produktion, das beste Drehbuch und das beste Schauspiel[7] gewann, obwohl der Film gar kein Drehbuch hatte, sondern die Technik der Improvisation in Form eines dramaturgisches Skeletts ohne vorgeschriebene Dialoge bevorzugte[8]. Bei der Herausbringung von Love Steaks sollte ursprünglich erstmals das Konzept der Intermedialen Vermarktung in seiner ganzen Bandbreite angewandt werden. Der Plan sah vor, dass der Film auch als VOD-Angebot auf den jeweiligen Webseiten der Kinos, die den Film zeigen, gegen Bezahlung abrufbar sein sollte. Aufgrund einer zu großen Gegenwehr der Arbeitsgemeinschaft Kino – Gilde deutscher Filmkunsttheater, die befürchtete, dass dies die bisherigen Auswertungsfenster-Regelungen aufweichen würde, wurde jedoch letztlich darauf verzichtet. Erreicht wurde dadurch jedoch, dass die Diskussion über die nötigen Veränderungen bei der Vermarktung von Kinofilmen in Deutschland, die bis heute andauert, befeuert wurde.

Neben seiner Tätigkeit bei daredo hält Joachim Keil auf Konferenzen und bei Abendveranstaltungen Vorträge zu den Themen Urheberrecht, digitale Vermarktung sowie intermediale Veröffentlichungsstrategien und ist auf internationalen Filmfestivals wie z.B. das Filmfestival Locarno (Schweiz) oder das Filmfestival San Sebastián (Spanien)[9] als Referent oder auf dem Podium zu finden.

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Aus Mole Music wird Holophon. 23. April 2004, abgerufen am 27. September 2015.
  2. Die Musikindustrie sieht ihrer eigenen Enteignung zu – Artikel von Joachim Keil in der FAZ. 9. Juni 2009, abgerufen am 27. September 2015.
  3. Intermediale Vermarktung - daredo media. 12. Juni 2015, abgerufen am 27. September 2015.
  4. Intermediale Vermarktung von Medien in der Post-Download-Ära - Future Music Camp / Popakademie Baden-Württemberg. 23. April 2015, abgerufen am 27. September 2015.
  5. Theatrical 2.0 – The Challenges of Finding New Distribution Schemes for the Black Box (englisch). 23. November 2014, abgerufen am 27. September 2015.
  6. Die Preisträger 2014 - Max-Orphüls-Preis. 24. Januar 2014, abgerufen am 27. September 2015.
  7. Preise und Preisträger 2013 - Filmfest München. 5. Juli 2013, abgerufen am 27. September 2015.
  8. Förderpreis Filmfest München: Ein sehr einsamer Gewinner - Spiegel Online. 6. Juli 2013, abgerufen am 27. September 2015.
  9. San Sebastián Round Table Focuses on Legal Online - Artikel von Emilio Mayorga auf Variety.com (englisch). 21. September 2015, abgerufen am 27. September 2015.
Info Sign.svg Dieser Wikipedia-Artikel wurde, gemäß GFDL, CC-by-sa mit der kompletten History importiert.