Hermann Kraut

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Hermann Kraut (* 31. März 1906 in Weinheim/Bergstraße) war als SS-Hauptsturmführer (SS Nr. 308 176) und Kriminalkommissar Angehöriger der Geheimen Staatspolizei (Gestapo). Von 1933 bis 1945 versah er seinen Dienst in der Gestapo. Bei der Staatspolizeileitstelle Karlsruhe leitete er von 1941 bis 1945 die Abteilung N (Nachrichten).

Werdegang[Bearbeiten]

Nach der Volksschule besuchte er ein Realgymnasium. Schon im Alter von 17 Jahren, also im Jahre 1923, suchte er Kontakte zur NSDAP in München. Nach seiner eigenen Aussage will er am Hitlerputsch[1] am 9. November 1923 teilgenommen haben. Nach dem Verbot der NSDAP gehörte er dem Schlageterbund[2] an, der im badischen Raum am 17. Oktober 1924 von dem späteren Gauleiter Robert Wagner[3] als NS-Ersatz gegründet wurde. Michael Stolle gibt an[4], dass Kraut auch der Vereinigung „Freischar Damm“ angehört haben soll, der sich 1920 in Nordbaden bildete und 1921 wieder aufgelöst worden ist[5]. Michael Stolle gibt dagegen an, dass Kraut von 1923 bis 1933 dem „Freikorps Damm“ angehört haben soll[6]

Nach dem Abschluss auf dem Realgymnasium wollte er ein Ingenieurstudium beginnen. Finanzielle Gründe aber führten 1925 zum Abbruch des Studiums. So wandte er sich der Lehre eines Uhrmachers zu. Die schweren wirtschaftlichen Verhältnisse führten zu wechselnden Beschäftigungen. Selbst als Uhrmacher konnte er nicht fortwährend arbeiten. In Weinheim gehörte er zu den Mitbegründern der Ortsgruppe der NSDAP. Seit dem 1. Dezember 1928 war er Mitglied in der NSDAP.

Dienst bei der Gestapo[Bearbeiten]

Am 20. November 1933 kam er als Polizeianwärter zur Staatspolizeistelle Mannheim[7]. Von November 1933 bis Mai 1934 wurde er zur Gestapo nach Karlsruhe kommandiert, wo er in der Abwehrabteilung eingesetzt wurde. Im Jahre 1934 erfolgte seine Ernennung zum Kriminalassistenten. In der Abteilung der Abwehr war er bei der Gestapo in Mannheim von 1934 bis 1939 tätig. Im Jahre 1936 wurde er zum Kriminaloberassistenten befördert. Mitglied in der SS wurde er am 1. Juni 1938.

Von 1939/1940 besuchte er für sechs Monate einen Lehrgang für Kriminalkommissaranwärter auf der Führerschule der Sicherheitspolizei in Fürstenberg. Es folgte von 1940 bis 1941 sein Einsatz als stellvertretender Leiter der Spionageabwehr bei der Gestapo Karlsruhe. Zum Kriminalkommissar wurde er im März 1941 ernannt. Von 1941 bis 1945 führte er die Nachrichtenabteilung (Abteilung N) in Karlsruhe.

Nachkriegszeit[Bearbeiten]

Vom 3. Mai 1945 bis zum 9. April 1948 dauerte seine Haft durch die französische Besatzungsmacht, wobei ihm die Flucht aus der Haft gelang. Im Entnazifizierungsverfahren wurde er am 5. November 1948 von der Spruchkammer Karlsruhe als Minderbelasteter eingestuft. Als er später dagegen in Berufung ging, wurde das Verfahren wegen der Heimkehreramnestie eingestellt.

Gescheiterte Rehabilitierung[Bearbeiten]

Der Versuch, eine Rehabilitierung nach dem 131-Gesetz[8] zu erreichen, schlug aber fehl. Er konnte weder seine Laufbahn bei der Gestapo auf einen Fall als „Quereinsteiger“, noch darauf ausweichen, zur Gestapo „amtlich“ verwiesen zu sein.[9] Immer wieder ging er gegen den Bescheid in Revision. Zuerst versuchte er es mit der bei Gestapo-Leuten vorgebrachten Methode, seine Aufgaben bei der Gestapo wären nicht politisch gewesen. Die Nachrichten-Abteilung hätte eigentlich nicht zum regulären Betrieb der Gestapo gehört. Doch diese Methode der Argumentation wurde durch das Bundesverfassungsgericht in der Entscheidung vom 19. Februar 1957 nichtig. In dem Urteil stellte das Gericht fest, für die Zugehörigkeit zur Gestapo wäre es unerheblich, in welcher Dienststellung und in welcher Funktion ein Angehöriger der Gestapo tätig gewesen sei.

Nach dem Scheitern dieser Methode legte sich Krauter auf eine Argumentation fest, dass die badische Gestapo kein eigentlicher Teil der Reichs-Gestapo gewesen sei. Vielmehr habe sich die badische Gestapo vom Aufbau und Funktion her von der preußischen Gestapo unterschieden. Damit – so Kraut – wäre die Eingliederung der badischen Gestapo in die Reichs-Gestapo einer „Versetzung von Amts wegen gleichzusetzen“, wie er sich in einem Revisionsschreiben vom 23. Juni 1958 verteidigte. Doch auch diese Strategie sollte scheitern.

Das Innenministerium von Baden-Württemberg hatte nämlich festgestellt, dass der Stichtag der Entstehung der badischen Gestapo auf den 1. September 1933 festzusetzen sei. Auch der Verfasser des Gestapo-Gesetzes August Schneider (1891–1969) und Leiter der politischen Polizei in Baden während der Weimarer Republik hatte gezeigt, dass die badische Gestapo schon früh mit den gleichen Aufgaben handelte wie die Reichs-Gestapo. Weiterhin hatte man im Bundesinnenministerium in einer Feststellung vom 6. Oktober 1953 festgestellt, dass es in allen Ländern des Deutschen Reiches Gestapo-Stellen gegeben habe.[10]

Endgültig scheiterte das Revisionsverfahren von Kraut vor dem Bundesverwaltungsgericht am 10. November 1960 mit folgender Feststellung:

„Aber auch nach Organisation und Aufgabenstellung glich das Badische Geheime Staatspolizeiamt[11][12] mit seinen Vollzugsorganen weitgehend den Dienststellen der späteren reichseinheitlich organisierten Geheimen Staatspolizei (…) Für eine einheitliche, mit den politischen Polizeien der Länder übereinstimmende Praxis war organisatorisch dafür Sorge getragen, dass der RFSS[13] Heinrich Himmler zum politischen Polizeikommandeur auch im Lande Baden alsbald nach der Bildung der Geheimen Staatspolizei ernannt wurde (…) Die Bildung eine reichseinheitlichen Gestapo im Jahr 1936 vollzog sich nicht etwa in der Weise, dass neue, von der Organisation der politischen Polizeien der Länder losgelöste Einrichtungen geschaffen wurden.“

Kraut blieb nun nur noch übrig, sich einen Unterhalt durch ein Geschäft als Uhrmacher in seinem Heimatort Weinheim zu verdienen. Seit Jugend an hatte Kraut politisch eine stark rechtskonservative, völkische und antisemitische Haltung eingenommen. Auch nach der Niederlage des NS-Regimes nach 1945 änderte dies nichts an seinen Urteilen. Selbst im Entnazifizierungsverfahren nach 1948 äußerte er ohne Skrupel, dass „die Lösung der jüdischen Frage nicht in Teilfraktionen“, sondern nur als „Weltproblem“ zu lösen sei.[4]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hitlerputsch in der deutschsprachigen Wikipedia
  2. Hinweis auf den Namensgeber des Schlageterbundes
  3. Robert Wagner in der deutschsprachigen Wikipedia
  4. 4,0 4,1 Michael Stolle: Die Geheime Staatspolizei in Baden: Personal, Organisation, Wirkung und Nachwirken einer regionalen Verfolgungsbehörde im Dritten Reich (= Forschungsstelle Widerstand gegen den Nationalsozialismus im deutschen Südwesten der Universität Karlsruhe [Hrsg.]: Karlsruher Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus. Nr. 6). UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2001, ISBN 978-3-89669-820-9, S. 123.
  5. Handbuch der baden-württembergischen Geschichte. Die Länder seit 1918. Band 4. Klett-Cotta, Stuttgart 2003, ISBN 3-608-91468-4, S. 50 (939 S., eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche – Informationen über die Freischar Damm als paramilitärischer Verband).
  6. Michael Stolle: Die Geheime Staatspolizei in Baden: Personal, Organisation, Wirkung und Nachwirken einer regionalen Verfolgungsbehörde im Dritten Reich (= Forschungsstelle Widerstand gegen den Nationalsozialismus im deutschen Südwesten der Universität Karlsruhe [Hrsg.]: Karlsruher Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus. Nr. 6). UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2001, ISBN 978-3-89669-820-9, S. 357.
  7. offiziell auch bezeichnet als: Landeskriminalstelle - Geheime Staatspolizei
  8. Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der unter Artikel 131 des Grundgesetzes fallenden Personen in der deutschsprachigen Wikipedia
  9. Michael Stolle: Die Geheime Staatspolizei in Baden: Personal, Organisation, Wirkung und Nachwirken einer regionalen Verfolgungsbehörde im Dritten Reich (= Forschungsstelle Widerstand gegen den Nationalsozialismus im deutschen Südwesten der Universität Karlsruhe [Hrsg.]: Karlsruher Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus. Nr. 6). UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2001, ISBN 978-3-89669-820-9, S. 327–328.
  10. Michael Stolle: Die Geheime Staatspolizei in Baden: Personal, Organisation, Wirkung und Nachwirken einer regionalen Verfolgungsbehörde im Dritten Reich (= Forschungsstelle Widerstand gegen den Nationalsozialismus im deutschen Südwesten der Universität Karlsruhe [Hrsg.]: Karlsruher Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus. Nr. 6). UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2001, ISBN 978-3-89669-820-9, S. 330 passim.
  11. Geheimes Staaspolizeiamt Karlsruhe in der deutschsprachigen Wikipedia
  12. das Geheime Staaatspolizeiamt Karlsruhe war der Vorläufer der daraus hervorgegangenen Staatspolizeileitstelle Karlsruhe
  13. RFSS: Reichsführer SS
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