Helmut Schiller

Aus MARJORIE-WIKI
Wechseln zu: Navigation, Suche
Merge-split-transwiki default 2.svg In der Wikipedia existiert ein Artikel unter gleichem Lemma, der jedoch von diesem in Art und/oder Umfang abweicht.

Helmut Schiller (* 24. November 1938 in Jena) ist ein deutschsprachiger Autor.

Inhaltsverzeichnis

Herkunft[Bearbeiten]

H. S. wuchs im thüringischen Jena auf, einst ein Zentrum deutscher Klassik und Romantik, geprägt auch von Natur- und Geisteswissenschaft, hochentwickelter Industrie und modernen sozialpolitischen Ideen. Er aber wurde 1938 quasi in den bevorstehenden Zweiten Weltkrieg hineingeboren, den er als Bombenkrieg traumatisch erlebte. Seine Großväter (beide konnte er nicht kennenlernen) gehörten zu jener Generation von Männern, die als Familienväter in die Massaker des Ersten Weltkriegs getrieben worden waren. Sein Vater, Schriftsetzer wie einst dessen Vater, überlebte den Zweiten Weltkrieg, aber die Eltern, beide aus der linken Arbeiterjugend und Hitlergegner, ließen sich 1945 scheiden - das nächste traumatische Erlebnis des Jungen. Seine Schulzeit (1945 bis 1957) fiel in die Jahre der sowjetischen Besatzung, des Nachkriegsmangels und des Wiederaufbaus in der frühen DDR. Der Sohn folgte optimistisch den Überzeugungen seiner Mutter (Beruf Kinderpflegerin, Tätigkeit Kaderleiterin, SED-Funktionärin), spürte aber als Jugendlicher bereits Bevormundung, Einengung und Verluste. Seine Jugendliebe folgte unter Druck der Behörden noch vor dem Abitur ihren Eltern in den Westen.

zerrissener Werdegang[Bearbeiten]

H. S. erlebte 1957/58 das erste Jahr des Philosophiestudiums in Berlin in jener Phase, in der die Philosophische Fakultät der Humboldt-Universität in eine Art Parteiinstitut der SED umgewandelt wurde. Selbst schon auf dem Weg in diese Partei, fand er die intolerante, von Ideologie beherrschte Atmosphäre unerträglich und meldete sich kurzerhand zur Armee, nur um dort wegzukommen. In der Kaserne empfand er sich als Beobachter und begann zu schreiben. Danach wiederholten sich seine Berliner Erfahrungen 1960 an der Fakultät für Journalistik der Uni Leipzig und er verließ zusammen mit einem Studienfreund (dem späteren Schriftsteller Harald Gerlach, zu dieser Zeit noch Harald Schnieber) die DDR. Sie trampten mit unklarem Ziel durch einige Länder Westeuropas. Die damalige Bundesrepublik, die beide Abenteurer als „Altnazi-Staat und Kirchenstaat“ empfanden, war von Anfang an nicht ihr Ziel gewesen. So landeten sie noch vor dem Mauerbau wieder im Osten mit der Illusion baldiger Demokratisierung, arbeiteten in einer Kiesgrube des Erfurter Baukombinats, danach trennten sich ihre Wege. H. S. arbeitete bis 1965 in einem kleinen medizinisch-naturwissenschaftlichen Verlag in Jena, bewarb sich noch einmal an der Uni Leipzig, wurde Lehrer.

neue Sichtweise[Bearbeiten]

Von 1969 an wurde sein Leben bestimmt vom anstrengenden Schulalltag und anderen, sehr praktischen Lebensproblemen: Heirat, Kind, Wohnungssuche, Scheidung - und das nicht nur einmal. Zum Schreiben blieb kein Raum, aber Lebensstoff häufte sich an. Im Winter 1971 entstanden erstmals wieder wenige kleine literarische Texte und Entwürfe, Prosa und Lyrik, nichts zur Veröffentlichung, darunter eine Erinnerung an seine Jugendliebe. Seine Erfahrungen der ersten Ehe, die in einer Katastrophe endete, legten ihm im Kleinen die großen Abgründe des Lebens frei. Da lag der Stoff für Literatur. Er findet diese menschlichen Makel auch in seiner Lektüre - und bei sich selbst. Vor allem liest er die großen Amerikaner. Seine Sichtweise des Daseins findet er am ehesten jedoch bei dem Franzosen Albert Camus und dessen Mythos von Sisyphos Ein Versuch über das Absurde: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ Und er verinnerlicht den Satz von Jean-Paul Sartre aus Die Wörter: „Die Kultur vermag nichts und niemanden zu erretten, sie rechtfertigt auch nicht. Aber sie ist ein Erzeugnis des Menschen, worin er sich projiziert und wiedererkennt; allein dieser kritische Spiegel gibt ihm sein eigenes Bild.“

Schreiben[Bearbeiten]

In den siebziger Jahren hat er endgültig mit der DDR abgeschlossen, lebt abwartend und abgeklärt. 1986 gibt er den Lehrerberuf auf, arbeitet zunächst als Hilfskraft in der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig und schreibt den Roman Antonias Vater (Berlin 1989). Kontakt zu anderen Autoren und deren Verbänden meidet er. Nach der Wende leitet er die Wissenschaftliche Bibliothek dieser Bücherei und schreibt in deren Auftrag und nach seiner Fasson die Dokumentation zur deren Geschichte: 100 Jahre DZB - Die wechselvolle Geschichte der ersten deutschen Blindenbücherei (Leipzig 1994).

die Romane[Bearbeiten]

In seinen drei Romanen projiziert er die fiktiven männlichen Hauptfiguren aus sich selbst heraus. In Antonias Vater ist es der Johannes Krohn. H. S. bekommt für dieses Buch, das die Lektorin Renate Saavedra im damaligen Buchverlag Der Morgen Berlin begleitet hatte, einen Platz im einjährigen Sonderkurs für Autoren 1989/90 am Leipziger Literaturinstitut, verbunden mit einem Fördergeld. Dort trifft H. S. auf die Autorin Christa Gießler, die später sein Manuskript Petting liest. Der Roman erscheint 1999 in Berlin. Kurz darauf ist der Verlag am Park (Edition Ost) insolvent und wird übernommen, H. S. holt sich die Rechte zurück. Eine überarbeitete und gekürzte Neuauflage erscheint als Die kleinen Reisen des Achim Ansberg im FischerLautner-Verlag, (Ditzingen 2011). Im Roman Aufsteigende Mädchengeister, den er noch in Leipzig schreibt, verwendet H. S. die Ballett-Version eines von Heinrich Heine ausgegrabenen Stoffes (Giselle) für die Geschichte des Sebastian Holm, eines älteren Mannes, der sich, weil sein Leben zu verschwinden scheint, mit jungen Frauen umgibt. Dabei öffnet der Autor mit dieser Figur und einigen skurrilen Nebenfiguren eine eigenwillige Sicht auf die um 1989 aktuellen, heute historischen Ereignisse, gewissermaßen ein Psychogramm dieser Zeit.

Neuanfang im Alter[Bearbeiten]

2006 verlässt Schiller nach über vierzig Jahren Leipzig - zieht zu seiner einstigen Jugendliebe nach Gerlingen bei Stuttgart. Dort entdeckt er in der Stuttgarter Zeitung ein Foto von Christa Gießler, die jetzt Fischer heißt, ganz in der Nähe wohnt und zusammen mit Rolf Lautner seit 2004 einen kleinen Verlag nebenan in Ditzingen führt. Noch eine Überraschung: Seine Halbschwester aus der zweiten Ehe seines Vaters findet nach einiger Suche den schreibenden Halbbruder, schickt ihm aus der Gegend um Berlin Dokumente seiner Schiller-Großeltern aus der Zeit des Ersten Weltkrieges - eine erschütternde Geschichte, die er nur aus der Sütterlin-Schrift übertragen und ein wenig kommentieren muss. Eine Liebe im Krieg Wie ich meine Großeltern Alfred und Josefa Schiller kennenlernte (FischerLautner-Verlag, Ditzingen, 2010). Das Schreiben wird also neu beflügelt, auch die “Mädchengeister” steigen aus den Gräbern - aus der Schublade des Autors. Der Roman erscheint 2011 bei Fischer Lautner. H. S. fühlt sich gut in Gerlingen und jetzt im Alter hat er auch Zeit zum Schreiben. Ein oder zwei Bücher könnten noch kommen, meint er, er sei ja erst dreiundsiebzig.

Werke[Bearbeiten]

  • Antonias Vater (Buchverlag Der Morgen Berlin, 1989), Roman
  • Eine Liebe im Krieg - Wie ich meine Großeltern Alfred und Josefa Schiller kennenlernte (FischerLautner-Verlag Ditzingen, 2010), Erzählung
  • Aufsteigende Mädchengeister (FischerLautner-Verlag Ditzingen, 2011), Roman
  • Die kleinen Reisen des Achim Ansberg (FischerLautner-Verlag Ditzingen, 2011), Roman

Weblinks[Bearbeiten]

  Dieser Wikipedia-Artikel wurde, gemäß GFDL, CC-by-sa mit der kompletten History importiert.