Halluzinationalsozialismus

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Hörspieldaten
Titel: Halluzinationalsozialismus
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2005-2006
Länge: 22 Minuten
Produzent: Kommissar Hjuler und Mama Bär
Mitwirkende
Autor: Kommissar Hjuler und Mama Bär
Regie: Kommissar Hjuler und Mama Bär

Halluzinationalsozialismus ist ein Hörspiel des Künstlerpaars Kommissar Hjuler und Mama Bär. Der Produktionszeitraum kann nicht genau festgelegt werden, sondern bleibt mit der Angabe 2005-2006 nur vage bestimmt. Das Hörspiel mit der Katalognummer SHMF - 037 erschien zunächst auf CD-R, limitiert auf 18 Exemplare. Es folgte eine weitere Veröffentlichung auf handgeschnittenem Vinyl, welche auf 27 Exemplare limitiert war (SHMF – 037re). Das Hörspiel setzt sich mit dem Nationalsozialimus auseinander und führt diesen ad absurdum.

Aufbau und Inhalt[Bearbeiten]

Das Hörspiel ist in seinem Aufbau sehr offen gehalten, es gibt zwar eine Haupthandlung, die einen versuchten Anschlag auf Adolf Hitler thematisiert, doch wird diese durch traumähnliche und fremdsprachliche Elemente immer wieder durchbrochen. Der Sprecher organisiert den Anschlag, den er und seine Gruppe, die er „das Wasser“ nennt, verüben wollen. Durch zahlreiche Lücken in der Handlung und den Ich-Erzähler, der durch Gehirnwäsche am Ende des Hörspiels zum unzuverlässigen Erzähler wird, bleibt vieles über den Handlungsablauf ungeklärt. So ist nicht klar, ob der Ich-Erzähler nun seine Freunde verraten und dem Führer ausgeliefert hat, oder nicht. Lange fremdsprachliche Passagen, die in Form von O-Tönen auftreten, tragen weiter zu dem kryptischen Gesamteindruck bei.

O-Töne[Bearbeiten]

Die O-Töne, die in Halluzinationalsozialismus zu hören sind, stammen zum größten Teil aus Online- und Radioquellen. Besonders auffallend ist der O-Ton-Einsatz bei Auftreten Adolf Hitlers. Hitler hat sich gerade durch seine Stimme in das kollektive Gedächtnis gebrannt. Ein Großteil der ihm zugesprochenen dämonischen Kraft speist sich aus dieser und wohl kaum eine Stimme wurde, begünstigt durch ihre Unverwechselbarkeit, so oft karikiert – Chaplin bis Helge Schneider. So ist es interessant zu beobachten, dass Hjuler, anstatt eine simple Karikatur von Hitlers Stimme einzusprechen, konsequent auf O-Töne setzt. In den ersten Sequenzen beschränkt sich Hitlers Sprachvermögen auf „SS, SA, Heil!“ und erst später sind längere Reden zu hören. Diese Reden werden allerdings nie unbearbeitet und unkommentiert gelassen, viel mehr dienen sie, bis auf Track 9, zur Atmo. Das Kommen Hitlers wird durch die Eingangsfanfare des Horst-Wessel-Lieds, dem Kampflied der SA und seit 1933 als quasi zweite Nationalhymne benutzt, angekündigt.

Track 9[Bearbeiten]

Bei einer Gesamtlänge von 22 Minuten fällt Track 9 ganz besonders heraus. Sind die restlichen Tracks höchstens drei Minuten lang, ist Track 9, der zugleich auch der letzte Track des Hörspiels ist, sieben Minuten lang. Ihm wird also rund ein Drittel der gesamten Hörspieldauer zugemessen. Track 9 beinhaltet eine Rede Adolf Hitlers, die durch Bongotrommeln und angedeutete Eingeborenengesänge überlagert wird. Allerdings sind beide Tonspuren streng voneinander auf die zwei verschiedenen Stereokanäle verteilt, die Gesänge auf der linken und die Rede Hitlers auf der rechten Seite.

Es lassen sich drei Interpretationen zum Ende von Halluzinationalsozialismus aufstellen: Zum einen könnte das Ende des Hörspiels den Rückzug des Ich-Erzählers in das Exil des Wahnsinns darstellen. Durch die Gehirnwäsche geschwächt und von Schuldgefühlen aufgezehrt, könnte der Wahnsinn, der sich in Form der Eingeborenengesänge manifestiert, die letzte Rückzugsmöglichkeit und Handlungsoption des Ichs sein, mit seiner Situation umzugehen. Allerdings könnte dieser Wahnsinn auch von allgemeinerer Natur sein. In Zeiten des NS-Wahnsinns ist die einzige Möglichkeit des Einzelnen diesem zu begegnen, selbst wahnsinnig zu werden. Eine dritte Möglichkeit wäre, dass es sich hier um eine intendierte Simultanübersetzung der Hitlerrede handelt. Dafür würde auch die strenge Trennung der beiden Audiospuren auf die Stereokanäle sprechen. So wird die Rede Hitlers als das entlarvt, was sie eigentlich ist: sinnloses Gebrabbel. Der Titel des Hörspiels wird zum Programm. Durch den O-Ton Hitlers verbunden mit den absurden Gesängen wird Hitlers Stimme jeglicher Schrecken genommen. Hjuler steht hier in derselben Tradition wie beispielsweise Charlie Chaplin, der Hitler durch eine absurde Kunstsprache jegliche Semantik entzogen und so den aggressiven Grundton freigelegt hat. Im Gegensatz zu Chaplin verwendet Hjuler allerdings eine ruhige Passage aus einer Hitlerrede, von der im Grunde keine Aggressivität ausgeht. Diese Selektion zeigt, dass der Wahnsinn nicht nur in den lauten und aggressiven Reden, die im kollektiven Gedächtnis mit Hitler assoziert sind, zu finden ist, sondern auch in den ruhigen Reden.

Produktionsästhetik[Bearbeiten]

Die Produktion lässt sich ganz im Zeichen der Art Brut betrachten. Das Hörspiel wurde, obwohl zwischen 2005 und 2006 entstanden, vollständig analog produziert, also zu einer Zeit in der digitale Produktionsmöglichkeiten längst für jedermann erschwinglich oder als Opensource-Programme verfügbar waren. In Halluzinationalsozialismus sind immer wieder harte Schnitte zu hören, oft auch Klicken des analogen Aufnahmegeräts. Lautstärkeübergänge sind roh, viele Passagen sind zu laut, viele hingegen so leise, dass man kaum etwas verstehen kann – Phänomene, die durch die fehlende Postproduktion entstehen. Allerdings gibt es auch Passagen, die es durchaus in ein professionelles, öffentlich-rechtliches Hörspiel geschafft hätten. So unterscheidet sich Track 3 der CD-R-Version deutlich vom vorherigen Hörspiel und lässt so die Absicht, die hinter den schlecht produzierten Sequenzen steckt, erkennen.

Entstehungsgeschichte[Bearbeiten]

Die Idee zu Halluzinationalsozialismus kam Kommissar Hjuler im Traum. Dieser Traum findet sich auch im Hörspiel wieder. So ist der erste Track die Hörspieladaption desselben und kann somit als Kern des gesamten Werks gesehen werden. Er beinhaltet schon alle Elemente der folgenden Handlung in nuce, ist allerdings durch die lange erzählende Passage so exponiert, dass er auch als eigenständiges Stück im Stück gesehen werden könnte. Eine weitere Interpretation des Hörspiels, die alle kryptischen Passagen als Teil und Erweiterung des Traums sieht und somit vielleicht kommentarlos hinnimmt, wäre zwar auch zielführend, würde es sich doch zu leicht machen. Diese Deutung kann nämlich nur gelingen, wenn man die Entstehungsgeschichte auch kennt. Das Hörspiel selbst gibt keinen Hinweis auf die pure Traumhaftigkeit. Vielmehr ist der Traum nur der Ausgangspunkt für die absurde Abrechnung mit dem dritten Reich, wie Track 9 zeigt. Durch das Fehlen von anderer Sprechern oder erzählenden O-Tönen, ist der Zuhörer vollständig auf den Erzähler angewiesen. Die Verwandlung des Erzählers in einen unzuverlässigen Erzähler ist eine weitere Verdichtung der Hilflosigkeit angesichts der Übermacht des dritten Reichs.

Weblinks[Bearbeiten]

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