Glaube und Wissen

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Glaube und Wissen bezeichnet zwei verschiedene Auffassungen von Erkenntnis oder Überzeugung, die sich in verschiedenen philosophischen oder theologischen Konzeptionen gegenseitig ergänzen, aber auch ausschließen können. Als Glaube bezeichnet man gemeinhin das Vertrauen auf und Überzeugt-Sein von Verbalinspiration, Offenbarung oder Überlieferungen von religiösen Autoritäten. Wissen bezeichnet in diesem Zusammenhang Erkenntnis, die allein aus der Vernunft heraus oder mit Hilfe von Beweisen gewonnen wird.

Grob lassen sich drei Positionen zum Verhältnis von Glaube und Wissen unterscheiden. Der Rationalismus geht davon aus, dass Wahrheit allein mit Hilfe der Vernunft und aus einer Analyse der Tatsachen erkannt werden kann und nicht durch Glaube, Dogma oder religiöse Lehre. Der Fideismus hingegen sieht den Glauben als notwendig für jede tiefere Erkenntnis an. Dieser Glaube ist dann nicht von der Vernunft hinterfragbar. Die dritte Position, die Natürliche Theologie, vertritt die Auffassung, der Mensch könne durch seine Vernunft oder die Beobachtung der Schöpfung auf die Existenz oder auf Eigenschaften Gottes schließen.

Begriffsbestimmungen[Bearbeiten]

Glaube[Bearbeiten]

siehe auch: Wikipedia Artikel Glaube

Das deutsche Wort Glaube wird, vor allem im Kontext religiöser Überzeugungen, dazu verwendet, eine Grundhaltung des Vertrauens auszudrücken. Das zum deutschen Wort "Glaube" gehörige griechische Substantiv "pistis" hat die Grundbedeutung "Treue, Vertrauen". Daher stellt Glaube im eigentlichen Sinn keinen Gegensatz zum Wissen dar.

Unter dem Obertitel "Glaube und Vernunft" wurde und wird darüber debattiert, ob und wie man den Glauben vernünftig rechtfertigen kann. In dieser Debatte, die in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen geführt wird, existiert eine erhebliche Bandbreite an Meinungen und Auffassungen.

Wissen[Bearbeiten]

siehe auch: Wikipedia Artikel Wissen

Wissen besitzt keineswegs den Charakter des Absoluten und Unveränderlichen. Vielmehr sind die Ausformungen von Wissen jeweils nur zeitlich gültig. Weiter umfasst der Begriff Wissen eine Vielzahl von unterschiedlichen Phänomenen, und es existieren unterschiedliche Definitionen für diesen Begriff. Grenzen des Wissens werden aus unterschiedlichen Gründen diskutiert; die menschliche Erkenntnisfähigkeit wird teils mehr oder weniger in Frage gestellt.

Der Erwerb von Wissen wird in der Lernpsychologie und Pädagogik erforscht. Eine einheitliche und übergreifende Lerntheorie gibt es nicht. Vielmehr konzentrieren sich die meisten der vorhandenen Lerntheorien auf besondere, einzelne Formen des Lernens. Vor diesem Hintergrund ist es auch fraglich, ob sich der Erkenntnisprozess bei der Gewinnung von Wissen als vordergründig Vernunft-orientiert gegen eine eher inspirierte Erkenntnis auf dem Gebiet des Glaubens scharf abgrenzen lässt. Die ausführlich diskutierte Begebenheit, dass der Chemiker Kekulé seine bahnbrechende Erkenntnis von der Struktur des Benzols im Zustand eines Wachtraums erhielt, beleuchtet den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess als einen komplexen Vorgang, in welchem traumartige Eingebungen eine nicht geringe Rolle spielen.[1] Der Mediziner und Psychologe Willy Hellpach hat aufgezeigt, dass mehrere namhafte Wissenschaftler, z.B. Descartes, Darwin und Robert Mayer, Inspirationserlebnisse hatten.[2]

Namhafte Naturwissenschaftler und ihr Verständnis vom Glauben[Bearbeiten]

In einem gemeinsamen Aufsatz von Prof. Hans-Jürgen Treder und Wilfried Schröder[3] wird das jahrhundertealte Wechselverhältnis von Naturwissenschaft und Religion beleuchtet. Dieses Wechselverhältnis wird als mehrdeutig bezeichnet; es bestehen Spannungen und Gegensätze, aber auch Gemeinsamkeiten und Abhängigkeiten. Insbesondere die beiden berühmten Physiker Max Planck und Albert Einstein, die erheblich zur Entstehung des heutigen Weltbildes beigetragen haben, werden im Blick auf ihre religiösen bzw. glaubensmäßigen Anschauungen hin dargestellt und belegt.

Der hervorragende Naturforscher und Nobelpreisträger Max Planck bezeichnete sich selbst als einen „tief religiösen Menschen“. In einem Vortrag im Jahr 1937 sagte er:"[4] „Religion und Naturwissenschaft - sie schließen sich nicht aus, wie manche heutzutage glauben oder fürchten, sondern sie ergänzen und bedingen einander. Wohl den unmittelbarsten Beweis für die Verträglichkeit von Religion und Naturwissenschaft auch bei gründlich-kritischer Betrachtung bildet die historische Tatsache, daß gerade die größten Naturforscher aller Zeiten, Männer wie Kepler, Newton, Leibniz von tiefer Religiosität durchdrungen waren." In diesem Zitat wird deutlich, dass der religiöse Glaube und die Welterkenntnis mit (natur-) wissenschaftlichen Methoden und Prinzipien ihren jeweiligen Platz im Denken und Handeln nicht nur von Planck selbst, sondern auch von verschiedenen weiteren ausgezeichneten Naturforschern hatten und haben. Dies soll im Weiteren dargelegt werden.

Max Planck[Bearbeiten]

Max Planck

Max Planck hat sich eingehend mit dem Wechselverhältnis von Naturwissenschaft und Religion beschäftigt und mehrfach Vorträge zu diesem Thema gehalten. Einen Widerspruch zwischen Naturwissenschaft und Religion sah er kaum, wie das folgende Zitat belegt: „Es ist der stetig fortgesetzte, nie erlahmende Kampf gegen Skeptizismus und gegen Dogmatismus, gegen Unglaube und gegen Aberglaube, den Religion und Naturwissenschaft gemeinsam führen, und das richtungweisende Losungswort in diesem Kampf lautet von jeher und in alle Zukunft: Hin zu Gott!“[5]

In ,,Religion und Naturwissenschaft" (1937) sagte Planck: ,,Es begegnen sich Religion und Naturwissenschaft in der Frage nach dem Wesen einer höchsten, über die Welt regierenden Macht, und hier werden die Antworten, die beide darauf geben, wenigstens bis zu einem gewissen Grade vergleichbar. Sie sind . . . keineswegs in Widerspruch miteinander, sondern lauten übereinstimmend dahin, daß erstens eine von den Menschen unabhängige Weltordnung existiert und daß zweitens das Wesen dieser Weltordnung niemals erkennbar ist, sondern nur indirekt erfaßt, beziehungsweise erahnt werden kann" .[6] Die indirekte Erfassung einer höheren Weltordnung, von der Planck hier spricht, steht in guter Übereinstimmung mit der oben getroffenen Definition von Glauben.

Albert Einstein[Bearbeiten]

Albert Einstein, 1921, Fotografie von Ferdinand Schmutzer

In seinem Glaubensbekenntnis aus dem Jahr 1932 schrieb Einstein:[7] „Das Schönste und Tiefste, was der Mensch erleben kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen. Es liegt der Religion sowie allem tieferen Streben in Kunst und Wissenschaft zugrunde. Wer dies nicht erlebt hat, erscheint mir, wenn nicht wie ein Toter, so doch wie ein Blinder. Zu empfinden, dass hinter dem Erlebbaren ein für unseren Geist Unerreichbares verborgen sei, dessen Schönheit und Erhabenheit uns nur mittelbar und in schwachem Widerschein erreicht, das ist Religiosität.“ Gemäß diesem Zitat ging Einstein offensichtlich davon aus, dass das Sichtbare und Erlebbare – mithin also gerade auch die von ihm und anderen Wissenschaftlern untersuchte Realität der erkennbaren Welt – keineswegs das Wahre und Endgültige sei. Vielmehr unterstellt er die Existenz einer Realität hinter dem Erlebbaren, welche zu ergründen sowohl Sache der Religion als auch von Kunst und Wissenschaft sei. Ein Sich-gegenseitig-ausschließen von Religion einerseits und Wissenschaft andererseits ist mit einer solchen Aussage kaum zu vereinbaren. Somit dürfte für Einstein die Echtheit von religiöser Erkenntnis kaum in Zweifel gestanden haben.

Noch deutlicher hat sich Einstein im Jahr 1952 geäußert:[8] „Aus der noch so klaren und vollkommenen Erkenntnis des Seienden kann kein Ziel unseres menschlichen Strebens abgeleitet werden. Die objektive Erkenntnis liefert uns mächtige Werkzeuge zur Erreichung bestimmter Ziele. Aber das allerletzte Ziel und das Verlangen nach seiner Verwirklichung muss aus anderen Regionen stammen… Uns diese fundamentalen Ziele und Werte aufzustellen…, scheint mir nun die wichtigste Funktion der Religion im sozialen Leben der Menschen zu sein.“ Durch dieses Zitat werden zwei Tatsachen klar erkennbar: 1) Für Einstein steht die Existenz von Wissen, welches nicht aus objektiver Erkenntnis stammt, außer Frage. Eine Ausschließlichkeit der (objektiven) naturwissenschaftlichen Erkenntnis oder Erkenntnismethode kommt für ihn nicht in Frage; ja, noch nicht einmal ein Vorrang dieser Erkenntnisse oder Methoden. 2) Wissen, welches mit anderen Methoden und Prinzipien als denen der (Natur-) Wissenschaft gewonnen wird, ist für Einstein nicht nur existent, sondern sogar notwendig, weil anderenfalls das menschliche Leben zu einem Leben ohne Ziel und ohne Werte wird.

Das hat Einstein anscheinend nicht daran gehindert, ein durchaus auch kritisches Verhältnis zur Religion zu haben.[9] Insbesondere hatte Einstein keine sonderlich hohe Meinung von der jüdischen Religion, obwohl ihm seine jüdische Abkunft bewusst war. Jedoch scheint diese Meinung eher mit der religiösen Praxis seiner Zeit und insbesondere mit konkreten, von ihm selbst als „vernichtend“ bezeichneten, religiösen Erfahrungen seiner Kindheit und Jugend verbunden zu sein. Eine grundsätzliche Verneinung der Tatsache, dass es für den Menschen einen Zugang zur „Realität“ hinter dem Erlebbaren gibt, ist damit nicht verbunden; auch wenn jenes Verborgene und für unseren Geist Unerreichbare uns „nur mittelbar und in schwachem Widerschein erreicht.“

Hans-Peter Dürr[Bearbeiten]

Strukturmodell einer DNA-Helix in B-Konformation.

Hans-Peter Dürr ist ein deutscher Physiker, der bei namhaften Naturwissenschaftlern wie Heisenberg und Edward Teller studiert hat. Dürr ist besonders auf den Gebieten der Kern- und Elementarteilchenphysik hervorgetreten.

Hans-Peter Dürr hat sich bei verschiedenen Gelegenheiten zur Beziehung zwischen Wissenschaft und Religion geäußert. In einem am 28. Mai 2002 gehaltenen Vortrag[10] an der Technischen Universität Clausthal hat er deutlich gemacht, dass insbesondere die Quantenmechanik uns die Grenzen menschlicher Erkenntnis und Voraussage vor Augen führt: „Die Wirklichkeit ist nicht wissbar.“ Aus dieser Tatsache folgert Dürr, dass neben den exakten und objektivierbaren Methoden der (Natur-) Wissenschaft auch andere Quellen und Methoden des Wissens akzeptabel sind bzw. sein müssen. Wörtlich erklärte er: „Wissenschaft und Religion rücken wieder näher zusammen.“

Außerdem traf er bei dieser Gelegenheit die Feststellung, dass Wissenschaft bzw. die auf wissenschaftlichem Wege gewonnene Erkenntnis nur ein Gleichnis für die Wirklichkeit ist, nicht aber die Wirklichkeit selbst. Dies trifft nach Dürrs Ansicht auch auf die Religion zu. Dürr räumt die Möglichkeit ein, dass die moderne Wissenschaft sich gegenüber abweichenden Meinungen ähnlich bedrohlich verhält wie einst die Inquisition.

Weiterhin zeigte er auf, dass aufgrund der Delokalisation von Elementarteilchen die Erbinformation nicht nur in den Alphabet-ähnlichen Basenpaaren der DNA gespeichert ist; mithin die Vererbung offensichtlich ein komplexerer Prozess sein muss, als das „Ablesen“ oder Transkribieren von Basensequenzen.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. [1] Rudolf Sponsel & Irmgard Rathsmann-Sponsel (DAS). Kekulés Traum. Alternative Analyse und Deutung aus allgemeiner und integrativer psychologisch-psychotherapeutischer Sicht
  2. Willy Hellpach: Schöpferische Unvernunft. Rolle und Grenze des Irrationalen in der Wissenschaft. Leipzig (1937)
  3. [2] Wilfried Schröder und Hans-Jürgen Treder: Naturwissenschaft und Religion
  4. Max Planck: Vorträge und Erinnerungen. S. Hirzel Verlag Stuttgart (1949), S. 332
  5. Max Planck: Vorträge und Erinnerungen. S. Hirzel Verlag Stuttgart (1949), S. 247/248
  6. [3] Charlotte Schmidt-Schönbeck: 300 Jahre Physik und Astronomie an der Universität Kiel(1965)
  7. [4] Glaubensbekenntnis von Albert Einstein aus dem Jahr 1932
  8. Albert Einstein: Aus meinen späten Jahren. Stuttgart 1952
  9. [5] Brief von Einstein an Eric Gutkind aus dem Jahr 1952, zitiert nach der Webseite des Humanistischen Pressedienstes
  10. [6] Wir erleben mehr als wir begreifen - Naturwissenschaftliche Erkenntnis und Erleben der Wirklichkeit. Seminar zum Dialog von Naturwissenschaft und Theologie, 28. Mai 2002

Siehe auch[Bearbeiten]

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