Ewald Jung

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Ewald Jung (* 1879 in Winterthur; † 1943 in Bern) war ein Schweizer Psychoanalytiker und spielte eine bedeutende Rolle in der Geschichte der frühen Psychoanalyse.

Leben[Bearbeiten]

Ewald Jung war ein Cousin von Carl Gustav Jung, aber Psychoanalytiker der klassischen Psychoanalyse Sigmund Freuds. Nach seiner mit Auszeichnung bestandenen Matura in Winterthur – wo er als Sohn eines Architekten geboren worden war – studierte er Medizin an verschiedenen Universitäten der Schweiz (u.a. in Zürich) und Deutschlands (u.a. in München) sowie an der Universität Wien.[1] Im Sommer 1902 war Jung Unterassistent im Burghölzli bei Eugen Bleuler.[2] Von dort aus reiste Jung mit Ludwig Binswanger nach Wien zu Freud. 1904 legte Jung sein Examen vor der Bundeskommission ab. 1907 wurde Jung am Pathologischen Institut in Zürich mit einer Arbeit Über das Verhalten der Follikel bei der chronischen Appendicitis[3] zum Dr. med. promoviert.

Er arbeitete als Psychiater und Psychotherapeut. Jung war zuerst in der kantonalen (psychiatrischen) Heil- und Pflegeanstalt Rheinau tätig[4]„Anfangs 1910 war er noch Assistent am privaten Sanatorium von Dr. Brunner in Küsnacht ZH“ - zusammen mit Emil Oberholzer. [2] „Im Sommer 1910 eröffnete er als einer der ersten frei schaffenden Analytiker eine Privatpraxis in Winterthur.“[2] Im gleichen Jahr gehörte Jung zu den 19 Gründungsmitgliedern der Ortsgruppe Zürich der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung,[5] war unter Ludwig Binswangers Präsidium „deren erster Sekretär und blieb Mitglied bis zu ihrer Auflösung“.[2][6] (Am 2. Dezember 1910 hielt er dort „ein Referat über das Buch von Dr. Otto Gross Psychopathische Minderwertigkeiten“.[2]) Unter seinen Vereinskollegen war z.B. auch Bircher-Benner. 1911 nahm er in Weimar am III. Internationalen Psychoanalytischen Kongress teil, wo er sich mit Sándor Ferenczi, C. G. Jung, Bleuler, Freud und den anderen Kongreßteilnehmern auch fotografieren ließ.[7] Ab 1912 wohnte er wieder in Bern, wo er laut Max Müller, „Begründer einer psychoanalytischen Gruppe“ war.[2] Jung war zudem neben Walter Morgenthaler und Paul Häberlin Mitgründer der Psychologischen Vereinigung Bern; Paul Fredi de Quervain bezeichnete ihn als eines dessen „aktivster Mitglieder“.[5]Oskar Pfister erwähnte 1922 in seinem Werk "Die Liebe des Kindes und ihre Fehlentwicklungen" eine von Jungs Analysen als Beispiel. In den 1930er Jahren war Jung neben seinem berühmteren Cousin, Gustav Bally, Oscar Forel, Walter Morgenthaler (der später Jungs Nachruf verfasste[8]) und Raymond de Saussure Mitglied der Kommission für Psychotherapie der Schweiz. Gesellschaft für Psychiatrie.[9]

Jung und Barth[Bearbeiten]

Jung war mit Karl Barth befreundet, bei dessen verwitweter Mutter er von 1912[10] bis zu seiner Heirat 1918 in Pension lebte; Barth bezeichnete ihn als „psychoanalytischen Hausgenossen“; beide hatten intensiven intellektuellen Austausch.[5] So schrieb Barth 1915 an seinen Freund Thurneysen, Jung habe bei ihm einen prächtigen Vaterkomplex ausgemacht.[11] Da Jung Barth durch die Psychoanalyse von der Theologie abbringen wollte, wandte sich Barth von ihm ab. Dieser persönliche Bruch mit dem Analytiker Jung war für Barth zugleich beruflich eminent notwendig, um sein Lebenswerk in Angriff zu nehmen. Bobert-Stützel sieht einen Weg aus der theologischen Stilisierung von Barths Ablehnung der Psychoanalyse ... vor allem in einer historisch-kulturellen Kontextualisierung, zu der sich Ansätze schon bei Quervain (der sich auch zu Thurneysens lebenslänglicher Ambivalenz gegenüber der Psychoanalyse äußert), Christof Gestrich oder Klaus Winkler finden lassen. [5][12] „Deutlich wirkt Barths Enttäuschung nach, dass Jung ihn in seiner theologischen Existenz nicht ernst genommen hat.“ Barths Ziel war es, die Theologie durch Abgrenzung und Konzentration auf die "Sache" neu zu begründen.[10]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Matrikel der Universität Zürich
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 2,5 Kurzbiografie von Ewald Jung in: Annatina Wieser: Zur frühen Psychoanalyse in Zürich 1900–1914. Inaugural–Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich, 2001, S. 188
  3. Ewald Jung: Über das Verhalten der Follikel bei der chronischen Appendicitis. 1907, OCLC 459692713.
  4. Katrin Luchsinger (Hrsg.): Anna Z., Schneiderin: Lebensbeschreibung einer (unglücklichen!) sowie die Schilderung der Erlebnisse während zehn Jahren im Irrenhaus. Zürich: Chronos, 2013.
  5. 5,0 5,1 5,2 5,3 Sabine Bobert-Stützel: Frömmigkeit und Symbolspiel: ein pastoralpsychologischer Beitrag zu einer evangelischen Frömmigkeitstheorie. Vandenhoeck & Ruprecht, 2000, S. 111-112. ISBN 9783525623602
  6. Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 1910–1941.
  7. Schweizer archiv fuer neurologie, neurochirurgie und psychiatrie, Band 112, 1973
  8. Morgenthaler, Walter: Nekrolog von Ewald Jung. Schweizer archiv fuer neurologie und psychiatrie, Band 53, 1944
  9. Heinrich Karl Fierz: Jungian Psychiatry. Einsiedeln: Daimon, 1991.
  10. 10,0 10,1 Wolfgang Schildmann: Karl Barths Träume: zur verborgenen Psychodynamik seines Werkes. Theologischer Verlag Zürich, 2006S. 9ff; passim. ISBN 9783290173531
  11. Schildmann, Wolfgang: Was sind das für Zeichen? Karl Barths Träume im Kontext von Leben und Lehre. Kaiser Verlag, 1991, ISBN 3-459-01895-X
  12. Herman Westerink: Controversy and Challenge: The Reception of Sigmund Freud's Psychoanalysis in German and Dutch-speaking Theology and Religious Studies. LIT Verlag Münster, 2009, S. 79. ISBN 9783643500298
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