Die Relevanz-Debatte in der deutschsprachigen Wikipedia

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Die Relevanz-Debatte in der deutschsprachigen Wikipedia kam erstmals im Jahr 2009 auf. Streitpunkt war die Löschung zahlreicher Wikipedia-Artikel, die nach Ansicht mancher Wikipedianer den Qualitäts-Kriterien der Wikipedia nicht genügen würden. Andere Wikipedianer kritisierten diese Politik und waren der Meinung, dass es in der Wikipedia möglichst viele Artikel über möglichst viele Themen geben sollte. Währenddessen weitgehend Einigkeit darüber herrschte, dass Artikel, die eindeutig Vandalismus darstellten, beleidigenden, extremistischen oder persönlichen Inhalts waren, gelöscht werden können, war das „Relevanz“-Kriterium als Löschgrund für einen Artikel heftig umstritten. Die Debatte fand Aufmerksamkeit in den Medien, wo die beiden Fraktionen meist als „Exkludisten“ (Relevanz-Kriterien sind wichtig) und „Inkludisten“ (Relevanz-Kriterien müssen abgeschafft/abgeschwächt werden) bezeichnet wurden.

Anlass der Debatte[Bearbeiten]

Auslöser der Debatte war unter anderem ein Wikipedia-Artikel über den Verein Mogis (Missbrauchsopfer gegen Internetsperren), eine im Rahmen der Zensursula-Debatte viel diskutierte Vereinigung.[1] Der Mogis-Artikel wurde im Oktober 2009 in einer Löschdiskussion als irrelevant eingestuft und gelöscht. Als Grund wurde unter anderem die angeblich undurchsichtige Vereinsstruktur genannt.[2] Ähnliche Streitpunkte waren die Löschung der Artikel über Fefes Blog oder das Mixgetränk Tschunk, deren Relevanz in den dazugehörigen Löschdikssionen ebenfalls angezweifelt wurde. Bei den entsprechenden Diskussionen attackierten sich die Fraktionen teilweise heftig und warfen sich mangelnde Sachkenntnis vor. Exkludisten wurde „Löschwahn“ oder „Löschwut“ unterstellt, während Inkludisten vorgeworfen wurde, ihnen sei die Qualität der Wikipedia egal.[3][4] Besonders entzündete sich die Kritik an den Administratoren, die nach einer Löschdiskussion zu der Entscheidung berechtigt sind, einen Artikel zu löschen oder in der Wikipedia zu behalten.

Aus den verschiedenen Diskussionen erwuchs schließlich eine Grundsatzdebatte über den Charakter der Wikipedia im Allgemeinen und das Relevanz-Kriterium im Besonderen. Der Journalist und Buchautor Günter Schuler bezeichneten den Streit als „erste wirkliche Strukturkrise“ der Wikipedia.[5] Viel Beachtung fand ein Blog-Eintrag namens „99 % der Deutschen sind irrelevant“ des Bloggers Pavel Mayer, der die Auslegung des Relevanz-Kriteriums kritisierte.[6]

Am 5. November 2009 rief der Verein Wikimedia Deutschland zu einer öffentlichen Podiumsdiskussion in Berlin auf, bei der beide Seiten ihre Standpunkte sachlich austauschen sollten. Zu den Teilnehmern der Veranstaltung zählten unter anderem die Wikipedia-Mitarbeiter Leon Weber und Martin Zeise, die Blogger Johnny Haeusler und Pavel Mayer sowie der Geschäftsführer von Wikimedia Deutschland, Pavel Richter.[7]

Die Fraktion der Inkludisten konnte sich mit ihrer Forderung nach schwächeren Relevanz-Kriterien bislang nicht durchsetzen.

Positionen[Bearbeiten]

Die Inkludisten kritisieren unter anderem, dass die Kriterien dafür, ob etwas relevant ist, schwierig zu bestimmen und in vielen Fällen Auslegungssache seien („Relevanz ist relativ“).[8] Es sei praktisch unmöglich, für alle Themen eindeutige Kriterien aufzustellen (so lautet beispielsweise ein Relevanz-Kriterium für Religionsstifter, dass diese mindestens 20.000 Anhänger haben müssen, um in der Wikipedia aufzutauchen). Zudem seien die Relevanz-Kriterien der Wikipedia dermaßen umfangreich und vielschichtig, dass ein Neu-Autor schwer durchschauen könne, was er eigentlich schreiben dürfe und was nicht.

Demgegenüber halten die Exkludisten es für wichtig, Relevanzkriterien aufzustellen, um eine Kontrolle über die Inhalte der Wikipedia zu gewährleisten und zu verhindern, dass Artikel über völlig unbedeutende Dinge Einzug in die Enzyklopädie halten (ein oft genanntes Bespiel ist etwa „die Freiwillige Feuerwehr in Ort XY“).[9][10]

Ein Hauptargument der Inkludisten lautet, dass es niemanden stören würde, wenn es Artikel von geringer Relevanz in der Wikipedia gibt, da man sie ja nicht zu lesen brauche. Ein schlechter Artikel, der existiert, sei besser als ein guter, der nicht existiert.[11] Die Exkludisten hingegen meinen, dass zu viele Artikel in der Wikipedia dazu führen würden, dass die Community sich um zu viele triviale Artikel kümmern müsse. So bliebe keine Zeit mehr für die Pflege der wichtigeren Artikel, was insgesamt zu einer Verschlechterung der Qualität der Wikipedia führen würde. Ein weiteres Argument gegen zu viele Artikel populären Inhalts lautet, dass dadurch viele professionelle Wikipedia-Mitarbeiter und –Autoren abspringen würden, denen daran gelegen sei, an einer wissenschaftlich-seriösen Enzyklopädie mitzuarbeiten und diesen Anspruch dadurch verwässert sähen.[10] Der Gedanke hinter einer Enzyklopädie bestehe schließlich darin, nur wirklich wichtiges Wissen zu beinhalten.

Gegen den wissenschaftlich-enzyklopädischen Anspruch argumentieren die Inkludisten, dass man den selektiven Charakter des klassischen Enzyklopädie-Konzepts überdenken müsse, da dieses nicht mehr zeitgemäß sei, dem Nutzerverhalten nicht entspreche und ein Projekt wie Wikipedia in seinen Möglichkeiten einschränke. Die Inkludisten plädieren auch deshalb für eine Abschwächung oder Abschaffung der Relevanz-Kriterien, weil so mehr Menschen für das Verfassen und Pflegen von Artikeln gewonnnen werden könnten. Für viele Neu-Autoren in der deutschen Wikipedia sei es abschreckend oder frustrierend, dass ihre Artikel oft nach kurzer Zeit mit dem Verweis auf zu geringe Relevanz gelöscht werden.[10][12]

Im Verständnis der Inkludisten besteht der Anspruch der Wikipedia darin, das Wissen der Welt zu sammeln, egal wie relevant es ist. Nach Ansicht der Exkludisten sollte die Wikipedia jedoch nicht alles Wissen beinhalten, da sie sich dann zu wenig von einer Suchmaschine unterscheiden würde und somit faktisch keine Enzyklopädie mehr wäre.[10]

Da der Speicherplatz für Artikel praktisch unbegrenzt ist, ist der Verweis auf Speicherplatz-Verknappung kein ernsthaftes Argument für eine Löschung von Artikeln.

Lösungsansätze[Bearbeiten]

Eine Möglichkeit, Artikel populären oder trivialen Inhalts, die in der Wikipedia meist gelöscht werden, dennoch enzyklopädisch zu bewahren, ist, sie in Benutzernamensräumen oder in einer Alternativ-Enzyklopädie unterzubringen. Mittlerweile gibt es viele Plattformen, die ebenfalls das Web-Design von Wikipedia nutzen, sich aber nur auf einen bestimmten Themenbereich konzentrieren. Beispiele sind die Indiepedia, die sich vor allem auf Artikel über Indie- und Popmusik konzentriert oder Fan-Projekte wie die Duckipedia, die sich mit den Werken von Disney beschäftigt.

Eine seit 2008 praktizierte Möglichkeit, Artikel verschiedener Qualitätsstufen zu kennzeichnen, ist die Markierung in gesichtete und ungesichtete Versionen. Gesichtet ist ein Artikel, der von einem Wikipedia-Autor angeschaut wurde und versichert, dass dieser Artikel keinen Vandalismus enthält. Eine (noch nicht praktizierte) Erweiterung dieses Prinzips ist der Status „Geprüft“, welcher dann verleihen wird, wenn ein fachkundiger Prüfer einen Artikel als fachlich richtig und vollständig einschätzt. Abgesehen davon gibt es die Möglichkeit, Artikel oder Artikel-Abschnitte in der Wikipedia als strittig oder nicht den Qualitätsanforderungen genügend zu kennzeichnen.

Ein weiterer Kompromiss, der oft bei zur Löschung vorgeschlagenen Inhalten geschlossen wird, ist die Unterordnung der entsprechenden Inhalte in einen übergeordneten, relevanten Artikel (beispielsweise findet man einen Abschnitt über das Mixgetränk Tschunk im Wikipedia-Artikel über Club-Mate).

Der Hacker und Podcaster Tim Pritlove ist der Meinung, man solle die seiner Ansicht nach herrschende Praxis „Im Zweifel um die Relevanz wird ein Artikel gelöscht“ durch die Faustregel „Im Zweifel behält man einen Artikel“ ersetzen.[11]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

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