Denk-MAL-Prora

Denk-MAL-Prora ist eine Initiative, die maßgeblichen Einfluss auf die Erinnerungskultur in Prora auf der Insel Rügen genommen hat. Seit der Anbringung einer Erinnerungstafel für die DDR-Bausoldaten im November 2010 gilt die aufarbeitungswürdige „doppelte Vergangenheit“ des Baukomplexes (KdF-Planungs- und Kasernen-Nutzungsgeschichte) politisch als unstrittig.

Inhaltsverzeichnis

Denk-MAL-Prora – Verein und InitiativeBearbeiten

Gedenktafel am Mehrzweckgebäude der Jugendherberge Prora

Angeregt durch die Publikation Hinterm Horizont allein – Der Prinz von Prora (1. Auflage 2005)[1] gründeten im Jahr 2008 ehemalige Proraer Soldaten, Bausoldaten und Sympathisanten den gemeinnützigen Verein Denk-MAL-Prora e.V.[2][3] Ziel war es, die Nutzungsgeschichte von Prora zu DDR-Zeiten, insbesondere die Geschichte der Waffenverweigerer, in die Erinnerung zurückzurufen.[4][5] Im Jahr 2009 leistete der Verein die alleinige Bildungsarbeit zur DDR-Geschichte auf dem Jugendzeltplatz Prora.[6][7] Er forderte vor und während des Umbaus der einstigen Kaserne zur Jugendherberge Prora (erfolgt nach Originalplänen aus der NS-Zeit) die Bewahrung baulicher Spuren aus der DDR-Nutzungsphase.[8] Aufgrund beklagter politischer Widerstände löste sich der 35 Mitglieder zählende Verein zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit (2010) symbolträchtig wieder auf.[9][10] In einer Presseerklärung kritisierte der Vereinsvorsitzende Stefan Wolter die „fragwürdige selektive und unglaubwürdige Erinnerungskultur in Mecklenburg- Vorpommern“.[11][12][13] Sowohl sie als auch die anschließenden Diskussionen um eine Erinnerungstafel für die Wegbereiter der friedlichen Revolution riefen eine öffentliche Auseinandersetzung hinsichtlich der Nutzungsgeschichte des Gebäudes der Jugendherberge Prora hervor.[14][15]Diese hat die Wahrnehmung und historische Beurteilung des gesamten Kolosses seitens der offiziellen Gedenkstättenarbeit verändert.[16][17][18]

Im Anschluss an die Anbringung einer Erinnerungstafel für die Bausoldaten stellte die Landesfachstelle für Gedenkstättenarbeit „Politische Memoriale“ Mecklenburg-Vorpommern fest: „Die Auseinandersetzungen um den Erinnerungsort bezogen sich lange Zeit auf die Bedeutung Proras in der NS-Zeit, die DDR-Militärgeschichte war Gegenstand zumeist verklärender Ausstellungsprojekte. Ehemalige Bausoldaten im 2008 gegründeten Verein Denk-Mal-Prora mahnten die Erinnerung an die Bausoldaten als Bestandteil einer kritischen Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte an. Die Diskussion um die Bewahrung von Überresten aus der Bausoldatenstationierung veränderte die Wahrnehmung des Ortes, von einem NS-Erinnerungsort zu einem Ort mit „doppelter Vergangenheit“.[19]

In diesem Sinne blieb der Historiker und Buchautor Stefan Wolter nach der Auflösung des Vereins als Sprecher einer Initiative aktiv. Neben der Bildungsarbeit,[20][21] Dokumentationen des einstigen Kasernenstandortes und der Sammlung von Zeitzeugenberichten[22] wurden denkmalpflegerische Unterschutzstellungen bedeutsam. Ein Wachtum in Mukran (2010)[23] und das Ensemble der einstigen Wache vor Block IV mitsamt Denkmal von Otto Winzer, Namensgeber der Hochschule der NVA für ausländische Offiziere (2011), wurden unter Denkmalschutz gestellt. „Aufgrund der geschichtlichen Bedeutung kommt ihr für die Dokumentation der Militärgeschichte der DDR und der Geschichte des Kalten Krieges ein wesentlicher Zeugniswert zu“, heißt es in der amtlichen Begründung.[24][25] In Block I, dem ehemaligen NVA-Erholungsheim, werden die Treppen mit dem schmiedeeisernen Geländer bewahrt. Auch im Gebäude der Jugendherberge wurden aufgrund der Initiative wenige Nutzungsspuren aus der DDR bewahrt.[26] Für die Arrestzellen in der heutigen Rezeption der Jugendherberge sowie einen ehemaligen „Klubraum“ gibt es Absichtserklärungen, diese in die künftige Bildungsarbeit einbeziehen zu wollen.[27] Die Besonderheit des Gemeinschaftsraumes ist ein Wandbild, das von einem Vorgesetzten und einem ehemaligen Bausoldaten gemalt worden ist und die Geschichte der Opposition veranschaulicht.[28][29]Im Frühjahr 2011 fand in Binz eine von der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern unterstützte Tagung zur Geschichte der Bausoldaten statt, die das Umdenken der Verantwortlichen nach "Jahren des Vergessens und Verdrängens" herausstellte und in Anknüpfung an die Initiative die Aufarbeitung der Militärgeschichte ankündigte.[30]

Im Jahr 2012 richtete Wolter einen offenen Brief an den Bundespräsidenten Joachim Gauck sowie an Vertreter von Politik, Medien und Kirche, in dem er noch immer anhaltende Widerstände gegen die umfängliche Aufarbeitung und Vermittlung der DDR-Geschichte beklagte.[31]Anlässlich der Eröffnung des Naturerbezentrums Rügen durch die Bundeskanzlerin Angela Merkel (2013) erinnerte Wolter in einem offenen Brief an den ausstehenden Aufbau eines Bildungszentrums zur „doppelten Vergangenheit“ bei der Jugendherberge. Dies sei eine „nationale Aufgabe“: Prora verkörpere „den heimlichen Aufbau der Kasernierten Volkspolizei. Proraer Soldaten seien mitbeteiligt gewesen an der Niederschlagung des Volksaufstandes im Juni 1953 in Berlin sowie am Mauerbau 1961. Andererseits seien von Proraer Bausoldaten frühe Impulse für die Demokratisierung der Gesellschaft ausgegangen.“[32]

Denk-MAL-Prora – SchriftenreiheBearbeiten

Den Prozess der Annäherung an die geschichtliche Rolle der Kaserne Prora dokumentiert die Schriftenreihe Denk-MAL-Prora. Die Reihe weist den Kampf um die Bewusstseinsbildung in Bezug auf die Nutzungsgeschichte Proras aus[33] und möchte Impulse für die Aufarbeitung der doppelten Vergangenheit vor Ort geben.[34]

An die Aufarbeitungen und Dokumentationen in der Reihe wird mittlerweile vielfach angeknüpft, auch in den Medien: So entstand im Anschluss an die „Geheime Aufzeichnungen eines Bausoldaten in Prora“ (Schriftenreihe Bd. 2) des Bausoldaten Uwe Rühle (herausgegeben von Stefan Wolter) eine Sendung zur doppelten Geschichte des Kolosses Prora – Naziseebad und Sperrgebiet in der RBB-Produktion „Geheimnisvolle Orte“ (2012).[35] Im Jahr 2014 wurden in einer Gemeinschaftsarbeit mit dem Förderkreis Bausoldaten Prora e.V. und dem vor Ort tätigen Bildungsvereins Prora-Zentrum zwei sogenannte „Zeitsplitter“ bzw. „Fenster in die Geschichte“ zugänglich gemacht, darunter die von Denk-MAL-Prora vor Jahren gesicherte Arrestzelle.[36][37]

  • Stefan Wolter: Kdf und Kaserne. (Un)sichtbare DDR-Geschichte in der Jugendherberge Prora. Spurensuche am Standort. Projekte-Verlag Halle, 2011, Band 1. ISBN 978-3-86237-503-5
  • Stefan Wolter (Hrsg): Geheime Aufzeichnungen eines Bausoldaten in Prora. Courage in der Kaserne, der heutigen Jugendherberge. Projekte-Verlag Halle, 2011, Band 2. ISBN 978-3-86237-630-8
  • Stefan Wolter: Asche aufs Haupt! Vom Kampf gegen das kollektive Verdrängen der DDR-Vergangenheit in Prora auf Rügen. Projekte-Verlag Halle, 2012, Band 3, ISBN 978-3-86237-888-3
  • Stefan Wolter (Hrsg): Kreuzfahrt vor dem Krieg. Mit dem Vergnügungsdampfer Meteor nach Norwegen – 1913. Projekte-Verlag Halle, 2012, Band 4. ISBN 978-3-95486-163-7
  • Wolfgang Repke: Prora, Block V, TH 4. Mein NVA-Reservistendienst 1988. Projekte-Verlag Halle, 2013, Band 5. ISBN 978-3-95486-388-4
  • Stefan Wolter: Pastorenkinder im Weltkrieg. Ein Lazarett- und Feldtagebuch von Tutti und Martin Begrich 1914–1918. Projekte-Verlag Halle, 2014, Band 6. ISBN 978-3-95486-455-3

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. vgl. Weblink (Perlentaucher)
  2. Bausoldat will Gedenken in Prora. Ostsee-Zeitung, 24. August 2007
  3. Protest mit dem Spaten Der Tagesspiegel, 7. Oktober 2007
  4. Satzung des Vereins(PDF-Datei
  5. Andreas Küstermann, Rügen - Deutschlands Schönste, 2008.
  6. Erinnerung braucht einen Ort, an den sie sich knüpfen kann. In: Zeitgeschichte regional 13. Jg., 2009, S. 85–94, zur Bildungsarbeit vgl. S. 92.
  7. Einladung zur Ausstellungseröffnung Briefe von der waffenlosen Front – Bausoldaten in der DDR. denk-mal-prora.de, 11. Juni 2009 Vom Armeegelände über Jugendzeltlatz zur JugendherbergeLeipzig-Seiten.de, 27.2.2011
  8. In Prora wird Geschichte der Bausoldaten ignoriert. Mitteldeutsche Zeitung, 21. August 2008
  9. Das Bad als Kaserne. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. November 2009
  10. Stefan Wolter: Prora – vom „doppelten Trauma“ im Kampf ums Erinnern zu den ersten Ansätzen für eine gelingende Wende. In: Zeitgeschichte regional. Mitteilungen aus Mecklenburg-Vorpommern 2/10 14. Jg., S. 61–69, dort auch die Außensicht des Dokumentationszentrum Prora (S. 70).
  11. Denk-MAL-Prora e.V. stellt Arbeit ein – Erinnerungskultur in Mecklenburg-Vorpommern um glaubwürdige Impulse ärmer. Pressemitteilung, 30. August 2010
  12. Prora-Verein wirft Land „unglaubwürdige Erinnerungskultur“ vor. Märkische Onlinezeitung, 30. August 2010
  13. Philip Schroeder: Um Prora fliegen wieder die Fetzen. Schweriner Volkszeitung, 30. August 2010
  14. Andreas Montag: Prora erinnert an Bausoldaten der NVA. Mitteldeutsche Zeitung, 23. November 2010
  15. Stefan Wolter: Asche aufs Haupt! Vom Kampf gegen das kollektive Verdrängen der DDR-Vergangenheit von Prora auf der Insel Rügen, 2012
  16. Prora als Militärstandort mehr beleuchten. Ostsee-Zeitung, 27. April 2012
  17. Wolfgang Klietz: Ostseefähren im Kalten Krieg. Links-Verlag 2012, S. 65.
  18. Martin Kaule: Geschichte und Gegenwart des KdF-Seebades Rügen. 2014.
  19. Prora/ verschiedene museale Angebote und Bildungsträger. Politische Memoriale, abgerufen am 18. Februar 2014
  20. Jugendherberge Prora eröffnet. ruegen-aktuell.de (ohne Datum, abgerufen am 13. August 2014)
  21. Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt – Ein Land voller Wunder! Ostsee Anzeiger, 15. Juni 2011
  22. Geschichten – Übersicht auf denk-mal-prora.de
  23. Chris-Marco Herold: Wachturm in Mukran wird Denkmal. Ostseezeitung, 31. Dezember 2009
  24. Antragsschreibenvom 26. Mai 2011 (PDF-Datei), zitiert bei denk-mal-prora.de Schreiben des Landesamt für Kultur und Denkmalpflege an die Untere Denkmalschutzbehörde Bergen vom 15. August 2011 (PDF-Datei, eingelesenes Bilddokument), zitiert bei denk-mal-prora.de
  25. Kann Wandbild vor Abriss gerettet werden?Ostseezeitung, 13. Januar 2013, zitiert die Denkmalbegründung und Rezeption der Antragstellung.
  26. Bausoldaten kritisieren Umgang mit der DDR-Zeit. nordkurier.de, zitiert bei neues-forum.info, 4. Juli 2011.
  27. Prora-Zentrum (Hrsg.): Waffenverweigerer in Uniform. Rostock 2011.
  28. Riesige NS-Ferienanlage in Prora wird umgebaut. Berliner Morgenpost, 11. Juli 2009
  29. Stefan Wolter: Das geht nicht! Eine Wandmalerei als Symbol des Widersetzens. In: Prora-Zentrum (Hrsg.): Waffenverweigerer in Uniform. Rostock 2011, S. 48–59
  30. Schmerzliche Erinnerungen an ProraOstsee-Zeitung, 29. April 2011.Schikane und Widerstand Ostsee-Zeitung, 29. März 2011
  31. Stefan Wolter: Rundschreiben an einen politischen Verteiler, 12. November 2012 (Eigenbeleg bei denk-mal-prora.de.) Abgedruckt in: Pastorenkinder im Weltkrieg. Ein Lazarett- und ein Kriegstagebuch von Tutti und Martin Begrich 1914-1918,Projekte-Verlag Halle 2014, S. 380-390.
  32. DDR-Bausoldat fordert Bildungszentrum zu Militärstandort auf Rügen. epd-Pressemeldung, 22. Mai 2013, veröffentlicht auf noodls.com (im Webarchiv vom 22. Febuar 2014)
  33. "Asche aufs Haupt!"Ostsee-Anzeiger, 19.12.12
  34. Vgl.zum Beispiel das Vorwort in Wolfgang Repke: Prora, Block V, TH4 (Schriftenreihe Denk-MAL-Prora Bd.4),2013.
  35. Das Geheimnis eines Bausoldaten. Leipziger Volkszeitung, 18./19. August 2012
  36. Verein kritisiert mangelhafte Geschichtsaufarbeitung in Prora. ostseeblick-nienhagen.de, 21. November 2011
  37. zur Eröffnung der Außenausstellung „Zeitsplitter“ in Prora/Rügen am 24. August 2014. Gemeinsame Presseerklärung des Förderkreis Bausoldaten Prora und Denk-MAL-Prora, 30. Juli 2014
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