Collection Baud. Afrika

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Die Sammlung Baud. Geschichte einer Afrikanischen Maskensammlung. Diese kleine Sammlung afrikanischer Masken und Figuren aus der französischen Kolonialzeit spiegelt exemplarisch - vom Ursprung, über Zusammenhänge bis hin zum heutigen Verbleib - das Wechselspiel zwischen Politik und historischer Kunstauffassung unter den jeweiligen Zeitumständen wieder. Geraubt und gehortet, gezeigt und gelobt, erschlichen und gefleddert, verramscht und verschollen. Die Geschichte der sogenannten „Sammlung Baud“ liest sich wie ein spannender europäischer Historienkrimi. In seinem zeitlichen Verlauf und mit seinen handelnden Personen hält er der Kultur- und Politszene des letzten Jahrhunderts den Spiegel vor. Die Sammlungsgeschichte dokumentiert, stellvertretend für viele Kunst- und Ethniensammlungen, ob nun in Privathand oder in Museen, die Abgründe, zwischen denen sich Kunst, Kommerz, Kriminalität und Politik oft bewegt haben und sich noch bewegen. Mancher Sammler von „art ethnographique“ [1] meint: „In guten Stücken wohnen starke Geister“. Allerdings täuscht eine solche Beurteilung oft über ganz banale und wenig spiritistische bzw. künstlerische Beweggründe hinweg unter denen sie einst Europa erreicht haben. Wobei bis heute immer wieder versucht wird diese Arbeiten, speziell aus dem westafrikanischen Kulturkreis nach „künstlerischen“ Wert bzw. dem Alter der Stücke materiell einzuordnen.

Die Entdeckung der „Primitiven“ in den 30er Jahren.[Bearbeiten]

Der Ursprung fast jeder bürgerlichen Sammlung unserer Tage hat aber meist sehr profane Gründe: Gelegenheit, Sentiment, Spekulation und nicht zuletzt eitle Selbstdarstellung. Der jeweils herrschende Zeitgeist und der Wechsel der Besitzer ändern diese Werte selten, gewichten sie nur anders. So ist das auch bei der ethnologischen Sammlung des Capitaine Baud gut nachzuvollziehen. Eine Besonderheit gegenüber anderen Sammlungen ähnlicher Art sind bei der „Sammlung Baud“ jedoch die nachweisbaren Berührungspunkte mit der zeitgenössischen Kunstszene im Paris der dreißiger Jahre, repräsentiert durch Namen, wie den Surrealisten André Breton [2] und die Meister der Modernen, Pablo Picasso [3] und Henri Matisse [4], vermarktet von Pierre Vérité[W] in seiner Galerie Carrefour. Man könnte auch sagen: Die Sammlung erschien zur richtigen Zeit am richtigen Ort um Beachtung zu finden.

Helmmaske, Vogelkopfmaske,Senoufo aus der Sammlung des Capitaine Baud.

Abb. Helmmaske, Vogelkopfmaske,Senoufo aus der Sammlung des Capitaine Baud. In der Inventarliste[3] aufgeführt.

Doch noch spektakulärer ist die fast schicksalhafte, enge Bindung dieser Sammlung an den Lauf der europäischen Geschichte. Entstanden im kolonialen Denken aus Besitzanspruch und Macht des ausgehenden 19ten Jahrhunderts, erlebt die Sammlung, die Zeit zwischen den Weltkriegen als ihre große Zeit. Sie geht dann als Teil der Kollaboration [5] in der deutschen Besatzungszeit genauso unrühmlich und wenig nachvollziehbar unter, wie das Vichy Frankreich [6] des Marshall Petain. Um schließlich in Teilen in den Dunstkreis des dubiosen Schweizer Bankiers und vermutlichen Nazi-Finanziers François Genoud[7p] [7] zu gelangen und als kläglicher Rest auf dem Hohenzollernschloß in Sigmaringen vor dem Vergessen kurz wieder aufzutauchen um dann wieder in Privatbesitz bis heute dahinzuschlummern.

So spiegelt sich das turbulente europäische Zeitgeschehen zwischen 1930 und 1945 fast karikaturenhaft in dem Schicksal der „Sammlung Baud“ wieder.

Der Ursprung der Sammlung.[Bearbeiten]

Wenig beachtet aber erfolgreich: Die Expeditionen des Capitaine Baud und des Lieutenant Vermeersch zwischen 1894 und 1904 von Dahomey aus. Seit etwa 1888 waren Joseph-Marie-Louis Baud [1p] und Jean Vermeersch [2p] aus Lothringen bei den französischen Kolonialtruppen zur Niederschlagung der Aufstände in Dahomey [8] eingesetzt. Pikanterweise zogen die zwei Franzosen gegen die Amazonen des Königs von Benin zu Felde, die sie ein paar Jahre vorher mit modernen Gewehren ausgerüstet hatten. 1894 waren diese Aufstände endgültig niedergeschlagen. Von da an unternahmen beide im Namen der französischen Kolonialverwaltung diverse Eroberungsexpeditionen von der Küste weg ins Sahel Gebiet hinein. Diese militärischen Expeditionen führten sie in den Norden Dahomeys bis an die Ufer des Niger. Sie zogen weiter nach Westen, immer entlang des Nigers, in die Region Haute Volta und in den Norden der Côte d’Ivoire. Etwa um 1898 erreichte eine weitere von beiden angeführte Kolonialisierungsexpedition, die zuerst dem Niger nach Osten folgte, dann das Tal des Niger verließ, immer nach Osten ziehend, unbemerkt Nordnigeria durchquerte, über den Handelsposten Maiduguri das westliche Ufer des Tschadsees. Das Westufer des Sees und das südliche Nigertal verband jetzt die „Region Niger“ mit dem bereits als französisches Kolonialgebiet definierten Südsudan. Im Krieg gegen die Leute aus Bornu 1899/1900, in dem eine Baud-ähnliche Miltitär- und Forscherpersönlichkeit, Amédée-François Lamy, im Kampf fiel, entstand der Außenposten Fort Lamy, an der Stelle, wo vor zwei Jahren Veermersch und Baud bereits die Trikolore gesetzt hatten. Doch die Geschichte nahm all diese Tatsachen nicht besonders zur Kenntnis. Das persönliche und historische Pech dieser französischen Offiziere war, dass sie in diesem Jahr 1898 auf einem Nebenschauplatz diverser Kolonialexpeditionen unterwegs waren.

Im Brennpunkt des Jahres 1898 viel beachtet aber erfolglos ein anderer Franzose: Capitaine Marchand in Faschoda. In Europa war nämlich, genau in diesen Tagen, stellvertretend für ganz Afrika, allein die Festung Faschoda am weißen Nil in aller Munde. Man verfolgte gebannt das Ende der Expedition des berühmten Capitaine Marchand dorthin. Er erregte mit seiner glücklichen Ankunft am weißen Nil höchstes Aufsehen und publizistische Beachtung in Paris, London, Rom und Berlin. Dieser Haudegen der Kolonialgeschichte Frankreichs war mit 150 Schützen und einer Handvoll bewährter Offiziere 1896 vom Protektorat Loango aus, das nördlich des Kongo Flusses lag, an den weißen Nil gezogen und hisste dort auf der Festung von Faschoda am 10. Juli 1898 die Trikolore. Ein paar Wochen später kam es hier nun zu einer ernsten Konfrontation zwischen dem Vereinigten Königreich Grossbritannien und Frankreich auf afrikanischem Boden. Als ebendort Lord Kitchener mit fünf schwer bewaffneten Kanonenbooten unter ägyptischer Flagge, einer Kompanie Dudelsack blasender Schotten und zwei Bataillonen ägyptischer Infanterie auftauchte. Europa hielt den Atem an. Ein Krieg schien wegen Faschoda unvermeidlich. Jedoch am 4. November des gleichen Jahres lenkte Frankreich ein und berief Capitaine Marchand ehrenvoll ab. Capitaine Baud entwickelt eine neue Kolonialstrategie: Die „ethnologische Militärexpedition“

Die ganze Geschichte um Faschoda betraf insoweit die militärischen Unternehmungen des Capitaine Baud und seiner Mannschaft, in dem er, von nun an, nicht nur sehr vorsichtig an der Grenze Englands operieren musste, die östlich von Dahomey verlief, sondern er auch im Westen eingeengt war, wo Togo sich als deutsche Kolonie manifestiert hatte. So gestalteten Baud und Vermeersch ab Ende 1898 ihre, wohl manchmal sehr „privat-national“ gestalteten Expeditionen mit einer, für Militärs ihrer Zeit erstaunlichen ethnologischen Umsicht. Zur Freude einiger Herren in Paris fuhren sie nun als „forschende Militärs“ mit der Unterwerfung bzw. Befriedung diverser Stämme in den Randgebieten von Französisch-West- und Äquatorialafrika [9] fort, deren Stammesgrenzen ganz und gar nicht mit den kolonialen Grenzen übereinstimmten [1]

Geschenkt, konfisziert, vergessen und wiedergefunden.

Schicksalsworte, mit denen die Sammlung Baud von nun an eng verbunden bleibt. Ob nun das Einsammeln von Masken, Statuen, Speeren und sonstigen Gegenständen auf ihren sogenannten Expeditionen allein der politischen Alibifunktion oder auch wirklichem ethnologischem Interesse von Baud und Vermeersch entsprachen, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Die Qualität einiger Stücke der Sammlung spricht allerdings für ein gewisses Verständnis. Ob konfisziert oder als Gastgeschenk, auf Märkten getauscht oder sonst wie in den Besitz des Capitaines gelangt, auch hier lässt sich einiges nur noch mit Mühe nachvollziehen, das Meiste bleibt aber eher im Dunkeln. Fest steht allerdings, Baud lagerte über die Jahre hinweg eine ansehnliche, ethnologisch interessante Sammlung von Stücken der diversen Stämme West- und Zentralafrikas in der Polizeipräfektur von Porto Novo ein, bis ihn 1904 wohl irgendwo in Dahomey die Malaria niederraffte. Hier verliert sich seine Spur, genauso wie die des Lieutnant Vermeersch.

Was blieb war die Sammlung des Capitaine Baud, von der niemand etwas wusste, geschweige denn sie vermisste. Erst, ein halbes Menschenalter später, im Jahre 1934, sollte sie als persönliches Hab und Gut des werten Verblichenen, das in diesen Jahren intellektuell brodelnde Paris erreichen.

 

Sehr schlecht erhaltene Antilopenmaske aus der Sammlung des Capitaine Baud. Ursprung nicht genau bekannt. Etwa um 1900

Abb.: Sehr schlecht erhaltene Antilopenmaske aus der Sammlung des Capitaine Baud. In der Inventarliste[3] mit ungenauem Ursprung aufgeführt.

 

Von Porto Novo nach Paris. Die Geister der Sammlung melden sich aus der Versenkung.

Anfang 1934 tritt in der Polizeipräfektur in Porto Novo / Dahomey Sylvain Robert als neuer Kommandant seinen Dienst an. Er wird als korrekter und gewissenhafter Elsässer geschildert, der gerade am Beginn seiner Laufbahn steht. Damals galt der Einsatz in Übersee als ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einer Karriere im Mutterland.

Folgerichtig übernimmt und ordnet er seiner Mentalität entsprechend alles Inventar der Präfektur. Dabei stößt er auf fünf Überseekoffer des verstorbenen Joseph Baud, gefüllt mit Masken, Statuen, Speeren und Schilden und vielem weiteren persönlichem Habe. In den Akten findet er auch das Testament des Capitaine Joseph Baud und lässt es vom örtlichen Notar öffnen.

Hieraus geht hervor, dass der unverheiratet gebliebene Baud verfügt hat, dass sein Nachlass an den Mann seiner Schwester, einen gewissen Sylvain Eugène Raynal gehen soll. Dieser Raynal hat, wie Baud, die militärische Laufbahn eingeschlagen.

Sylvain Robert veranlasst den Versand des Erbes nach Frankreich zu Raynal. Gewissenhaft lässt er Stück für Stück den Inhalt der Koffer in einer „Liste d’inventaire du materiel“ aufnehmen, versieht diese Liste der Ordnung halber noch mit dem handschriftlichen Vermerk „Succession“ (Nachlaß). In einem Begleitschreiben an Raynal entschuldigt sich Robert förmlich für den teilweise schlechten Zustand des Inhalts der Koffer, in die wohl einige Termiten mit eingepackt worden waren. Weitere Schäden, besonders an Uniformstücken, die auch beklagt werden, sind sicher auf das feuchtheiße Klima von Dahomey zurückzuführen.

Dieser pedantischen Ordnungsliebe des Sylvain Robert ist es zu verdanken, dass die Stücke durchnummeriert wurden und rudimentäre Herkunftsangaben gemacht wurden. Woher diese Angaben jedoch stammen lässt sich aus den gesichteten Unterlagen nicht entnehmen. Vielleicht gab es in den Akten Aufzeichnungen von Baud, vielleicht lebte damals noch Jean Veermersch in Porto Novo und war Robert bei der Inventarliste behilflich?

So perfekt dokumentiert geht das persönliche Habe des vor 30 Jahren Verschiedenen auf Kosten der Präfektur von Porto Novo auf die lange Seereise nach Le Havre.

Die Koffer und Le connaissement sind dann im Herbst 1934 bei Raynal in Boulogne-Billancourt (Hauts de Seine) eingetroffen. Die beigefügte Verladeliste bildet später die Basis einer Ordnung der „Sammlung des Capitaine Baud“[3].

 

Die Pariser Jahre der Sammlung Baud vor dem zweiten Weltkrieg.

Der Zeitgeist verleiht der ethnologischen Kolonialsammlung das Prädikat Kunst. Monsieur Raynal konnte mit den 5 Koffern, die ihm der pflichtbewußte Sergeant Robert aus Porto Novo da geschickt hatte nicht allzu viel anfangen. So entgeht die „Sammlung Baud“ nur durch den Umstand, dass eine Nichte des Capitaine Baud, Yvette Baud von der Hinterlassenschaft ihres Onkels erfährt, erneut ganz knapp der nächsten Schlummerphase. Mademoiselle Baud erklärt sich bereit sich um die Masken, Statuen und sonstigen afrikanischen Gegenstände zu kümmern und einen möglichen Verkauf einiger Stücke zu versuchen.

Schnell stellt die agile Studentin der Philosophie aus Lyon fest, dass es sich hier wohl um museale Stücke handeln könnte. Ihr ist es auch nicht entgangen, dass im Umfeld der aktuellen, jungen Pariser Künstleravantgarde die sogenannte art d’négre[2] in Mode gekommen ist und sich bereits einige mutige Galeristen damit befassen. Sie holt Monsieur Dupres von der Societé de l’Africanistes[4] zu Hilfe. Zusammen beschließen sie eine Verkaufsausstellung zu organisieren. Als bezahlbarer Ort wird das Hotel Paix Madelaine im Zentrum von Paris ausgeschaut und sie veranstalten dort an einem Wochenende im März 1935 ihre Verkaufsausstellung unter dem Titel:

L’ART NÉGRE – LE COLLECTION CAPITAINE BAUD.

Korrekterweise wird im Ausstellungskatalog Sylvain Eugène Raynal als Besitzer der Sammlung, neben einer kurzen Biographie des Joseph-Marie-Louis Baud erwähnt[5].

 

Wie den Unterlagen - einer Kopie von übrig gebliebenen 3 Seiten der Liste d’inventaire du materiel[3] und Fragmenten eines Ausstellungskatalogs[5] - zu entnehmen ist, waren die Ausstellung und der Verkauf wohl ein Erfolg. Am meisten kaufte Pierre Vérité[W] [3p], ein Maler, der sich jedoch schon 1935 zusammen mit seiner Frau Suzanne mit der Eröffnung einer Galerie für afrikanische Kunst beschäftigte, was er dann 1937 unter anderem mit vielen Stücken aus der Sammlung Baud realisierte.

Aus den Unterlagen lassen sich sogar zum Teil exakt die Stücke bestimmen, die Yvette Baud an Pierre Vérité[3p] und Andere, darunter viele Maler und Bildhauer, die heute einen Namen haben, verkaufte. Verfolgen lässt sich das hier exemplarisch an dem Beispiel eines Bronzekopfes. Diesen Bronzekopf kaufte Pierre Vérité nachweislich für 8.000 Franc. Das entsprach etwa dem Preis eines kleinen Peugeots zu dieser Zeit. Picasso bezahlte dafür in der Galerie Carrefour 1944 immerhin schon 48.000 Franc, was wiederum etwa dem damaligen Preises eines Citroen (bekannt als Gangsterlimousine) entsprach. Pierre Vérité verkaufte seine besten Objekte nur ungern. Er lagerte sie lieber in seinem Landhaus ein, weswegen der Fachwelt bis heute viele Werke verborgen sind. Seine Söhne Pierre und Claude Vérité waren da etwas geschäftstüchtiger und so verkauften sie nach dem Kriege auch einige Stücke aus der Collection Baud, die sie von ihrem Vater übernommen hatten. Welche Stücke aus der Sammlung Baud das genau waren, lässt sich nicht mehr feststellen, da die zur Verfügung stehenden Katalogseiten mit den Verkaufsvermerken unvollständig sind.

 

 

Katalogseite[5] mit dem Bronzekopf (oben links), den entsprechend handschriftlichem Vermerk, Claude Vérité auf der Verkaufsaustellung 1935 gekauft hat und den er dann 1944 an Pablo Picasso weiterverkaufte. Der Kopf steht heute im Museum.

Abb.: Katalogseite[5] mit dem Bronzekopf (oben links), den entsprechend handschriftlichem Vermerk, Claude Vérité auf der Verkaufsaustellung 1935 gekauft hat und den er dann 1944 an Pablo Picasso weiterverkaufte. Der Kopf steht heute im Museum.

 

Pierre Vérité war in der Startphase seiner Galerie und auch noch in der Kriegszeit ein wichtiger Lieferant des Schweizer Sammlers Josef Mueller[3p-1] aus Solothurn. Aus dieser Sammlung entstand nach seinem Tod das heutige Museum Barbier-Müller[W] in Genf. Desweiteren war Abel Bonnard[4p], späterer Minister für Nationalerziehung unter dem Vichy-Regime, auch ein gelegentlicher Kunde seiner Galerie und kaufte wohl auch einige Stücke bei ihm.

Monsieur Sylvain Eugène Raynal war wohl mit dem Verkaufserlös ausgesprochen zufrieden und so deklarierte er ab da diese Sammlung als sein Privatvermögen, was sich dann auch in seinem Testament von 1938 niederschlug.

 

Die Sammlung in den Jahren der Kollaboration.

Noch vor dem Tod von Raynal 1939 wird Robert Brasillach, Freund der Familie und Sohn eines französischen Kolonialoffiziers aus Perpignan, von ihm zum Verwalter der Sammlung Baud bestellt. Brassillach ist unter der deutschen Besatzung Herausgeber und Chefredakteur der rechtsradikalen Zeitschrift "Je suis partout". Betreut wird er vom deutschen Literaturzensor in Paris, Leutnant Gerhard Heller. Nach dem Abzug der deutschen Besatzung stellt sich Brassillach Mitte September 1944 der französischen Justiz und wird 1945 hingerichtet.

 

Der dubiose Besitzerwechsel von Sylvain Raynal zu Abel Bonnard mit Hilfe der Gestapo.

Auf Drängen von Gerhard Heller und dem deutschen Botschafter Otto Abetz vermittelt Brasillach die „Schenkung“ der Sammlung, sehr wahrscheinlich im Sommer 1942 an Abel Bonnard[4p]. Wohl als Morgengabe zu dessen Ernennung als Minister für Nationalerziehung unter dem Vichy-Regime.

In einem Prozess, den Bonnard Anfang der 60er Jahre, aus seinem spanischen Exil zurückgekehrt, gegen den französischen Staat führte, schimpfte der einstige Minister für Nationalerziehung und Vertraute von Hitlers Vichy-Botschafter Abetz, mit dem Prozessverlauf äußerst unzufrieden: "Aber wer gibt mir die 15.000 Bände meiner Bibliothek zurück? Meine Sammlung chinesischen Porzellans und meine afrikanischen Masken und Statuen?"

Seine Sammlerleidenschaft und eine etwas seltsame Einstellung zum Eigentum bewies Bonnard schon zu Zeiten der Vichy-Regierung. So wollte er 1942 das Altarbild der Brüder van Eyck "Die Anbetung des mystischen Lammes", ein Meisterwerk der frühniederländischen Malerei, das zu Anfang des Krieges aus der Genter Kathedrale in das Museum von Pau verlagert worden war, Hermann Göring zum Geburtstag schenken. Als die französischen Museumsdirektoren gegen dieses Vorhaben protestierten, ließ er diese Idee fallen, erteilte den Herren aber eine dienstliche Rüge[7].

 

Mikrofilmabzug der „Übertragungsurkunde“ der Sammlung Baud an Abel Bonnard von 1942. Er zeigt deutlich den Umgang und die oft illegale Inbesitznahme von Kunst- und Kulturgütern in den von Deutschland im 2. Weltkrieg besetzten Ländern

Abb.: Mikrofilmabzug der „Übertragungsurkunde“ der Sammlung Baud an Abel Bonnard von 1942. Er zeigt deutlich den Umgang und die oft illegale Inbesitznahme von Kunst- und Kulturgütern in den von Deutschland im 2. Weltkrieg besetzten Ländern.

 

Ein bizarrer Tausch: Sammlung gegen Sitzplatz.

Bonnard gehörte zusammen mit dem Ex Ministerpräsidenten der Vichy Regierung Laval zu jener Gruppe privilegierter Kollaborateure, die am 2. Mai 1945 mit einer Junkers -Maschine nach Barcelona geflogen wurden. Außer Laval und dessen Frau hatten Lavals Mitarbeiter, Justizminister Maurice Gabolde, der Sprecher der französischen Sendungen des Reichspropagandaministeriums Jean-Hérold Paquis[5p] und Abel Bonnard ihre Plätze an Bord der Maschine eingenommen. Kurz vor dem Abflug kam es zu einem Eklat. Bonnard verlangte sein Bruder, der auch in Sigmaringen aufgetaucht war, solle den Platz des Rundfunksprechers erhalten. Als Gegenleistung übereignet er Paquis - nach eigener Aussage auf Drängen eines Gestapo Mannes - die Sammlung Baud und einige andere Kunstgegenstände, die zusammen mit dem Vichy-Troß im September 1944 als stille Finanzreserve in Sigmaringen gelandet waren.

 

Der Weg aufs Schloss der Hohenzollern.

Ab September 1944 logiert, unter der Obhut der Nazis, die französische Vichy-Regierung im schwäbischen Sigmaringen[8]. Das dortige Hohenzollernschloss wird neuer französischer Regierungssitz. Mit dabei ist auch Georges Oltramare[6p], ein Mann der ultrarechten Kollaboration. Nach Informationen des Wiesenthal Zentrums [10] war er ein vom deutschen Botschafter in Paris, Otto Abetz, bezahlter Agent und guter Freund von Abel Bonnard.

Schon bevor Bonnard nach Spanien geflohen war, beauftragte Paquis[5p], wohl mit Einverständnis von Bonnard, den Journalisten Oltramare[6p] mit der Übersiedlung der Koffer und dem Verkauf der Kunstgegenstände in der Schweiz, um an die nun dringend benötigte Devisen zu kommen. Doch Paquis[5p] wartete nach dem Abflug Bonnards vergebens in Sigmaringen auf die Rückkehr seines Gesinnungsfreundes. Oltramare[6p] hatte sich bereits vor der deutschen Kapitulation in die Schweiz abgesetzt, wo er am 21. April 1945 kurzzeitig arrestiert wurde, aber, auf Fürsprache des, den Nazis nahestehendem Lausanner Bankiers François Genoud schnell wieder freigesetzt wurde. Paquis wiederum versuchte nun seinerseits Oltramare[6p] in die Schweiz zu folgen, wird aber am 8. Juli 1945 an der grünen deutsch-schweizerischen Grenze am Bodensee von der französischen Militärpolizei verhaftet, nach Frankreich verbracht, verurteilt und später hingerichtet. Was von „seinem“ Bonnard-Besitz in Sigmaringen geblieben ist, oder was woanders hin verbracht wurde, ist unbekannt.

Im Großen und Ganzen hat Oltramare die Geschichte der Übergabe von Kunstgegenständen Bonnards an Genoud bei seinen Vernehmungen in Frankreich 1947 bestätigt. Allerdings behauptete er, dass einige Koffer mit der chinesischen Porzellan-Sammlung und ein Koffer mit Stücken der L’Art Négre Sammlung in Sigmaringen verblieben seien. In den Vernehmungen gibt es allerdings auch Hinweise, dass er sich mehr als einmal mit François Genoud[7p] getroffen hat, woraus geschlossen werden kann, dass dieser ihm seine Flucht über Spanien nach Ägypten finanziert hat. Heute weiß man ziemlich sicher, dass eben dieser Schweizer Bankier (François Genoud) maßgeblich an Kunst- Gold- und Finanztransfers der Nazis während und kurz nach dem zweiten Weltkrieg maßgeblich beteiligt war.

 

Die Reste der Sammlung tauchen nach dem Krieg in Süddeutschland auf.

Ende der 60er Jahre trat ein Mittelsmann von Abel Bonnard[4p] an die Familie des heutigen Besitzers der Sammlungsreste heran und forderte die Rückgabe. Allerdings legte er eine Liste vor, die wesentlich mehr Stücke aufführte als in Sigmaringen verblieben waren. Daraus lässt sich evtl. schließen, dass Bonnard von dem Verbleib vieler Teile in der Schweiz nichts wusste. Nachdem auf das Ansinnen von Bonnard nicht reagiert wurde verlief die gesamte Angelegenheit im Sande und die wenigen Stücke, die den Krieg unbeschadet überstanden hatten befinden sich heute zusammen mit einigen zeithistorischen Dokumenten im Privatbesitz.

 


 

Weblinks [W]

Galerie Pierre Vèritè, Paris http://detoursdesmondes.typepad.com/dtours_des_mondes/2006/06/la_collection_v.html

http://www.welt.de/print-welt/article222262/Auktion_der_geheimnisumwitterten_Tribal_Art_Sammlung_Verite.html

http://www.tribalmania.com/VERITESALE.htm

Museum Barbier-Mueller, Genf http://www.barbier-mueller.ch/

Galerie Herrmann Berlin http://galerie-herrmann.com/


 

Quellenverzeichnis [1-8]

[1] Dareste, P. Le régime de la propriété Française en Afrique Occidentale Française (Paris 1908)

[2] Delafosse, M. Le Négres (Paris 1927)

[3] Liste de inventaire personelle d’Capitaine Joseph Baud Porto Novo, Dahomey (1942 beglaubigte Kopie Paris)

[4] Annuaire de Societé de l’Africanistes (Paris 1935)

[5] Ausstellungs-/Verkaufskatalog L’Art Négre, La Collection Capitaine Baud, 1935, unvollst. (Privatbesitz, Süddtschld.)

[6] Kunst und Wissen / hrsg. vom Freien Deutschen Kulturbund in Grossbritannien. „… Paquis versucht nach der Kapitulation Stücke aus der Sammlung Baud (L’Art Négre) in die Schweiz nach Lausanne zu verbringen. Er wird am 8. Juli 1945 an der deutsch-schweizerischen Grenze von der frz. Militärpolizei verhaftet, nach Paris verbracht zum Tode verurteilt und hingerichtet. Wo sein Besitztum, unter anderem die Sammlung Baud und andere Kunstgegenstände seines politischen Freundes und der Kollaborateur Abel Bonnard selbst verblieben sind ist ungeklärt.“ (London 19 Oct 1945)

Anm. Zeitungsnotiz v. 19. Oktober 1945 in der Exilzeitung Kunst und Wissen / London über Paquis und die Sammlung Baud / Abel Bonnard (und den Versuch die Sammlung in die Schweiz über den Bankier Francois Genoud zu verkaufen / verschieben??)

[7] Abel Bonnard, Inédits politiques, Manuscriptes. (Archiv ministérielle, Le Site de Paris)

[8] Louis-Ferdinand Celine, D'un château l'autre, (dt. Von einem Schloss zum andern) Gallimard, 1957

 


 

Personenregister [1p-7p]

[1p] Joseph-Marie-Louis Baud (1864-1904), explorateur passé de Saint-Cyr à l'infanterie de marine, multiplia les expéditions. La plus fameuse d'entre elles le mena au Dahomey pour un long périple aux côtés du chef d'escadron Decoeur et du lieutenant Vermeersch : il s'agissait de multiplier les protectorats français en songeant toujours à prendre de l'avance sur les Allemands et les Anglais. Au terme d'une course-poursuite, ils avaient signé nombre de traités avec les indigènes, ce qui valut à notre explorateur la médaille de la Société de géographie et le titre de capitaine. Il voyagea jusqu'à la fin de sa vie afin d'offrir à son pays toujours davantage de territoires nouveaux.

[2p] Jean Veermersch, (1866-?), Leutnant aus Lothringen in der französischen Kolonialtruppe bis 1912.

[3p] Pierre Vérité, geb. 1900 war ursprünglich Maler. Er entdeckte seine Leidenschaft für afrikanische Stammeskunst bereits um 1920 und etablierte sich bald als Fachhändler. Die Galerie Carrefour, die er ab 1937 mit seiner Frau Suzanne betrieb und in welcher der 1929 geborene Sohn Claude mit seiner Frau Janine ab 1948 mitarbeiteten, befindet sich am Boulevard Raspail, in unmittelbarer Nähe der Brasserie «La Coupole». Pablo Picasso, André Breton, Paul Eluard verkehrten an beiden Adressen. Auch der Schweizer Sammler afrikanischer Stammeskunst Josef Müller [3p-1]  gehörte zum Vérité-Kundenkreis.

[4p] Abel Bonnard geb. 1883, französischer Dichter und Romanschriftsteller. Seine frühe Erziehung begann in Marseille mit Sekundärstudien am Lycée Louis-Le-Grand in Paris. Als Literaturstudent war er ein Absolvent der École du Louvre und ein Mitglied der École française de Rome. Politisch gesehen war er ein Anhänger von Charles Maurras. Er war Minister für Nationalerziehung unter dem Vichy-Regime (1942–1944) Er war eines der vier Mitglieder der Académie française, die nach dem Zweiten Weltkrieg wegen Zusammenarbeit mit Deutschland vom Institut ausgeschlossen wurden. In Abwesenheit wurde er wegen seiner Tätigkeiten in Kriegszeiten zum Tode verurteilt. Er flüchtete nach Spanien; dort wurde ihm unter der Regierung Francos Asyl gewährt. 1960 kehrte er nach Frankreich zurück, um dort seinem Wiederaufnahmeverfahren beizuwohnen. Er wurde zu einer symbolischen Strafe von 10 Jahren Verbannung ab 1945 verurteilt. Er war jedoch mit dem Schuldspruch unzufrieden und kehrte nach Spanien zurück.

[5p] New York Times Archive. Paquis, Jean-Herold (1912-1945) – French collaborator; Radio Paris broadcaster; member, French Popular Party (Parti Populaire Française - PPF) arrested near the Swiss frontier 8 Jul 1945 (LT 10 Jul 1945:3:c); put on trial by a French court for treason 17 Sept 1945 (NYT 17 Sept 1945:12:6); convicted and sentenced to death by the Paris Court of Justice 17 Sept 1945 (NYT 18 Sept 1945:9:6; LT 18 Sept 1945:3:d); executed by firing squad at Fort de Chatillon 11 Oct 1945 (NYT 12 Oct 1945:5:2; LT 11 Oct 1945:3:d; LT 12 Oct 1945:3:c; Purge p. 140). New York

[6p] Archive S.K.Kitson U.K. Georges Oltramare, French antisemitic journalist; paid agent of German Ambassador Otto Abetz[6p-1] {fled France and went to Sigmaringen, Germany in 1944; then escaped to Switzerland; arrested there 21 Apr 1945; provisionally released; rearrested by French authorities 1 Feb 1947; put on trial for collaboration; convicted and sentenced to 3 years imprisonment; released; sentenced to death in absentia by a French court 12 Jan 1950; fled to Spain and later to Egypt where he made anti-semitic radio broadcasts; died at Paris 16 Aug 1960 (S.K.Kitson, La persécution des juifs d'Europe)

[7p] François Genoud, Bankier Lausanne, geb. 1915. Helfer und Sympathisant von Nazi-Verbrechern. Nach dem Krieg beteiligte sich Genoud finanziell an der Fluchthilfe für NS-Verbrecher (Operation ODESSA) und erwarb von den Familien von Adolf Hitler, Martin Bormann und Joseph Goebbels die Veröffentlichungsrechte ihrer Dokumente. Während und nach dem 2ten Weltk´rieg aktiv in der Verwertung von in die Schweiz transferierter bzw. geschmuggelter Nazi-Beutekunst und Raubgold, das die Nazis während und nach dem Krieg nicht über andere Schweizer Banken verwerten konnten.

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