Carlo Tamagnone

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Carlo Tamagnone (* 1937 in Turin) ist italienischer Philosoph.

Nach Studien der Naturwissenschaft hat er sich den geisteswissenschaftlichen Disziplinen zugewandt. In der Folge hat er seine Interessen ausschließlich auf die Philosophie konzentriert und sich auch mit Kulturanthropologie, Psychoanalyse und kognitiven Wissenschaften beschäftigt.

Theoretische Grundlagen[Bearbeiten]

Die Philosophie von Tamagnone ist atheistisch, anti-metaphysisch und stark von der Naturwissenschaft beeinflusst. Insbesondere auf der ontologischen Ebene ist das Augenmerk für die Physik und die moderne Biologie sehr stark spürbar. Der Philosoph entwickelt vier klassische Aspekte des Philosophierens, die miteinander verflochten sind und einander überlagern: den ontologischen, den gnoseologischen (erkenntnistheoretischen), existenziellen und den historiographischen Aspekt. Beim ersten stellt er sich die Frage „was ist die Realität?“, beim zweiten „wie kann man sie erkennen?“, beim dritten „wie wirkt sie sich auf das Leben des Menschen aus?" und schließlich beim vierten „wie ist sie durch die Jahrtausende gesehen worden?“.

Ontologie[Bearbeiten]

Nach Meinung von dieser Philosoph kommt die echte Ontologie nicht ohne Elementarteilchenphysik und Astrophysik aus, sonst verfällt sie in die Metaphysik zurück, welche die Dinge mystifiziert und auf falschen Prämissen beruht, die durch logisch-dialektische Mechanismen bestätigt sind. Es werden also arbiträre Hypostasen mit einem unzulässigen „Sprung“ von der Logik zur Ontologie als Strukturen des Seins angenommen.

Die Ontologie muss auf der Physik gründen, aber auf dem Horizont des ontologischen Pluralismus auch weiter gefasste Realitäten einschließen. Das beruht auf zwei Pfeilern: dem Pluralismus und dem Indeterminismus, 1. weil die Elementarteilchen das Universum geschaffen haben, 2. weil sich dieses indeterministisch entwickelt. Das Vorhandensein des Falls wie auch der Notwendigkeit bei den Entstehungsprozessen des Kosmos und bei den kosmologischen Prozessen bestärkt die Annahme des ontischen Probabilismus, der die kosmische Evolution auf allen Ebenen des Seins steuert. Ein Sein, das ein Werden ist, weil es dabei ist, die seienden Dinge zu entwickeln, und das Ganze durch die Wege, die Strukturen und die Systeme geschaffen wird.

Gnoseologie (Erkenntnistheorie)[Bearbeiten]

Das Erkennen beherrscht die Philosophie von Tamagnone und verbindet sich mit der modernen Naturwissenschaft, indem es die Arten untersucht, mit denen man etwas erkennen kann. Dabei werden die Erkenntnisgrenzen berücksichtigt, die sich die Metaphysik nicht auferlegt, weil sie mit dem Instrumentarium von Logik und Dialektik ad hoc „erfindet“ und „konstruiert“.

Epistemologie[Bearbeiten]

Das physisch Wirkliche wird auf allen Ebenen von den Bestandteilen, die den Strukturen, den Verbindungen, den inneliegenden Mechanismen und den Modifizierungen der Evolution zugrunde liegen getragen. Man sucht Ursachen und Wirkungen, Geburt und Tod, Verbindungen und Trennungen, Verhältnisse und Gegensätze. Die Erkenntnis ist „in Evolution begriffen“ und baut sich auch durch Irrtümer auf. Die Naturwissenschaft irrt sich und indem sie sich irrt, korrigiert sie sich. Und bei dieser Korrektur nähert sie sich immer mehr der Realität an. Und die Philosophie wird, indem sie jede Bindung zur Metaphysik auflöst, zu einer wirklichen „Liebe zur Erkenntnis“.

Philosophie des Verstandes[Bearbeiten]

Der Philosoph sieht den Verstand als eine plurifunktionale Struktur, die mit neuronalen „Organisationen“, „Unterstrukturen“ und „Infrastrukturen“ arbeitet, wobei seine Funktionsfähigkeit das Ergebnis der Art und Weise ist, wie diese arbeiten und Gedanken, Empfindungen, Intuitionen, Gefühle und Emotionen hervorbringen. Die Organisationen sind Psyche, Intellekt, Vernunft und Seele. Die Infrastrukturen sind das Gewissen und das Gedächtnis. Die Unterstrukturen sind die Intentionalität und der Wille. Er betont dabei, dass es dabei nicht um eine topische, sondern ausschließlich um eine funktionelle Aufteilung handelt.

Ethik[Bearbeiten]

Die Ethik von Tamagnone ist eine radikale Ethik der Freiheit, die aus der Befreiung von den Fesseln der Metaphysik geboren ist. Die metaphysische Freiheit ist daher die „Mutter aller Freiheiten“.

Ästhetik[Bearbeiten]

Diese basiert auf zwei Empfindungen: dem Sinn für das Tragische und dem Sinn für das Komische. Der erstere ist das Bewusstsein, dass der Mensch zum Unwissen verurteilt und vom Leiden heimgesucht, zur Endlichkeit und zur Vernichtung im Tod verdammt ist. Das Komische entsteht als „Kurzschluss“ zwischen der Notwendigkeit und der Freiheit.

Anthropologie und Psychologie[Bearbeiten]

Die archaischen Gesellschaften sind für Tamagnone die paradigmatischen Kontexte für die Erforschung dessen, wie die Weltanschauungen (Sichtweisen der Welt) entstehen. Der Mensch neigt spontan dazu, die psychische Investition (nach Freud’schen Begriffen) niedrig zu halten, um eine psychische Homöostase zu erreichen. Daher entsteht die Hypostase des „Übernatürlichen“ und ein imaginäres Subjekt, das die menschliche Existenz und deren Zukunft garantiert: ein Gott als Vater, Schützer, Inquisitor und Richter. Die psyschische Homöostase ist ein Geisteszustand, zu dem wir alle neigen, weil er beruhigt und befriedigt, der Welt und uns in ihr einen Sinn gibt und das Unbekannte, die Ungewissheit, die Unordnung und den Tod austreibt.

Der Existenzialismus des realen anthropischen Dualismus[Bearbeiten]

Der Philosoph schlägt einen „Postmaterialismus“ und einen von Sartre sehr verschiedenen laizistischen Existenzialismus vor, wobei eine starke Neubewertung der Affekte, der ethischen und ästhetischen Empfindungen und der Emotionen des Erkennens und Entdeckens geschieht. Erfahrungen einer Realität, die nicht auf die Materie reduziert werden kann, sondern nur intuitiv erfasst werden kann, und die Aiteria genannt wird.

Schicksal[Bearbeiten]

Tamagnone sieht das Schicksal als einen Versuch, bestimmte Dinge sicherer als andere zu machen. Es sei kein Faktor a priori, sondern ein in Entwicklung begriffener, wobei das genetische Erbe als Grundfaktor anzusehen sei, aber auch frühkindliche „Prägung“, Umstände, Situationen und Rollen zu berücksichtigen seien.

Historiographische Forschung[Bearbeiten]

Dieser Philosoph hat neben der Ausarbeitung der Theorie auch bedeutende historiographische Forschungen durchgeführt und Lücken in der Philosophiegeschichte aufgezeigt. Die zentralen Teile von Der philosophisch Atheismus in des Antiken Welt wenden sich der Identifizierung der Person des Leukipp zu, dessen Werk klar von dem des Demokrit unterschieden wird. Im IV. Kapitel wird die „Authentizität“ des atomistischen Denkens untersucht, das dieser Autor stark durch eine oberflächliche, unachtsame, oder ideologische Hermeneutik mystifiziert hält. Leukipp erweist sich als innovativer und revolutionärer Philosoph, während Demokrit als für die theoretische Verwirrung des Atomismus verantwortlich an Größe verliert.

In L'illuminismo e la rinascita dell'ateismo filosofico (Der Illuminismus und die Wiedergeburt des philosophischen Atheismus) werden die Vorläufer, die Beweggründe, die Modi und die Ergebnisse der illuministischen Kulturrevolution in ihren vielfältigen Aspekten einer analytischen und kritischen Neubewertung unterzogen. Ein Fresko des Jahrhunderts der Leuchten, welche das Alte und das Neue bei ihrem Auftreten als Kampf zwischen dem Heiligen und dem Profanen, zwischen dem Sozialen und dem Privaten, zwischen dem Theologischen und dem Blasphemischen, zwischen Philosophie und Naturwissenschaft aufzeigt. Der erste Teil betrachtet die gesellschaftliche Situation des Ancien Régime, die Kultur, die Presse, die Moral und die Vorläufer des Illuminismus (Bacon, Gassendi, Locke und Bayle). Der zweite Teil befasst sich mit den Deisten, mit Hume und Kant, Voltaire und Rousseau. Der dritte Teil ist dem „Neuen Horizont von Zivilisation und Kultur“ in der Moral, der Politik, in der Naturwissenschaft und in der Technologie gewidmet. Der vierte Teil konzentriert sich auf den Laizismus, was dieser ist und was er nicht ist, was Annahme und was wahr ist, was Aussehen und was Wesen ist, auf eine geleugnete Metaphysik, die im Kleid des Gottes als Notwendigkeit als Ersatz für den christlichen Gott als Wille wiedergeboren wird. Der fünfte Teil (Das Ende des Illuminismus) handelt von Cabanis, dem Arzt und Philosophen, der den Grundstein für die moderne Psychologie gelegt hat, und vom Marquis de Sade, der als Leugner der echten Erotik gesehen wird.

Werke[Bearbeiten]

  • Necessità e libertà (L'ateismo oltre il materialismo) [Freiheit und Notwendigkeit (Der Atheismus über den Materialismus hinaus)], Florenz, Clinamen 2004
  • Ateismo filosofico nel mondo antico (Religione, naturalismo, materialismo, atomismo. La nascita della filosofia atea) [Der philosophisch Atheismus in des Antiken Welt (Religion, Naturalismus, Materialismus, Atomismus. Die Entstehung der atheistischen Philosophie], Florenz, Clinamen 2005
  • La filosofia e la teologia filosofale (La conoscenza della realtà e la creazione di Dio) [Die Philosophie und die philosophale Theologie (Die Erkenntnis der Realität und die Schaffung der Gottheit)], Florenz, Clinamen 2007
  • L'Illuminismo e la rinascita dell'ateismo filosofico (Teologia, filosofia e scienza nella cultura del Settecento) [Die Aufklärung und die Wiedergeburt des philosophischen Atheismus (Theologie, Philosophie und Naturwissenschaft in der Kultur des siebzehnten Jahrhunderts)], 2 Bänden., Florenz, Clinamen 2008
  • Dal nulla al divenire della pluralità (Il pluralismo ontofisico tra energia, informazione, complessità, caso e necessità.) [Aus dem Nichts zu des Wirklichkeits Werden (Der onto-physikalisch Pluralismus zwischen Energie, Information, Komplexität, Fall und Notwendigkeit)] On-line: http://nulla-divenire.exactpages.com

Reden und Interviews[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

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