Anne Shakespeare

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Anne Shakespeare (* angeblich 25. Januar 1568 in Stratford-upon-Avon, England; † angeblich 28. März 1624 in Lewes, Sussex, England), ist die fiktive jüngere Schwester des Dichters William Shakespeare, war Lautenistin und Komponistin. Wie die fiktive Biographie von Otto Jägermeier ist die Erfindung dieser Figur ein wissenschaftlicher Witz.

Leben und Fragen[Bearbeiten]

Anne Shakespeares Geburtsort Stratford-upon-Avon in der englischen Grafschaft Warwickshire, nahe Birmingham, ist derselbe wie der ihres berühmten Bruders William Shakespeare. Als Tochter von John Shakespeare und Mary Arden gehört sie zu dessen zahlreichen Geschwistern, ist aber nicht zu verwechseln mit der drei Jahre nach ihr geborenen, aber früh verstorbenen Schwester Anne (1571-1579) oder mit der Ehefrau Anne Hathaway ihres Bruders.[1] Alles, was über die Komponistin Anne Shakespeare bekannt wurde, entstammt offenbar erst dem Nachlass von Virginia Woolf, der 1948 entdeckt wurde. Diese Quelle gibt Annette Kreutziger-Herr in ihrem Lexikonartikel Anne Shakespeare in Musik und Gender (2010) an, ohne den Fundort des Nachlasses mitzuteilen.[2] Sie nennt als Quelle nur das Essay Virgina Woolfs Ein Zimmer für sich allein (1929), zusammen mit dem 2009 − nur ein Jahr vor dem Lexikon − veröffentlichten Buch Kurt Kreilers Der Mann, der Shakespeare erfand - Edward de Vere, Earl of Oxford (1550-1604).[3] Zu den essentiellen Fakten über Annes Leben und Musik, die Kreutziger-Herr zusammenfasste, gehört beispielsweise die präzise Mitteilung ihrer Lebensdaten und dass sie „in der White Church von Lewes, Sussex, begraben“ worden sei, vor allem aber die genaue Darstellung ihrer Kompositionen.

Anne besuchte im Gegensatz zu ihrem Bruder William keine Schule. Durch ihre von ihren Eltern arrangierte Heirat mit dem Pastor Peter James Tanton kam sie 1589 nach Lewes in Sussex, Südengland, wo sie sich neben dem Komponieren unter anderem der Erziehung „ihrer insgesamt sechs Kinder“, zusammen mit Waisenkindern des Ortes widmete. Die Beisetzung einer Pfarrfrau in der Kirche wirft die Frage auf, ob nach traditionellem Verständnis damals nur bedeutende Persönlichkeiten in der Kirche beigesetzt wurden. Dieser Frage im Falle Anne Shakespeares nachzugehen, ist Desiderat der Forschung. Virginia Woolf, die Annes Nachlass überlieferte, zählt heute zu den Persönlichkeiten der Stadt Lewes. Anne Shakespeare wäre dazu zu zählen.

Rätsel und Diskussion[Bearbeiten]

Es ist rätselhaft, wieso – durch das Bekanntwerden der Komponistin Anne Shakespeare − derselbe Vorname bei den Shakespeare-Schwestern zweimal hintereinander auftaucht.[4] Mit Anne Shakespeares Grab und ihren Kompositionen auf Texte ihres Bruders, die sie „posthum“ ihrer Schwester Judith widmete, die mit 19 Jahren Selbstmord beging, wurden lange verborgene Tatsachen bekannt. Die Schwester Judith muss es wirklich gegeben haben, denn Anne bezieht sich in Briefen auf deren Tagebücher. Durch die von Kreutziger-Herr gemachte Zusammenfassung aller dieser Fakten wird Anne Shakespeare einerseits in die Diskussion um die fiktive Dichterin Judith in Virginia Woolfs Essay Ein Zimmer für sich allein[5] als auch die angebliche Doppelgängerschaft ihres Bruders William Shakespeare[6] andererseits vernetzt.

Besonders rätselhaft ist, dass Virginia Woolf dasselbe Geburts- und Todesdatum (Monate und Tage) hat, wie Anne Shakespeare. Da Virginia Woolf wie ihre fiktive Dichterin Judith ebenfalls Selbstmord beging, könnte sie das Todesdatum von Anne gewählt haben, um dieser Duplizität bewusst nachzuhelfen. Der Lexikonartikel in Musik und Gender von Kreutziger-Herr enthüllt die Fakten zu Anne ohne Einzelheiten durch genaue Nachweise zu begründen. Mit den Angaben „Woolf 1929“ und „Kreiler 2009“ hat er jedoch die wichtige Literatur angegeben, die in die historischen Rätsel um die Shakespearefamilie einführen.

Musik und Bedeutung[Bearbeiten]

Als Kind erhielt Anne Shakespeare ab 1575 privaten Lauten- und Gesangsunterricht. Schon als 12-Jährige (1580) komponierte sie Pavanen und Galliarden sowie Kompositionen für ein Gambenconsort, die innerhalb der Familie aufgeführt wurden. Berühmte englische Zeitgenossen solcher Gambenmusik waren William Byrd und John Dowland. Die ihrer verstorbenen Schwester Judith gewidmeten vier Lautenlieder auf Sonette ihres Bruders komponierte sie in Lewes. Nach Kreutziger-Herr fallen diese dadurch auf, dass sie die strophische Form überwinden und „durchkomponiert“ sind. Zwischen 1610 und 1624 entstanden weitere rund 30 Lautenlieder sowie eine kleine musikalische Szene. Der Begriff „musikalische Szene“ deutet auf ein kurzes musikdramatisches Vocalstück in jener Epoche, wo parallel in Italien die frühe Oper entstand.

Annette Kreutziger-Herr nennt die Komponistin in ihrem Lexikon-Artikel eine „Hochbegabung“, deren bis heute ungedrucktes Werk erst jetzt als „Untersuchungsfeld“ der Genderforschung des 21. Jahrhunderts zur Verfügung stehe.

Zu Virginia Woolfs Essay Ein Zimmer für sich allein[Bearbeiten]

Die englische Dichterin Virginia Woolf wurde für Anne Shakespeare wichtig, weil ihr Nachlass 1948 die Musik der Komponistin überlieferte.[7] Welche von den weiteren Einzelheiten in Kreutziger-Herrs Lexikonartikel auf dem Nachlass Woolfs beruhen, ist nicht angegeben. Der als Quelle angegebene Essay Woolfs Ein Zimmer für sich allein, gehört zur Initialliteratur des Feminismus. Er enthält dichterische Beschäftigungen mit den Lebensbedingungen der Künstlerinnen der Elisabethanischen Zeit Shakespeares, beschreibt die unglücklichen Lebensumstände der fiktiven Dichterin Judith, „die sich in einer Winternacht das Leben“ nahm[8] und gibt Parallelen zu anderen Künstlerinnen dieser Zeit. Unter diesen war das Los der Komponistin am schlechtesten,[9] denn Komponistinnen stünden sogar noch heute (zur Zeit Woolfs) so da, wie die Schauspielerin zur Zeit Shakespeares: Da war ihnen dieser Beruf untersagt. Wie es zu Shakespeares Zeit – Annes Zeit − mit der Musikerin und Komponistin stand, bleibt bei Woolf ein „weißer Fleck der Musikgeschichte“, um es mit einem heute modernen Begriff zu beschreiben.

Werke[Bearbeiten]

Nach Kreutziger-Herr[10]

  • Pavanen und Galliarden (1580)
  • Musik für Gambenconsort (1580)
  • Vertonung von vier Sonetten von Shakespeare, gewidmet ihrer verstorbenen Schwester Judith
  • Rund dreißig Lautenstücke, komponiert zwischen 1610 und 1624
  • Lieder
  • Musikalische Szene, nach 1610

Literatur[Bearbeiten]

V. Woolf und K. Kreiler sind die Quellen für den Lexikonartikel von A. Kreutziger-Herr Anne Shakespeare[11]

Nachweise[Bearbeiten]

  1. Ungeklärt ist, wieso es zwei Schwestern mit Namen Anne gab. Das Internet enthält die Daten der anderen Shakespeare-Schwester Anne, die nur sieben Jahre alt wurde: Geschwister Shakespeares.
  2. Annette Kreutziger-Herr, Melanie Unseld (Hrsg.): Lexikon Musik und Gender, 2010, S. 471 f.
  3. Kurt Kreiler: Der Mann, der Shakespeare erfand - Edward de Vere, Earl of Oxford (1550-1604). Insel-Verlag, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-458-17452-3.
  4. Geschwister Shakespeares
  5. In Virginia Woolfs Essay Ein Zimmer für sich allein wird Judith als fiktive Dichterin geführt.
  6. Zum Buch Kurt Kreilers
  7. In Annette Kreutziger-Herrs Lexikonartikel von 2010 ist er als Quelle genannt.
  8. Deutsche Übersetzung von Axel Monte 2012, S. 66/67.
  9. Deutsche Übersetzung von Axel Monte 2012, S. 75.
  10. Annette Kreutziger-Herr, Melanie Unseld (Hrsg.): Lexikon Musik und Gender, 2010, S. 471.
  11. Annette Kreutziger-Herr, Melanie Unseld (Hrsg.): Lexikon Musik und Gender, 2010, S. 472.
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